Kino

Kidmann glänzt auch in der Produktion „Der verlorene Sohn“Kidmann glänzt auch in der Produktion „Der verlorene Sohn“

Nicole Kidman und Lucas Hedges

Nicole Kidman und Lucas Hedges

Foto: Focus Features

In dem Hollywood-Drama „Der verlorene Sohn“ ringt eine Baptistenfamilie aus den Südstaaten mit der Homosexualität ihres Nachwuchses

Bei der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe hat sich die westliche Welt in den vergangenen Jahren etwas weitergedreht. Doch spätestens, wenn Homosexualität in der eigenen Familie vorkommt, geht die Toleranz schnell flöten. Vor allem bei strengen Glaubensgemeinden wie den evangelikalen Baptisten im Bibelgürtel der amerikanischen Südstaaten, in deren Umfeld der nach dem autobiografischen Buch „Boy Erased“ von Garrard Conley entstandene Film „Der verlorene Sohn“ spielt.

Engstirnige Christen

Weil er am College angeblich einen Mitschüler verführen wollte, muss sich der 19-jährige Jared aus einer Kleinstadt in Arkansas vor seiner Familie als homosexuell outen. Für den Sohn des strengen Baptistenpredigers Marshall und dessen behütenden Ehefrau Nancy bricht damit eine Welt zusammen. Der Vater stellt Jared vor die Wahl: Entweder er unterzieht sich einer sogenannten Reparativtherapie, die seine Verirrung heilen soll – oder die Familie kehrt ihm den Rücken. Der sensible Jared willigt ein und reist in Begleitung seiner Mutter für zwölf Tage in eine Umerziehungseinrichtung, wo der unqualifizierte Therapeut Victor Sykes den Teenager zum guten Hetero formen will.

Vor dem Abspann klärt eine Texttafel darüber auf, dass in den USA rund 700.000 Menschen eine ähnliche Prozedur erleiden mussten. Die im Film gezeigten Therapiemethoden, die Schwulsein als behandelbare Krankheit einordnen, als fragwürdig zu bezeichnen, wäre zu tief gegriffen – Psychoterror trifft es besser. In einer Szene muss ein Patient im Kreis seiner Angehörigen der Nachstellung seiner eigenen Beerdigung beiwohnen, wobei mit schweren Bibeln auf ihn eingedroschen wird. Eine Familienaufstellung aus der Hölle.

Auf leisen Sohlen

Für seine zweite Regiearbeit engagierte der Schauspieler, Autor und Regisseur Joel Edgerton eine erstklassige Besetzung mit Lucas Hedges (Foto) in der Hauptrolle, Russell Crowe und Nicole Kidman (Foto) als besorgte Eltern sowie ihm selbst als Therapeuten. Das versammelte Schauspieltalent ist wichtig, weil sich das besonnene Drama auf die Emotionen der Charaktere fokussiert, ohne die Konflikte groß von außen zuzuspitzen. Das Plädoyer gegen Religionsfanatismus und Homophobie entfaltet sich in einem Geflecht aus Rückblenden, in denen der Ich-Erzähler Jared manche Irritationen durchlebt und mit seiner Sexualität hadert.

Die Eltern werden zum Glück nicht als Antagonisten mit reaktionärem Weltbild vorgeführt, sondern erhalten auch durch das Spiel von Crowe und Kidman eine komplexe Vielschichtigkeit, selbst wenn ihre Figuren ebenso wie Jared nur im Hinblick auf die Familienkrise zu existieren scheinen. Leider verlaufen der Plot und die von sentimentaler Musik begleitete Klaviatur der Gefühle etwas zu glatt, um fundamental aufzuwühlen. Als engagiertes Charakterbild, das Denkanstöße liefern kann, verdient das Identitätsdrama dennoch Lob.

AUS, USA 2018, 115 Min., R: Joel Edgerton, D: Lucas Hedges, Nicole Kidman, Russell Crowe, Joel Edgerton, Victor McCay, Emily Hinkler FSK 12, Wertung: 4 von 5 Sterne

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