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Kinofilm „Avatar“ führt offenbar zu einer Depressionswelle

Foto: AP

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Essen.„Avatar“ macht offenbar viele Menschen depressiv. Tausende Menschen klagen im Internet, sie möchten lieber auf dem Planeten Pandora leben. Experten sehen hinter dem scheinbar lächerlich surrealen Wunsch ein reales Verlangen: Sehnsucht nach einer besseren Welt.

„Avatar“, der seit Wochenbeginn erfolgreichste Film aller Zeiten, verursacht offenbar Depressionen. Er führt sogar zu Suizidgedanken, glaubt man Tausenden Menschen, die vor allem in Internet-Foren ihr Leid klagen. Sie wollen auf dem fiktiven Alien-Planeten „Pandora“ leben – umringt von fantastischen Lebewesen und paradiesischen Landschaftszügen. Hinter dem scheinbar lächerlich surrealen Wunsch sehen Depressions-Experten ein ernstes, ein reales Verlangen: die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Für John ist alles grau, seit er „Avatar“ gesehen hat. „Das Leben ist so sinnlos. Ich möchte weg von unserer sterbenden Erde“, schreibt er auf der Website Avatar-Forums.com. Er habe keine positive Energie mehr, er wünsche sich ein Leben auf dem Planeten Pandora, gemeinsam mit dem Naturvolk der Na’vi. Das Problem: Weder der Planet, noch seine Ureinwohner sind real. Regisseur James Cameron erfand die Geschichte der blauen, drei Meter großen Zweibeiner, die mit ihrer Umwelt und sich selbst im Einklang leben. Doch John ist mit seinem Wunsch nicht allein. Über 5000 Einträge bei Avatar-Forums beschäftigen sich mit dem „Avatar Depression Syndrome“, auch „Post Avatar Depression“ genannt.

Selbsthilfegruppen auf Facebook

Weil die bisher meisten Klagerufe aus den USA stammen, vermutet der Dortmunder Diplom-Psychologe Norbert Wendt ein rein amerikanisches Phänomen: „Depressionen nach dem Film sind sicher möglich. Aber in Amerika tendieren die Menschen eher zu Hysterie als in Deutschland.“

Auf der Seite Naviblue.com wurde das Thema bislang knapp 7 000 Mal aufgerufen, Meldungen aus Europa mehren sich. Das Nachrichtenimperium CNN berichtete darüber, andere Medien folgten. Beim sozialen Netzwerk Facebook werden Selbsthilfegruppen, auf Youtube entsprechende Videos angeboten. Google liefert bei der Suche nach „Avatar Depression“ 164 000 Treffer, Tendenz steigend.

Die Hertener Psychotherapeutin Barbara Gausepohl hat den erfolgreichsten Film aller Zeiten selbst gesehen und nimmt die aufkeimende Depressionswelle ernst, auch wenn ihr bislang kein Fall bekannt ist. „Durch den 3D-Effekt ist man total in dem Film drin. Dann wacht man auf und hat um sich herum nur das triste Alltägliche“, sagt sie.

Zweifellos sind die Bilder des Effektspektakels atemberaubend. Und die kapitalistisch, skrupellos portraitierten Menschen geben Anlass zur Generalkritik, erinnern sie doch sehr stark an uns selbst. Die friedfertigen, sinnlichen Aliens dagegen erscheinen uns menschlicher als die Menschen.

Ehemänner wollen nicht mehr mit ihren Frauen schlafen

Teil der Avatar-Depressionen sind aber auch die mit dem Wort „kurios“ nur unzureichend beschriebenen Fälle. Etwa dutzende Ehemänner, die im Internet anonym verraten, dass sie nicht mehr mit ihren Frauen schlafen wollen, weil sie sich zu drei Meter großen, blauhäutigen Frauen mit Schwanz hingezogen fühlen. Auf Naviblue.com diskutieren Internetnutzer Möglichkeiten der genetischen Manipulation, um selbst ein Na’vi zu werden. Manche denken gar an Selbstmord. „Ich möchte dieses normale Leben nicht mehr. Und das macht mich suizidal“, schreibt jemand, der sich Jefz nennt, auf der Website Avatar-Forums.com.

Wegen Aussagen wie dieser gehen Experten davon aus, dass Betroffene schon vor dem Kinobesuch psychische Probleme hatten: „Der Film kann nicht die Ursache sein, aber der Auslöser“, sagt Claudia Wolper-Effertz, Diplom-Psychologin aus Aachen. „Es ist eine Wirklichkeitsflucht. Die Menschen sind unzufrieden und erkennen dies durch den Film. Das kann durchaus eine Depression auslösen“, sagt Wolper-Effertz. Sie geht allerdings davon aus, dass diese neuartige Krankheitsform in den meisten Fällen auch ohne Behandlung heilen würde.

Der grundlegende Wunsch nach einer besseren Welt, nach einem besseren Leben, der könne hingegen bleiben.

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