Hoch gepokert und stürmisch gefeiert

Hagen.   Der Amerikanerin Karen Kamensek beim Dirigieren zuzuschauen, macht einfach Freude. Die international ebenso erfahrene wie gefragte Künstlerin arbeitet mit ganzem Körpereinsatz an jedem Takt, förmlich jeder Note: wiegend, wippend, schaukelnd, fast hüpfend. Mit reichhaltiger, stets ausgesprochen präziser Gestik auch für kleinste Nuancen und Einsätze führt sie ihr Orchester souverän und gleichsam in intimer, unmittelbarer geistiger wie eben auch körperlicher Nähe durch die zu bewältigenden Partituren.

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Der Amerikanerin Karen Kamensek beim Dirigieren zuzuschauen, macht einfach Freude. Die international ebenso erfahrene wie gefragte Künstlerin arbeitet mit ganzem Körpereinsatz an jedem Takt, förmlich jeder Note: wiegend, wippend, schaukelnd, fast hüpfend. Mit reichhaltiger, stets ausgesprochen präziser Gestik auch für kleinste Nuancen und Einsätze führt sie ihr Orchester souverän und gleichsam in intimer, unmittelbarer geistiger wie eben auch körperlicher Nähe durch die zu bewältigenden Partituren.

Saxophon-Quartett begeistert

Unter dem Motto des Abends „Hoch gepokert“ leitet die Gastdirigentin das Hagener Philharmonische Orchester beim siebten Sinfoniekonzert der Saison zwei Stunden lang durch ein immer wieder stürmisch gefeiertes Programm. Igor Strawinsky, Philip Glass und Joseph Haydn geben dabei den kompositorischen Ton an, verstärkt und vom Publikum frenetisch gefeiert wird der Klangkörper zudem durch das Saxophon-Quartett „clair-obscur“. Diese vier Ausnahmemusiker, die schon seit 15 Jahren gemeinsam Welterfolge feiern, stehen im Fokus der Interpretation von Philip Glass’ „Konzert für Saxophonquartett und Orchester“. Das Werk des amerikanischen Komponisten wurde erstmals 1995 aufgeführt und zieht den Zuhörer mit magisch-meditativen Momenten gerade so in seinen Bann wie dann auch wieder mit filigran anmutenden, zirzensisch-artistischen Passagen. Wie eine Mischung aus stimmungsvoller Filmmusik, opulenter Landschaftsmalerei und hypnotisierender Energie wirkt diese Komposition, in deren tragendem Mittelpunkt das Quartett „clair-obscur“ fantastisch zu glänzen weiß und dabei dennoch auch dem begleitenden Orchester Raum und Bedeutung auf Augenhöhe nicht nur zubilligt, sondern regelrecht herausfordert. Karen Kamensek wird hier zum kongenialen Bindeglied zwischen Solisten und Orchester; ein Hörerlebnis, das am Ende mit zwei Zugaben noch dankbar abgerundet wird.

Pokerpartie vertont

Zuvor haben sich die Hagener Philharmoniker mit Strawinskys „Kartenspiel“ („Jeu de Cartes“) quasi warm gemacht. Der Komponist hat eine Pokerpartie vertont und dadurch seiner eigenen Passion ein klangvolles Denkmal gesetzt. Das 1937 uraufgeführte Stück experimentiert mit der Übersetzung eines haptischen Spiels mitten hinein in eine akustische Welt. Die Hagener Musiker lassen dies unmittelbar nachvollziehbar werden, und Karen Kamensek verstärkt ihr erfolgreiches Bemühen mit wesentlichen Impulsen und punktgenauen Akzentuierungen.

Fortwährende Geistesblitze

Zum Ausklang des Abends dann noch eine halbe Stunde des reinen Genießens: Joseph Haydns Sinfonie Nr. 103 transportiert regelrecht schwelgerische Stimmungen im Wechsel mit heiter-lockeren Emotionen. Über allem aber steht der Kompositionsgenius Haydn, der die Fäden unterschiedlichster Emotionen immer wieder wie ein Ton-Magier zusammenführt. Das Orchester scheint in diesem Noten-Meer lustvoll zu baden; die Musiker tauchen gemeinsam mit ihrer Dirigentin tief hinein in Haydns so köstlich und so kostbar klingende Kunst, die schon bei der Londoner Uraufführung im Jahre 1795 als eine Kette „fortwährender Geistesblitze“ vom Publikum aufgenommen worden ist. Und auch für Hagen ist es nun fürwahr der glanzvoll-krönende Abschluss eines wieder einmal sehr abwechslungsreichen und dabei betörend schönen Konzertabends.

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