Theater

In Bochum rückt Theater mit Milo Rau ins Kriegsgebiet ein

 

 

Foto: Schauspielhaus Bochum

Bochum.   Am Schauspielhaus Bochum inszeniert Milo Rau die „Orestie“ als eigenwillige Bühnencollage. Schauplatz ist die zerstörte Stadt Mossul im Irak.

Der Krieg, als Schrecken der Zivilisation, ist im Theater oft gegenwärtig; viele Stücke beschäftigen sich mit den Gräueln und den Folgen für die Überlebenden. Auch in „Orest in Mossul“ ist das so. Aber die Vorgehensweise von Regisseur Milo Rau geht weit über das Gewohnte hinaus. Er rückte in den Bochumer Kammerspielen im Wortsinn ins Kriegsgebiet ein.

Rau, Intendant des Nationaltheaters Gent, hat Motive der „Orestie“ des Aischylos in Mossul/Irak mit europäischen und irakischen Schauspielern inszeniert und filmisch festgehalten. Herausgekommen ist eine auf Niederländisch und Arabisch gesprochene Collage aus Spiel, Ton und Bild (mit deutschen Übertiteln). Fiktion und Realität, Mutmaßung und Aussage verschränken sich in beklemmender Form, der Zuschauer wird nach 100 Minuten mit einer Ladung an Eindrücken entlassen, die nachwirken.

2014 rief die Terrororganisation „Islamischer Staat“ in der Drei-Millionen-Stadt Mossul ein „Kalifat“ aus. Die Schlacht um das frühere Ninive begann zwei Jahre später. Sie kostete Tausende von Menschenleben. Warum Rau die „Orestie“ ausgerechnet dort inszeniert? „Das Stück handelt von einem endlosen Zyklus der Gewalt“, sagt der Regisseur, für den der Muttermörder Orest als Allegorie für den IS steht. Auch nach Ende des Bürgerkriegs ist die Gewalt allgegenwärtig, wenn Autobomben explodieren und alte Rechnungen beglichen werden.

Jede Biografie dort weise Parallelen zu den Charakteren aus der antiken Tragödie auf; Rau und sein Team nahmen das wörtlich. Sie banden Schauspielschüler und Musiker aus Mossul in die Stückentwicklung ein, recherchierten vor Ort, unter Gefahr für das eigene Leben. Sie ließen sich die Details von Hinrichtungen erklären, sie drehten auf dem Dach eines Hauses, von dem Homosexuelle in den Tod gestürzt worden waren. So entstand über Wochen ein west-östlicher Diwan der sehr speziellen Art.

Die Inszenierung ist hoch politisch, und sie entwickelt ihr Anliegen quasi dokumentarisch. Die Videos aus Mossul werden auf Großleinwand nicht nur eingespielt, sondern in den Ablauf eingebunden; etwa, wenn die Schauspieler auf der Bühne mit sich selbst im Film sprechen. Gewalt wird in allen brutalen Details thematisiert. Und doch vergisst man nie, dass letztlich alles künstlich, aber auch großes Schauspieler-Theater ist. Etwa, wenn die Rückkehr von Agamemnon und Kassandra (Johan Leysen und Susana Abdul Majid) in einem von gereizten Gesprächen begleiteten Begrüßungsessen zu sehen ist: eine Szene von lastender Spannung, wie auch der Mord Orests (Risto Kübar) an der panisch sich wehrenden Klytämnestra (Elsie de Brauw).

Die karge Bühne und der beständige Bruch im Erzählen erinnern von fern an Brechts Episches Theater. Die Schauspieler schminken sich vor Publikum ab, reflektieren den Entstehungsprozess des Stückes, teilen persönliche Erfahrungen mit. Das ist sehr geschickt gemacht, es ist bemerkenswert, wie virtuos der Regisseur sein Spiel mit den doppelten und dreifachen Erzähl- und Bezugsebenen betreibt.

Was man nicht erwarten darf, ist eine Neudeutung des antiken Klassikers. Den Vorwurf muss Rau sich gefallen lassen, dass er die „Orestie“ nur als Steinbruch nimmt für eine clevere Politcollage, die dem Zuschauer zwar kaum Luft zum Atmen lässt, ihm aber auch keine Lösungen anbietet. Vielleicht einfach deshalb, weil es keine gibt – außer dem Appell ans gegenseitige Mitgefühl und ein Gerechtigkeitsgefühl für die Leidenden. 2500 Jahre nach Aischylos ist der Krieg ist immer noch nicht vorbei. Und der Kampf um Gerechtigkeit hat gerade erst begonnen.

Info:

„Orest in Mossul“ ist nur für kurze Zeit in den Bochumer Kammerspielen, Königsallee 15, zu sehen, danach geht die Produktion auf Tournee durch Europa.

Termine: 19., 22., 23., 24., 26., 28., 29., 30. Mai. Tickets: 0234/3333-5555

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