Kultur und Gesellschaft

Jahrelang anschwellender Judenhass

Die Kippa, die im Mittelpunkt des antisemitischen Angriffs Mitte April in Berlin stand.

Foto: dpa Picture-Alliance / Sina Schuldt

Die Kippa, die im Mittelpunkt des antisemitischen Angriffs Mitte April in Berlin stand.

Essen.   Diskriminierungen, Hasspost, subtile Ausgrenzung: Die Bloggerin Juna Grossmann berichtet von Antisemitismus-Erfahrungen in Deutschland

Als in diesem Frühjahr ein Mann im Prenzlauer Berg verprügelt wird, weil er eine Kippa trägt, macht das Schlagzeilen, löst Demonstrationen aus. Weil der Täter ein Syrer ist, wird kurz darauf viel vom neuen Antisemitismus die Rede sein, der mit manchen Geflüchteten ins Land gekommen ist und von der Spitze eines Eisbergs. Juna Grossmann sieht darin allerdings viel Ablenkung und Heuchelei: Der Antisemitismus, den die Berliner Bloggerin bereits seit Jahren zu spüren bekommt, ist täglich und er ist deutsch.

Grossmann breitet in ihrem Buch „Schonzeit vorbei“ eine erschreckende Vielfalt von antisemitischem Verhalten und Reden aus. Stellenbewerber, die gefragt werden, ob ihr Name jüdisch sei – und nie wieder etwas von Stelle hören, die sie schon sicher hatten. Oder die Wohnung im Hamburger Edel-Viertel Harvestehude (170 Quadratmeter, 2700 Euro Miete), über die der Makler offen sagt: „Die Besitzerin vermietet nicht an Juden“. Oder der Laden für koschere Lebensmittel in Berlin-Tegel, dessen Betreiber sich von Kahlgeschorenen mit „Judensau“ anschreien lassen muss und jeden Morgen seine Scheiben von Urin und Spucke reinigen – nach einem Jahr gab er auf und wanderte nach Israel aus.

„Wann gehen Sie zurück?“

Juna Grossmann selbst merkt, wie sie auf ihrem Blog „irgendwiejuedisch.com“ mit der Zeit immer vorsichtiger, immer bedachter, vorsichtiger schreibt – eine Folge der vielen Hasskommentare, die sie auf ihre Texte bekommt. Dass diese Hass-Post kaum noch anonym eintrifft, dass sie „auch gern mit akademischen Titeln und Anschriften versehen“ ist, zeigt: Der aktuelle Antisemitismus ist keine Frage der Bildung. Und er mag nicht hoffähig sein, aber er ist, keine acht Jahrzehnte nach dem industriellen Massenmord an Europas Juden, auch kein Tabu mehr.

Juna Grossmann skizziert eine ganze Reihe von gesteigerten, gezielten Tabubrüchen, mit denen die Tür zum Antisemitismus als Alltagsphänomen aufgestoßen wurde. Es beginnt für sie bei dem offen antijüdischen Wahlkampf des FDP--Politikers Jürgen Möllemann in den Jahren 2001/2002. Zu dieser Zeit verändert sich auch, die Stimmung im Jüdischen Museum in Berlin, wo Grossmann als Besucher-Betreuerin arbeitete. Verhaltensregeln im Museum werden als Rache für den Holocaust gedeutet. Immer häufiger muss sich die in Deutschland Geborene, in Deutschland Aufgewachsene von ganz normalen Deutschen fragen lassen, wann sie denn in ihre „Heimat“ zurückgehe. Gemeint ist dann Israel, für dessen Politik sich die Deutsche Grossmann regelmäßig vor anderen Deutschen verantworten muss.

Wer sich vor wem wofür verantworten muss, daran erinnert Sabine Adlers Buch über die Psychologin Giselle Cycowicz. Mit über 90 Jahren betreut sie, selbst eine Überlebende der Shoah, hochbetagte Holocaust-Opfer in Israel. Sie ringt mit Traumata, die manchmal 40 Jahre später aufbrechen, und manchmal weiß sie, dass sie den Kampf gegen die Schatten der Vergangenheit nicht mehr gewinnen kann, nur noch Schäden mildern.

Wie sich das Grauen bis in die Kinder- und Enkel-Generation von KZ-Insassen auswirkt, zeichnet das Porträt der Psychologin und ihrer Patienten in eindringlicher Weise nach. Und an der umwerfenden Stärke, der überragenden Bewusstheit von Giselle Cycowicz aber wird zugleich deutlich, dass nur der aktive Umgang mit der Erinnerung ermöglicht, über sie hinauswachsen zu können.

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