GESPRÄCH

Johan Simons hofft im Revier auf mehr Stolz aus Überzeugung

Johan Simons, zu Besuch in der Essener Funke-Zentrale.

Johan Simons, zu Besuch in der Essener Funke-Zentrale.

Foto: Marit Langschwager

Essen.   Johan Simons, Intendant des Bochumer Schauspiels, über Stärken des Reviers, Bühnen-Skandale und seine Pläne, mehr Menschen ins Theater zu locken.

Johan Simons (72) hat gerade sein Programm für die nächste Spielzeit am Bochumer Schauspielhaus bekanntgegeben – und kurz vor Ende seiner ersten Saison als Intendant an der Königsallee noch Zeit gefunden, die WAZ im neuen Essener Hauptquartier der Funke-Mediengruppe zu besuchen. Simons sah der Redaktion beim Zeitungmachen und beim Online-Journalismus über die Schulter – und beantwortete die eine oder andere Frage.

Herr Simons, wie informieren Sie sich eigentlich?

Ich lese Zeitung, zuerst die Titelseite, dann den Sport, dann die Kultur. Und wenn ich Zeit habe, dann den Rest.

Welche Zeitung?

WAZ und „Süddeutsche“.

Und im Fernsehen? Die Tagesschau? Kann der Intendant eines Hauses, in dem jeden Abend was los ist, die sehen?

Ja, ich leiste mir das jedenfalls, wann immer es möglich ist.

Was fehlt dem Ruhrgebiet am meisten?

Stolz! Man soll wegkommen vor der Vorstellung, dass ein „Provinzler“ weniger wert ist als ein Mensch aus der Hauptstadt. Dagegen kämpfe ich schon mein Leben lang. Manchmal ist man im Ruhrgebiet aus Übermut stolz. Aber ich möchte, dass man aus Überzeugung stolz ist!

Man trägt hier aber lieber den Pelz nach innen.

Ja, aber man soll auch mal nach den Leuten gucken, die den Pelz nach außen tragen, kritisch!

Haben Sie einen Lieblingsplatz im Ruhrgebiet?

Das Cafe Zentral in Bochum und der Bochumer Stadtpark, wo ich auch wohne. Und ich finde all diese alten Fabrikgelände sehr schön. Was mir an vielen Ruhrgebietsstädten wirklich auffällt, ist diese „Scham-Architektur“. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, wollte man ganz schnell alles wieder bebauen, um die sichtbaren Zeichen der eigenen Schuld verschwinden zu lassen. Dabei war die Ästhetik nicht so wichtig.

Wie ändert man das? Braucht das Ruhrgebiet einen Masterplan, um einen architektonischen Umschwung zu bewirken?

Man braucht einen Zusammenhang. Warum nicht einmal eine Brachfläche nutzen und völlig neue, aber wirklich Weltklasse-Architektur da hinsetzen? Wenn es ein Gebiet gibt, wo man schmerzlos neue Architektur entwickeln könnte, wenn man viel Geld in die Hand nimmt, dann wäre es das Ruhrgebiet. Da hat auch die Wirtschaft eine große Verantwortung finde ich. Vielleicht müssen wir uns auch im Schauspielhaus mal ein ganzes Wochenende der Architektur widmen.

Wo sind Sie sonst noch gern?

Ich wohne in den Niederlanden sehr schön ländlich, deshalb orientiere ich mich in Bochum völlig auf die Stadt. Ich mag auch die heruntergekommenen Ecken und Straßen in Bochum. Man sieht, wie das soziale Verhältnis einer Stadt ist, man trifft auch auf Armut da – und beauftragt sich selbst mit den Themen, die auf der Straße liegen. Ich werde eher inspiriert von der Bochumer Brüderstraße mit den vielen Shisha-Bars als von der Maximilianstraße in München.

Was tun Sie, um die Leute von diesen Straßen ins Theater zu bekommen?

Damit bin ich schon mein Leben lang beschäftigt. Ich habe angefangen mit der Theatergruppe „Hollandia“, 15 Jahre lang, und die hat sich geschworen, Theater für Leute zu machen, die sonst nie ins Theater gehen. Wir haben in Gewächshäusern gespielt und nie in der Stadt. Ich bin froh, dass nicht nur Leute mit viel Geld ins Theater kommen.

