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Käse Challenge: Ein bekloppter Wettbewerb

30. März 2012, Hagen. Redakteurin Dr. Monika Willer WPReporter Kultur WP.+++ Foto: Michael KLEINRENSING / Westfalenpost Lokalredaktion Hagen / m.kleinrensing@westfalenpost.de +++

30. März 2012, Hagen. Redakteurin Dr. Monika Willer WPReporter Kultur WP.+++ Foto: Michael KLEINRENSING / Westfalenpost Lokalredaktion Hagen / m.kleinrensing@westfalenpost.de +++

Foto: Michael Kleinrensing

Eltern werfen Babys Käsesscheiben ins Gesicht und stellen die Videos dann ins Netz. Darüber muss man sich doch sehr wundern

Man kommt ja heutzutage aus der Aufregung gar nicht mehr raus. Doppelnamen, diverse Klos und Indianerkostüme treiben die Republik in die Hysterie. Dabei verpasst man die wirklichen Ärgernisse. Die verraten Dinge über den Zustand der westlichen Welt, die einem Angst machen können.

Millionenfach geklickt

Eltern wetteifern im Internet derzeit damit, ihren Säuglingen und Kleinkindern Käsescheiben ins Gesicht zu klatschen. Die Videos von den Aktionen laden sie dann in den sozialen Netzwerken hoch, wo sie millionenfach geklickt werden. Käse-Challenge nennt sich der unglaubliche Wettbewerb.

Baby in Panik

Die Internet-Gemeinde liebt Baby-Fotos. Denn ein Kleinkind hat kein Pokerface, im Gegenteil, es spiegelt Gefühle ganz unmittelbar. Klatscht man Kindern Käse ins Gesicht, reichen die Reaktionen von Verwunderung über Entsetzen und Panik bis zu völliger Fassungslosigkeit. Diese entgleisten Gesichtszüge finden viele Leute lustig und schauen sie sich gerne an. Die Eltern bedenken dabei nicht, dass ihr Kind vorgeführt wird. Die Fotos hängen ihm ein Leben lang nach, denn das Netz vergisst und verliert nichts.

Grenzen werden überschritten

Doch wie kommt jemand überhaupt auf die Idee, seinem Baby irgendetwas ins Gesicht zu werfen und dann auch noch Lebensmittel? Diese Aktion übertritt gleich mehrere Grenzen. Sie ist Ausdruck einer Verrohung, die uns als sozialer Gemeinschaft noch den Hals brechen wird. Den Käseklatschern fehlt jegliche Achtung vor der körperlichen und seelischen Integrität eines schutzbefohlenen Babys – und auch jegliche Fürsorge. Um einiger Klicks im Netz willen wird in Kauf genommen, das Baby zu erschrecken. Dem Kind wiederum bringt man bei, dass Lebensmittel keinen Wert haben, sondern wie Wegwerfware behandelt werden können.

Ohne Mitgefühl

Die Käsewerferei offenbart den der gleichen Mangel an Respekt, mit dem Gaffer Rettungskräfte behindern oder Open-Air-Publikum Flaschen auf die Bühne wirft. Die Leute verlieren die Fähigkeit, sich einzufühlen und mitzufühlen, selbst die eigenen Babys werden wie Dinge betrachtet, die den persönlichen Spaßfaktor erhöhen.

Trauriges Internet

Dem Internet galt einst unsere ganze Hoffnung. Wir dachten, es wird zum Instrument der Demokratie, es bringt freien Zugang zu Information und Teilhabe für alle. Diese Vision hat sich nicht eingelöst. Tatsächlich ist das Internet eine Kloake geworden. Wie traurig.

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