Festival

Kulturfestival: Im Pferdestall in Sundern spielt die Musik

Matthias Berghoff aus Dörnholthausen auf dem elterlichen Hof. Hier findet ein Kulturfestival statt.

Matthias Berghoff aus Dörnholthausen auf dem elterlichen Hof. Hier findet ein Kulturfestival statt.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Sundern.   Sobald die Stuten die Nächte auf der Weide verbringen können, wird im Stall von Haus Berghoff gefeiert. Fronleichnam startet das Festival

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Beim ehrwürdigen Pianohaus Maiwald in Kamen war man irritiert, als Matthias Berghoff (42) anrief und sagte, er bräuchte jetzt mal einen guten Steinway für seinen Pferdestall in Sundern-Dörnholthausen. Inzwischen haben sich die Maiwälder daran gewöhnt, dass am Fronleichnamswochenende international angesagte Künstler in Haus Berghoff mitten im Sauerland den Ton angeben. Die siebte Auflage des Festivals „Kultur rockt“ startet am 20. Juni mit einem Konzert von Michael Schulte.

Wenn die Nächte so mild werden, dass die Pferde draußen auf der Weide bleiben können, dann brummt der Kärcher im Pferdestall von Haus Berghoff. Dann verwandeln Matthias Berghoff, sein Vater Heinz und das Team Boxen und Mittelgasse in einen Spielort für Konzerte, Lesungen und Kammermusik. Alle Tränken und Verstrebungen werden von Hand geschrubbt, bevor die Podeste für die Künstler aufgebaut, die Scheinwerfer montiert und die Lautsprecher installiert werden. Schließlich kommen die Besucher nicht nur in Jeans, sondern auch im Abendkleid.

Aus Hamburg zurück ins Sauerland

„Am Anfang stand ja so etwas wie eine Schnapsidee“, sagt Matthias Berghoff. „Ich habe nach einem Konzert mit dem Pianisten Alexander Krichel zusammengesessen, und wir haben überlegt: Wie wäre es, wenn Du bei uns im Stall spielst. Ein Dreivierteljahr später war es dann soweit.“

Alexander Krichel wiederum ist mit vielen Musikern befreundet, die er für „Kultur rockt“ anspricht. Zum Beispiel den Trompeter Matthias Höfs, mit dem der Pianist am 22. Juni beim Festival auftritt. Oder das Goldmund-Quartett. Die vier Streicher gelten als die Senkrechtstarter der Klassik-Szene, werden derzeit überall von den großen Häusern gebucht und sind am 23. Juni in Sundern noch vor ihrem Auftritt im Konzerthaus Dortmund zu hören.

Aber Matthias Berghoff kennt selbst ebenfalls viele Künstler. Denn der Betriebswirt hat sich nicht immer um Pferde und Forst gekümmert. Früher organisierte er für Wolfgang Joop in Hamburg Modeschauen. Dann brauchten die Eltern ihn in Dörnholthausen. Matthias Berghoff kehrte ins Sauerland zurück. Und gründete ein Festival, das Brücken zwischen Pop und Klassik schlägt und Künstler in ungewöhnlichen Begegnungen zusammenbringt.

„Warum machen wir das? Es ist nicht gewinnbringend. Und es ist sehr viel Arbeit. Aber es gibt auch diese Momente: Mich mit der großen Iris Berben in der Vorbereitung ihrer Lesung am 23. Juni mal eine Stunde über Kultur zu unterhalten, das finde ich spannend. Und dann gibt es noch die Gespräche vorher und hinterher.“

Doch das ist nicht alleine der Grund. Denn Matthias Berghoff ist zwar wieder in seine Heimat gezogen. Er weiß aber, dass viele junge Menschen aus dem Sauerland weggehen, die man nie mehr wiedersieht. „Die Leute gehen uns verloren, deshalb müssen wir am Angebot arbeiten, sonst sind wir nicht attraktiv genug.“ Es ärgert Matthias Berghoff, wenn er Klischees über das Sauerland hören muss, wenn die Region als hinterwäldlerische Provinz abgestempelt wird. „Voriges Jahr fragte eine Besucherin Nico Santos nach seinem Auftritt, wie es sein kann, dass er ins Sauerland kommt“, erinnert er sich. Ja, anfangs hatten die Künstler tatsächlich Vorbehalte. „Nico Santos sagte, er habe Max Giesinger angerufen und gefragt: Du warst doch schon mal da? Kann man da hingehen?“

Intime Atmosphäre

Man kann. Inzwischen hat sich das „Kultur rockt“-Team ein richtiges Netzwerk von Künstlern aufgebaut, denn wer einmal kommt, der ist begeistert. „Wir haben Defizite, was den Bereich Rock-Pop angeht Die Musiker wollen in den großen Arenen spielen, das können wir nicht bedienen. Also versuchen wir, das Dilemma zu lösen, indem wir mit unserer intimen Atmosphäre begeistern, mit der Nähe zwischen Publikum und Künstlern. Uns ist es wichtig, dass die Künstler sich wohlfühlen, dass sie nicht die Nummer 15 von 20 Acts sind, dass sie die Leidenschaft spüren, mit der wir Kultur machen.“

Diese Leidenschaft soll möglichst viele junge Menschen erreichen. Deshalb geht der Pianist Alexander Krichel wieder in die Schule. Am 24. Juni erklärt er im Arnsberger Gymnasium Laurentianum Schülern der Klassen fünf und sechs, wie ein Klavier funktioniert. Das gehört zu der Nachhaltigkeit, die Matthias Berghoff so schätzt. Neulich hat Berghoff mit seinem Team einen Betriebsausflug gemacht, nach Hamburg, in die Elbphilharmonie, zu einem Konzert mit Alexander Krichel. War schön. Noch schöner war die Freude darüber, dass Krichel im Pferdestall in Sundern ebenso zu Hause ist, wie in dem glitzernden Elite-Konzertsaal.

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