Serie Interkultur Ruhr

Kolonialgeschichte in Dortmund: Neue Perspektiven zeigen

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Die Studentinnen Naomi Hennor (li) und Mona Laiser (re) vor dem Dortmunder Hafen.

Die Studentinnen Naomi Hennor (li) und Mona Laiser (re) vor dem Dortmunder Hafen.

Foto: Jakob Studnar / FUNKE Foto Services

Dortmund.  In Dortmund entsteht ein „Audiowalk“, der die Kolonialgeschichte der Stadt sichtbar machen soll: „Decolonize Dortmund“ heißt das Projekt.

Wer am Alten Hafenamt in Dortmund vorbeiläuft, sieht ein im Stil der Neorenaissance errichtetes Gebäude aus dem Jahr 1898. Die Studentinnen Naomi Hennor und Mona Laiser, beide 26, sehen aber noch etwas anderes: einen Beleg für die koloniale Vergangenheit der Stadt. Einst wurde von hier unter anderem Material für den Eisenbahnbau in die deutschen Kolonien verschifft, Boote aus Afrika und Lateinamerika lieferten wiederum Eisenerze für die Stahlproduktion.

Naomi Hennor und Mona Laiser arbeiten an einem „Audiowalk“, der Dortmunds Kolonialgeschichte sichtbar machen soll. Monatelang haben sie und ihre sieben Mitstreiter vom Kollektiv „Decolonize Dortmund“ recherchiert, im November soll alles fertig sein: „Uns geht es darum, das Wissen über die koloniale Vergangenheit der Stadt nicht nur zu bewahren. Wir wollen es aktualisieren und aus einer anderen Perspektive zeigen“.

Zeigen, welche Auswirkungen die Kolonialgeschichte noch heute hat

Motivation für die Aktion, die vom Regionalverband Ruhr im Rahmen des Projekts „Interkultur Ruhr“ gefördert wird, war, zu zeigen, welche Auswirkungen die Kolonialgeschichte noch heute hat: „Wir erleben ständig verschiedenste Formen von Rassismus“, sagt Naomi Hennor, „und dieser Rassismus hat seine Wurzeln auch in der Kolonialgeschichte“. Mona Laiser ergänzt: „Deswegen ist es so wichtig, dass die Menschen diese Geschichte kennen und verstehen, um gegen Rassismus ankämpfen zu können.“

Für die Umsetzung der Aktion haben Naomi Hennor und Mona Laiser die Initiative „Decolonize Dortmund“ gegründet. Vorbild war der Arbeitskreis „Düsseldorf Postkolonial“, der aus einem Forschungsprojekt an der Heinrich-Heine-Universität entstanden war.

An vier Stellen im Stadtgebiet weisen QR-Codes in die Vergangenheit

Zunächst war geplant, in Dortmund auch klassische Stadtführungen anzubieten. Doch aufgrund der Coronapandemie suchte die Gruppe einen Weg, ihre Idee ins Netz zu verlagern. So entstand der Plan für den „Audiowalk“. An vier Stellen im Stadtgebiet sollen QR-Codes angebracht werden, die mit dem Smartphone gescannt werden können und dann zu der Internetseite von „Decolonize Dortmund“ führen. Dort wiederum sollen Text- und Audio-Elemente hinterlegt sein, die „koloniale Spuren, die bis heute im Stadtraum wirken, aufzeigen“. Begleitet wird die Aktion von einer Social-Media-Kampagne.

Vor der Auswahl der Orte hat das Team um Naomi Hennor und Mona Laiser viel recherchiert. Im Netz, in Büchern und Archiven. Trotzdem sei es nicht einfach gewesen, festzulegen, an welchen Orten die QR-Codes montiert werden sollen.

Letztlich fiel die Wahl auf den Hafen als Handelsstelle für Kolonialwaren und den Fredenbaumpark, der ab Beginn des 20. Jahrhunderts für „Völkerschauen“ genutzt wurde, bei denen Menschen aus fernen Ländern wie im Zoo präsentiert wurden. Außerdem wird – konsequenterweise – die Bismarckstraße in den „Walk“ integriert. Überraschender für manche Spaziergänger dürfte sein, dass auch die Robert-Koch-Straße einen QR-Code bekommt: „Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Robert Koch in der Kolonialzeit in Afrika Experimente an Menschen durchgeführt hat“, sagt Naomi Hennor. Künftig sollen weitere Standorte in den „Audiowalk“ aufgenommen werden.

Der Förderfonds „Interkultur Ruhr“ unterstützt Initiativen im Ruhrgebiet

Der Förderfonds „Interkultur Ruhr“ unterstützt künstlerische, soziokulturelle und interdisziplinäre Initiativen für ein interkulturelles Zusammenleben im Ruhrgebiet. „Interkultur Ruhr“ ist ein Projekt des Regionalverbands Ruhr und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Es entstand als Folge des Kulturhauptstadtjahres „Ruhr.2010“.

Die Fördermittel für 2021 sind bereits vergeben, es steht aber fest, dass der Fonds Anfang nächsten Jahres wieder geöffnet wird.

Infos: www.interkultur.ruhr

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