Kabarett

Hagen Rethers Belehrungen in der Stadthalle zünden oft nicht

Hagen Rether übte in der Stadthalle am Freitag viel Kapitalismuskritik. Seine zahlreichen Belehrungen zündeten aber häufig nicht.

Foto: Funke Foto Services

Hagen Rether übte in der Stadthalle am Freitag viel Kapitalismuskritik. Seine zahlreichen Belehrungen zündeten aber häufig nicht.

Hagen.   Viel Kapitalismuskritik und belehrende Worte zum Thema Ernährung und Massentierhaltung. Doch Hagen Rethers Auftritt schwächelte auch.

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Auf der ansonsten dunklen Bühne wirft ein einzelner Spot Licht auf einen Bürostuhl und einen Flügel, auf dem einige Bananen liegen. Die Beleuchtung im Saal wird gedimmt, unter Beifall betritt Hagen Rether die Bildfläche und wird diese, außer in der Pause, für über dreieinhalb Stunden nicht verlassen.

Der Kabarettist stellte am vergangenen Freitag sein Programm mit dem Titel „Liebe“ in der gut gefüllten Hagener Stadthalle vor. Liebe? Ist ein schwieriges Thema, kann lustig oder ernsthaft sein. Doch wer bei diesem Titel abgedroschene Beziehungswitze erwartete, lag falsch. Mit emotionaler Liebe hatte Rethers Programm sehr wenig zu tun, der Kabarettist setzte in seiner Show stattdessen auf die politischen und gesellschaftlichen Spitzen, für die er geschätzt wird.

Situation der Journalisten in der Türkei angeprangert

So begann seine Show wie ein Gespräch, das nicht so richtig in die Gänge kommen möchte, mit vielen Pausen und einigen unaufgeregten, beiläufig wirkenden Sätzen. Tagesaktuell lobte er zunächst die Freilassung von Deniz Yücel, prangerte aber zugleich die weiterhin schwierige Lage für Journalisten in der Türkei an. Damit war der Einstieg in Rethers rhetorisches Steckenpferd Politik gefunden.

Kabarettist wirbt für sein Weltbild

Es folgte jedoch nicht die Abarbeitung von klassischen Stammtischthemen, wie die Koalitionsverhandlungen, sondern ein klar linksgerichtetes, ökologisches und soziales Weltbild, für das der Kabarettist mit Nachdruck warb, man könnte sogar sagen ein Weltbild, das er predigte. Einen großen Teil der Veranstaltung machten Belehrungen aus dem Mund eines Weltverbesserers aus, die zwar meist unterhaltsam blieben, aber häufig auch nicht zündeten.

Die deutsche „Untertanengesellschaft“ im Visier

Ideologisch ging Rether in seinem Programm von einer deutschen „Untertanengesellschaft“ aus, die die Mehrheit der Bevölkerung stelle. Sich selbst sah er im Kontrast dazu als Teil einer kleinen linken Elite, die es einfach besser weiß als der Rest, aber deren Stimme seiner Meinung nach kaum gehört werde. Überzeugend wirkte das jedoch nicht.

Betroffene Blicke im Publikum

In seinen Ausführungen verband er sein Herzblutthema Fleischkonsum mit Kapitalismuskritik und einem satirischen Rundumschlag, bei der die deutsche Parteienlandschaft ordentlich einstecken musste. Vor allem das Thema Ernährung sorgte häufiger für betroffene Blicke bei den Besuchern. Knallhart konfrontierte Rether das Publikum mit den Auswirkungen von Massentierhaltung und warb für Veganismus Mit Blick auf die menschliche Verantwortung für den Planeten plädierte er für einen Fleischverzicht und beschwor dabei die Schreckgespenster Tiermisshandlungen in Massenbetrieben und multiresistente Keime durch antibiotikaversetztes Fleisch herauf.

In Sachen Politik einer Meinung mit dem Publikum

Bei solchen polarisierenden Programmpunkten wurde Rether der Kunst des Kabaretts vollauf gerecht, er legte den Finger in die Wunde und es wurde für die Zuschauer sichtlich unangenehm. Zu solchen aufrüttelnden Momenten kam es leider nur selten. Bei politischen Fragen schien das Publikum einer Meinung mit Rether zu sein, da musste niemand aufgerüttelt werden. Anstatt zu verstören, waren Kabarettist und Publikum im Konsens, es gab wenige Spannungen.

Eine paradoxe Situation führte Rether herbei, als er nach mehreren Stunden Kapitalismuskritik versuchte, seine eigenen CDs zu verkaufen. Mit einem Augenzwinkern entschärfte er diesen Widerspruch: „Ihr wollt die doch gar nicht, ich nehm’ die einfach wieder mit nach Hause.“ Zum Abschluss begab sich Rether noch für ein jazziges Ständchen an den Flügel, der ihm vorher nur als Ablage für seine Bananen gedient hatte.

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