Konzert

Kopfüber im Kronleuchter: Pink in Gelsenkirchen

Eine Pink kommt nicht einfach, sie kommt am Kronleuchter: der Konzertauftakt in Gelsenkirchen.

Eine Pink kommt nicht einfach, sie kommt am Kronleuchter: der Konzertauftakt in Gelsenkirchen.

Foto: Sebastian Konopka / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Die Arena brauchte nicht kopfzustehen, das machte die Künstlerin schon selbst: Pink brachte am Freitag viel mehr als Musik nach Gelsenkirchen.

Eine Pink kommt nicht einfach so. Sie kommt kopfüber am Kronleuchter. Der Körper gespannt wie ein Stahlträger, gebogen im Salto, in solchen Lebenslagen kann doch kein Mensch singen! Pink, an der in diesem Moment nur der Lippenstift pink ist, kann. Und sie kann, sie will! immer noch mehr: Die Show des Superstars am Freitagabend in der Gelsenkirchener Arena ein „Konzert“ zu nennen, wäre Lästerung.

Alles beginnt mit einer Störung. Es zittert das Bild, es scheppert aus den Boxen, eine pinkfarbene Blockflöte schrammelt. Das kann nur so sein, weil jetzt etwas kommt, das höher und größer ist als gewohntes Bild, ausgesteuerter Ton, Durchschnittsmusik. „Get the Party Started“, wie könnte dieser Abend anders anfangen als mit diesem Song, aber wer ihn vor allem feiert, sind die Künstler auf der Bühne: Tänzer, Musiker, Pink. Die turnt, springt, tanzt, kämpft und schlägt Purzelbäume, dass die Netzstrümpfe reißen – Zirkus, Zirkus! (Den kennt die Schalker Arena sonst nur von ihren Hausherren.)

Backgroundsängerinnen im Vordergrund

Gerade hat die 39-Jährige den Titelsong ihrer siebten Tournee gesungen, „Beautiful Trauma“, die Halle tobt, Pink kniet vor ihr nieder und bewegt sich doch: Ein Rollband trägt sie über den Catwalk ins Publikum. Es ist erst das dritte Lied, „Just Like a Pill“, die Sängerin in ihrem schwarzen Glitzeranzug schwitzt, das kurze Blondhaar ist außer Form, hast du noch Töne? Manchmal nicht, aber damit kokettiert Pink nicht einmal. Wenn die Rockröhre Luft braucht, singt eben das Background-Duo, das dadurch einen festen Platz im Vordergrund bekommt. Und trotzdem schwebt die Chefin über ihnen (die hat ja ohnehin eher selten Grund unter den Füßen).

Ist das jetzt noch Pop, ist es Rock? Egal, Pink und ihre Musiker arbeiten wie die Berserker, es kracht aus den Boxen, es ist laut und schön und frech, eine Pink nimmt sich das Recht, auf der Bühne zu tun, was sonst nur Männer machen. Sie zeigt den Mittelfinger und greift sich in den Schritt, ist in einem Moment Vorkämpferin für Menschenrechte („What About Us“), im nächsten Wüterin im märchenhaften Urwald („Try“), dann zärtlich Liebende („Walk me Home“).

Pure Freude überträgt sich ins Publikum

Dabei lacht sie, dass sich die pure Freude ins Publikum überträgt; da schafft es eine, nicht Diva zu sein, sondern nahbar zu wirken. Freut sie sich ehrlich über die Stofftiere, die ihr zufliegen, über die bunten Socken, die Schokolade und den weißen Hasen mit dem Gesicht ihres Ehemanns? Ist sie wirklich so berührt von der Frau, die Pink als Tattoo auf dem Oberarm trägt? Jedenfalls rennt sie hin in ihrem nunmehr fünften, sechsten Kostüm, signiert auf bloßer Haut und sieht ernsthaft berührt aus. Privat zeigt sich Alecia Moore, wie sie wirklich heißt, häufig so natürlich, vor dem Konzert in Köln radelte sie mit dem zweijährigen Sohn über die Domplatte, vor dem in Gelsenkirchen aß die Familie Muffins in Düsseldorf.

Dieser spektakuläre Auftritt ist der letzte von zehn in Deutschland, ein gutes Vierteljahr nur nach dem Erscheinen ihrer neuen Platte „Hurts 2B Human“. Davon spielt sie nur ein Lied, auf den Setlisten der vorangegangenen Konzerte hat es nicht gestanden: „Hustle“ ist ein bisschen Motown-Soul, herrlich tanzbar, findet Pink und macht es mal eben vor. Die Schritte sind zu schnell zum Nachmachen.

Nicht einmal bei Balladen kommt die Künstlerin richtig runter

Sonst reiht sich in den 105 durchchoreografierten Minuten Hit an Hit. Pink muss nichts überbrücken mit weniger bekannten Songs, sie braucht sich nicht zu hangeln von Schlager zu Schlager, sie hat 18 Kracher mitgebracht. Echte Mitsinger sind die meisten trotzdem nicht, zu komplex ist das Liedgut dieser Frau, so viel Text, so viele musikalische Ebenen. Nicht einmal bei den Balladen kommt Pink richtig runter, mindestens geht irgendwo eine Feuersalve in die Luft – und sie selbst am Trapez.

Klar, dass der Abend auch akrobatisch endet. „Raise Your Glass“ hat sie gesungen, es ist immer noch Party in Gelsenkirchen, „Blow Me“. Die Zugabe ist eine Luftnummer ohne den negativen Ton des Wortes. Pink fliegt! Eine Pink schwebt nicht, sie rast über die Ränge, an Seilen unterm Hallendach, landet auf einem Toilettenhäuschen und einem Scheinwerfermast, schwingt sich empor, dass die Menschen unten den Kopf einziehen und atemlos die Hand vor den Mund schlagen. Und sie: Saltos, Drehungen und Gesang: „So what – Na, und“?

Glitter in der Luft und in der Seele

Noch einmal kommt sie wieder, jetzt in Jeans und T-Shirt, sie hat immer noch Stimme, glasklar nach all dem Sport. Der Glamour ist weg und auch die Band, das Lied erzählt vom Gegenteil: „Glitter in the Air“. Das ist es, was das Publikum mitnimmt auf seinem ziemlich sprachlosen Weg in die Nacht: Glitter in der Seele und nur noch diesen erschöpfen Satz. „Was für eine Show!“

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