MUSIK

Jazzfestival Münster 2019 war das wohl beste aller Zeiten

Jazz-Saxophonist Daniel Erdmann.

Jazz-Saxophonist Daniel Erdmann.

Foto: Sven Thielmann

Münster.   Füllhorn jazziger Glücksgefühle: Der 40. Geburtstag des Jazzfestival Münster war so spektakulär, dass es selbst Veteranen die Sprache verschlug.

In Münster ticken die Uhren anders. Weshalb man nun im binnen 15 Minuten (neuer Rekord!) ausverkauften Stadttheater mit der 27. Ausgabe des Jazzfestivals dessen 40. Geburtstag feiern konnte – seit 1997 findet das wegweisende Ereignis im Zweijahresrhythmus statt.

Legte schon in der Vergangenheit der künstlerische Leiter Fritz Schmücker mit westfälischer Zuverlässigkeit die Messlatte immer wieder hoch, so übertraf er sich diesmal selbst. Selbst altgedienten Festivalfans verschlug es die Sprache. Ein komplettes Festival ohne eine einzige Pleite – wann gab es das schon einmal?

Spannendes aus ganz Europa

Statt nostalgischer Rückblicke präsentierte Schmücker eine ungemein spannende Auswahl der aktuellen europäischen Szene. Mit stolzen neun Deutschland-Premieren, allein dem eigenen guten Geschmack verpflichtet und in der Programmabfolge perfekt komponiert. Eine atemberaubende Symphonie der Glücksgefühle, facettenreich inszeniert und voller Bezüge, die sich erst im Laufe der drei Tage so richtig erschlossen.

So erlebte man mit Erik Truffaz, Susana Santos Silva und Martin Eberle drei hochvirtuose Trompeter in ganz unterschiedlichen Kontexten. Denn wo der Franzose mit dem polnischen Pianisten Krzysztof Kobyliński romantische Feinkost bot, präsentierte die grandiose Portugiesin mit ihrem Quintett „Impermanence“ kontrolliert-stimmungsvolle Impro-Abenteuer. Der junge Österreicher wiederum lieferte bei „Shake Stew“ mit aberwitziger High-Note-Performance das atemraubendste Solo des Festivals ab.

Spektakuläre Entdeckungen gab es zuhauf. Die verrückte estnische Sängerin Kadri Voorand etwa, die von dem Bassisten Mikhel Mälgand klanggewaltig geerdet wurde. Oder die zarte Poesie der Ungarin Veronika Harsca, die ihr Gatte Bálint Gyémánt auf der Gitarre sanft untermalte, wozu zwei belgische Rhythmiker delikate Pattern woben. Freunde tieftönender Sounds freuten sich über das portugiesische Altsax-Tuba-Duo „Tubax“ in sprudelnder Vitalität ebenso wie über die flirrend-intensive Multimedia-Performance des neuen Westfalen-Jazz-Preisträgers Florian Walter.

Ein Höhepunkt jagte den nächsten: Flamenco-selig etwa mit Marco Mezquida am Ferrari-roten Flügel, in beinharter Techno-Trance mit dem bayrischen Piano-Trio „LBT“ und hochenergetisch bei „Daniel Erdmann’s Velvet Jungle“ (Tipp: am 19.1. beim JOE-Festival in Essen). Außerdem feierte Moondog 20 Jahre nach seinem Tod eine sensationelle Wiederauferstehung dank des Franzosen Sylvain Rifflet, während der US-Cellist Erik Friedlander mit dem famosen Uri Caine am Klavier „La fée verte“ (vulgo: Absinth) genüsslich huldigte.

Ein ebenso berauschendes Erlebnis wie das Finale mit der österreichischen Wahnsinns-Combo „Shake Stew“, die verstärkt um den Surf-Gitarristen Tobias Hoffmann und die Vokalartistin Angela Maria Reisinger alias „Queen Mu“ das bislang beste Münster-Festival hinreißend kraftvoll krönte. So großzügig lieferten die Heiligen Drei Könige noch nie ihre Jazz-Geschenke.

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