Allerheiligen

Hagener Orchester erinnert an Bombennacht

Die Historische Stadthalle Hagen nach dem Bombenangriff im Oktober 1943

Die Historische Stadthalle Hagen nach dem Bombenangriff im Oktober 1943

Foto: Stadtarchiv Hagen / Willy Lehmacher

Hagen.   Die Hagener Philharmoniker erinnern an die Zerstörung der Stadt im 2. Weltkrieg. Ein Blick auf die Musikgeschichte Westfalens in der Nazizeit

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Beim Aufräumen des Dachbodens fällt der Bratscherin Ursina Staub ein erstaunliches Dokument in die Hände: eine Sinfoniekonzertkritik in der Hagener Zeitung vom Dezember 1943. Das Städtische Orchester spielt Bach. Nazideutschland ist dabei, den Krieg zu verlieren. Bomben fallen auf Hagen. Dieser Zeitungsartikel gibt den Anstoß für ein besonderes Programm. Am 1. November erinnern die Hagener Philharmoniker im Theater unter dem Titel „Die zerstörte Stadt“ an den ersten Bombenangriff in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943. Stadthistoriker Dr. Ralf Blank wirft mit seinem Vortrag ein Licht auf das bisher noch weitgehend unerforschte Musikleben Westfalens in der Zeit des Nationalsozialismus’.

Was macht ein Orchester, wenn die Bomben fallen? In Hagen lautet die Antwort: Weiterspielen. Obwohl die historische Stadthalle am 1. Oktober zerstört wird und das für den 3. Oktober geplante Sinfoniekonzert mithin auf Dezember verschoben werden muss, bleibt das Orchester im Dienst. Die Musiker werden nicht an die Front geschickt. Warum? Ralf Blank hat sich eingehend mit der Person des damaligen Chefdirigenten Hans Herwig beschäftigt. „1942 wurde Hagen zur Gaukulturhauptstadt des Gaus Westfalen Süd erhoben. Die Nationalsozialisten wollten unter Hans Herwig auch ein Gauorchester installieren, weil man eine eigene Provinz Südwestfalen errichten wollte. Daraus ist nichts geworden.“

Diese Ambitionen gehen parallel mit der Tatsache, dass Hagen erst relativ spät durch Fliegerangriffe Schäden erleidet. Die berühmte Jugendstil-Stadthalle steht noch, als in Wuppertal oder Dortmund längst die Theater in Trümmern liegen. Auf dem Weg zum „Endsieg“ weichen daher viele Parteiveranstaltungen nach Hagen aus.

Denunziation und Widerstand

Ein Theaterbetrieb ist keine Insel der Seligen, sondern immer ein Spiegel der Gesellschaft. So wird Hans Herwig beispielsweise bereits in den 1930ern von einem Sänger denunziert, er habe kommunistische Musik aufgeführt, möglicherweise von Paul Hindemith. Die Anklage verläuft im Sande, aber Ralf Blank hat herausgefunden, dass der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) im Theater ermittelt, nachdem Flugschriften der regimekritischen Bekennenden Kirche am Schwarzen Brett aufgehängt wurden. „Es gab mehrere Spitzel des SD im Theater. Zwei von denen haben sich gegenseitig beschuldigt“, so der Historiker. Warum also bleibt Hans Herwig über alle Kriegsjahre hinweg unbehelligt in Amt und Würden am Taktstock, obwohl er kein Parteimitglied ist? „Hatte der SD etwas damit zu tun? Sicher ist, dass der Chefdirigent beim SD-Abschnitt Dortmund ohne Honorar aufgespielt hat“, versucht Blank, das Geheimnis zu enträtseln.

Herwig, 1896 in Elberfeld in großbürgerlicher Familie geboren, war von 1933 bis 1944 städtischer Musikdirektor in Hagen. Vorher leitete er fünf Jahre lang den Musikverein Arnsberg, der immer noch besteht. 1941 wird Herwig nach Luxemburg abgeordnet und pendelt fortan zwischen Westfalen und dem Großherzogtum, bis die Stadt Hagen 1944 seinen Vertrag nicht verlängert. 1949 wird dem Dirigenten die Leitung des neu gebildeten Kreisorchesters Unna übertragen. Durch dessen Fusion mit dem Städtischen Orchester Recklinghausen entsteht 1954 das Westfälische Sinfonieorchester mit Sitz in Lünen, dessen Generalmusikdirektor Hans Herwig bis zu seinem Tod 1958 wird. Ralf Blank: „Obwohl er nie Parteimitglied war, präsentierte sich Herwig noch in den Kriegsjahren in Artikeln zumindest nach außen als Befürworter der nationalsozialistischen Kulturpolitik und Weltanschauung.“

Auf dem Programm vom 3. Oktober bzw. 5. Dezember 1943 steht Johann Sebastian Bachs Konzert für vier Klaviere. Das Orchester muss insgesamt fünf Flügel für die Aufführung organisieren, was in Kriegszeiten fast unmöglich erscheint. Eine dicke Akte im Stadtarchiv belegt, wie aufwendig die Instrumentenfrage ist. Das fünfte Klavier dient dem Generalbassspiel durch den Dirigenten. Fündig wird man in der Musikszene der Stadt. Herwig stellt seinen eigenen Flügel zur Verfügung, weitere zwei kommen von der Solistin Margret Bueren und von Heinz Schüngeler. Einen Flügel steuert die Hagener Klavierfabrik Roth & Junius bei, die auch den Transport aller Instrumente in die Stadthalle übernimmt.

Fredeburger Kinderlieder

Die Klaviersolisten stammen aus der Schule von Heinz Schüngeler, einer der großen Musikerpersönlichkeiten Nordrhein-Westfalens. Der Musikpädagoge, Pianist und Komponist gilt als bedeutender „Pianistenmacher“ und ist durch seine Klavierschulen („Der neue Weg“) in fast jedem Wohnzimmer präsent. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Prof. Fritz Emonts und Hans Posegga, der Komponist der Titelmelodie zur „Sendung mit der Maus“.

Schüngeler, Direktor des Engelbert-Haas-Konservatoriums in Köln, gründet 1912 ein Musikseminar in der aufstrebenden Stadt Hagen. 1943 zieht der Musiker nach Bad Fredeburg. Dort komponiert er u.a. die Fredeburger Kinderlieder.

Auch die 1910 geborene Hagener Konzertpianistin Margret Bueren ist seine Schülerin. Margret Bueren hat später selbst viele Hagener am Klavier unterrichtet. Im Hof hinter ihrem Haus in der Hochstraße errichtete die große Dame der Hagener Kultur einen eigenen Kammermusiksaal. Die Pianistin starb 2015 im Alter von 105 Jahren. Heute ist sie vergessen.

Konzert: Die zerstörte Stadt: Donnerstag, 1. November, 18 Uhr, Theater Hagen. Werke von Bach, Hindemith, Herwig. Vortrag von Dr. Ralf Blank.

www.theaterhagen.de

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