Was ist Ihnen wichtiger, die Gesellschaft oder die Kunst?

Ich möchte darauf mit einer Anekdote antworten. Am Anfang habe ich viele Bauernstücke gemacht, weil ich dachte: Davon verstehe ich was, als Bauernsohn. Es gibt ein Stück von Herbert Achternbusch, „Gust“, das handelt vom letzten Bauern des 20. Jahrhunderts. Und der erzählt dem Publikum eine Geschichte, während im Hintergrund seine Frau stirbt, aber laut. Am Ende befreit er die Frau von ihrem Leid und zerdrückt die Medikamente, fünf Bühnen-Minuten später stirbt sie, und kurz zuvor setzt er ihr noch schnell das Gebiss ein, weil er als Bauer weiß: Der Mund wird im Tod zuerst steif.

Gesellschaft oder Kunst?

Nach der Vorstellung habe ich das Publikum gefragt, was sie am meisten beeindruckt hat. Und die reichen Amsterdamer aus dem Grachtengürtel haben gesagt: Der Moment, in dem er ihr das Gebiss in den Mund steckt – das ist große Kunst! Und am nächsten Tag habe ich den Bauern gefragt, der uns das Gewächshaus vermietet hat, der sagte: Der Moment, in dem er ihr das Gebiss in den Mund steckt – das ist echte Wirklichkeit! Und auf diesen Punkt hin möchte ich meine Arbeit bewegen. Ich möchte mich politisch zur Stadt verhalten, mit hochwertiger Kunst, die viele Perspektiven zulässt.

Auch wenn dann das Publikum ausbleibt?

Die Säle vollzukriegen mit leichtem Programm, mit Komödien und Liederabenden, das ist ja einfach. Vielleicht müssen wir ein bisschen mehr Unterhaltsames machen, aber an meinem Anspruch halte ich fest. Das Publikum und ich, wir befinden uns noch in einem Moment des gegenseitigen Kennenlernens. Es kam in Massen zu Kleists „Penthesilea“, bei dem ich jeden Satz zehn Mal lesen musste, um ihn zu verstehen – aber meine wirklich humorvolle Inszenierung mit zwei aktuellen Romanen von Houellebecq ist nur halb ausverkauft. „Murmelmurmel“ wiederum, das totaler Blödsinn ist, allerdings guter Blödsinn, ist dauernd voll. Vom selben Regisseur Herbert Fritsch hatten wir dann die „Philosophie im Boudoir“, aus dem einige einen Skandal gemacht haben…

… aber Skandale sind doch gut fürs Theater!

Ja, dann sollen die Leute auch wiederkommen und auf den nächsten Skandal gespannt sein! Aber viele blieben bei dieser Inszenierung weg… Wir übernehmen das Stück jedenfalls in die nächste Spielzeit – es kommt ja auch immer darauf an, wie man mit einem Skandal umgeht... Ich bin gespannt wie im Juni mein nächstes Stück „Hamlet“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle ankommt. Im Zentrum unserer Arbeit steht das Ensemble. Menschen auf der Bühne. Darauf ist alles ausgerichtet!

Was ist der größte Unterschied zwischen München und Bochum?

In München sind die Leute auf der Suche nach Problemen, hier hat man sie. Das macht das Ruhrgebiet aber auch dynamisch, deshalb fühle ich mich hier mehr zu Hause als in München. Die Menschen im Ruhrgebiet sind diejenigen in Deutschland, die den Niederländern am nächsten kommen.

Inwiefern?

In der Nüchternheit. Und sie sind praktische Leute. Sie sind auch als Zuschauer mehr dabei. Und Ihre Zeitung berichtet ja auch mehr über die Niederlande als über Bayern. Michel Houellebecq hat in seinem letzten Roman geschrieben, die Niederlande sind gar kein Land, sondern eine Firma. Auf dem Feld sind die Menschen hier dann doch ein bisschen deutscher, darüber bin ich auch froh.

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