Musical

Kiss me, Kate erobert das Theater Hagen

Opern-Traumpaar: Kenneth Mattice und Emily Newton

Opern-Traumpaar: Kenneth Mattice und Emily Newton

Foto: Klaus Lefebvre

Hagen.   Das Musical „Kiss me, Kate“ wird am Theater Hagen zum Feuerwerk der tollen Stimmen. Das zankende Bühnen-Paar ist auch privat verheiratet

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Die Reibungshitze zwischen Mann und Frau ist der ewige Treibstoff des Theaters. Nirgends dürfen geschiedene Sängerinnen, die widerspenstige Bräute spielen sollen, so schön aus der Rolle fallen wie in Cole Porters „Kiss me, Kate“. Das Theater Hagen zeigt dieses Musical-Schlachtross jetzt in einer ebenso bezaubernden wie leichtfüßigen Inszenierung und setzt auf die beziehungstechnischen Verwicklungen der Handlung sogar noch einen drauf: Fred und Lilli alias Kenneth Mattice und Emily Newton, im Stück hinter den Kulissen geschiedene Leute und vor dem Vorhang Shakespeares Katharina und Petrucchio, sind auch privat miteinander verheiratet. In Hagen werden sie zum gefeierten Traumpaar, denn das Haus applaudiert begeistert im Stehen.

Jeder träumt vom Ruhm

T

heater-im-Theater-Geschichten haben ihren Reiz, sind aber nicht leicht zu inszenieren, denn das Publikum muss die Anspielungen auf die Backstage-Dramen ja verstehen. Regisseur Roland Hüve, der unter anderem für die sensationellen Hagener „Blues Brothers“ verantwortlich war, und Bühnenbildner Siegfried E. Mayer spielen jedoch so virtuos mit der vierten Wand, dass sich die Stück-im-Stück-Idee immer wieder potenziert. Die Drehbühne, grundiert von einem gigantischen Glitzervorhang, wird mit Showtreppe und Hinterausgang zum Miniaturkosmos für das große Ensemble aus Ballett und Chorus. Hier herrscht organisiertes Chaos, hier werden Nickeligkeiten ausgetauscht, hier zittern Techniker, Tänzer, Kleinsolisten, Ankleiderinnen und Inspizienten vor dem Misserfolg und träumen vom Ruhm im Scheinwerferlicht. Jeder ist ein verhinderter Star, sogar der Garberobier Paul, der in der Branchenhierarchie weit unten steht. Alexander Brugnara, einer der unvergessenen Hagener Blues Brothers, legt die ganze Leidenschaft des noch nicht entdeckten Künstlers in sein „Too Darn Hot“.

Doch der Musical-Klassiker aus dem Jahr 1948 steht und fällt mit der Besetzung der beiden Hauptrollen. Fred und Lilli haben eine Theaterkarriere und eine Ehe mit allen Höhen und Tiefen hinter sich. Sie sind durch die Provinz getingelt, keine Katastrophe ist ihnen fremd, und sie sind seit einem Jahr erfolgreich geschieden. Weil nun aber Freds Produktion von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ unbedingt laufen muss, hat er seine Exfrau als Katharina verpflichtet. Das geht nicht gut, denn all die Aggression und Anziehung, von der die Shakespeare-Protagonisten getrieben werden, überrollen die Ex-Gatten auch in der Garderobe, und die explosive zwischenmenschliche Dynamik dringt ins professionelle Spiel ein. Die Power-Sopranistin Emily Newton ist 2015 bereits an ihrem Heimathaus, der Oper Dortmund, als Kate gefeiert worden. In Hagen erobert sie die Bühne wie eine Naturgewalt mit einer überstrahlenden Palette an Farben und Emotionen in der Stimme. Wehe dem Mann, der sich dieser Frau in den Weg stellt. Der Hagener Kenneth Mattice wagt mit außerordentlich gut geführtem Bariton genau das, und zwar in einer Mischung aus Machismo und Verzweiflung. Wer am Ende wen zähmt, das wird sich zeigen. Das amerikanische Sänger-Ehepaar hat so viel Spaß daran, diese schräge Beziehungskiste gemeinsam zu spielen und zu singen, dass das Publikum einfach nur glücklich ist.

Und noch ein Paar erlebt in „Kiss me, Kate“ seinen großen Auftritt. Rainer Zaun und Boris Leisenheimer haben ihre Bildung nicht auf der Schauspielschule erworben, sondern in der Gefängnisbibliothek. Im Auftrag ihres Bosses geraten die beiden Gangster ebenfalls auf die Bretter, die die Welt bedeuten und erobern diese neue Sphäre mit einem Feuerwerk aus fein aufeinander abgestimmtem Slapstick.

Hohe Kunst der Komödie

Rainer Zaun führt dabei genüsslich vor, wie Dortmunder Grammatik („und deshalb möchten wir sie höflich ersuchen, auch fürderhin künstlerisch bei der Stange zu bleiben“) mit den unsterblichen Versen des Dichterfürsten harmoniert, in die sich Boris Leisenheimer („pfui, pfui, wie billig und verdorben“) verliebt. Das gipfelt in der hohen Kunst des punktgenau intonierten komödiantischen Duetts. Wer bei Shakespeare nachschlägt, kann die Knarre stecken lassen oder „Homer ist der, wenn man trotzdem lacht.“

Die Shakespeare-Vorstellung droht allenthalben zu platzen, doch der Zuschauer weiß immer, wo er sich befindet, weil Cole Porters Musik jede Situation charakterisiert, sei es mit flottem Swing und operettenhafter Nostalgie oder sei es mit an der Renaissance orientierten burlesken Fanfaren. Dirigent Steffen Müller-Gabriel und die Hagener Philharmoniker bringen die Partitur vom ersten Takt an mit viel Feuer, Rhythmusgespür und Raffinesse aus dem Graben.

www.theaterhagen.de

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