Europa

Kulturhauptstadt Plowdiw setzt auf den Mix der Kulturen

Das Theater von Philippopolis in der Altstadt von Plowdiw: Während der Sommermonate finden regelmäßig Theater- und Musikaufführungen statt. Plowdiw ist die älteste ständig bewohnte Stadt in Europa und eine der ältesten in der Welt

Das Theater von Philippopolis in der Altstadt von Plowdiw: Während der Sommermonate finden regelmäßig Theater- und Musikaufführungen statt. Plowdiw ist die älteste ständig bewohnte Stadt in Europa und eine der ältesten in der Welt

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene

Plowdiw.   In der südbulgarischen Stadt wird am Wochenende die Kulturhauptstadt eröffnet, mit 30.000 Schals, Decken und heißem Tee: „Wir sind alle Farben“

Slawischstämmige orthodoxe Bulgaren, Katholiken, Protestanten, Türken aus der Zeit des Osmanischen Reiches, Juden, Armenier und Roma – in der südbulgarischen Multi-Kulti-Stadt Plowdiw leben sie friedlich. „Zusammen“ lautet denn auch das Motto der europäischen Kulturhauptstadt 2019 auf dem Balkan, die in einer auch von ethnischen Konflikten geprägten Region liegt. „Die Tradition des Zusammenlebens in Plowdiw setzt ein sehr gutes Beispiel“, sagt Gina Kafedschijan. Die Vize-Programmchefin der Stiftung Plowdiw 2019 ist übrigens armenischer Abstammung.

Antike Mauern, Mosaiken und Säulen, ein römisches Stadion sowie die Dschumaja-Moschee aus dem 14. Jahrhundert sind heute Teil des Stadtzentrums und Kulissen des täglichen Lebens. Die rund 350.000 Einwohner sind vom Flair der Geschichte ihrer Stadt und vom Mix der Kulturen und Völker geprägt. Die Geschichte von Bulgariens zweitgrößter Stadt, die über mehrere Hügel angelegt ist, reicht 8000 Jahre zurück.

Plowdiw war schon einmal die Kulturhauptstadt des Bulgariens: Unmittelbar nach der Befreiung des Lande von den Türken 1878 entstand in der Stadt an beiden Ufern des Flusses Mariza (griechisch: Evros, türkisch: Meric) 1881 das professionelle bulgarische Theater. Hier wurde der erste Buchverlag des Landes gegründet und seine erste Druckerei.

Ein Dramatisches Theater, ein Opernhaus, zahlreiche Museen und Dutzende Kunstgalerien runden das Kulturgeschehen von Plowdiw ab. Das Programm der Kulturhauptstadt bietet mehr als 500 Events, sein Etat beläuft sich auf knapp 11,4 Millionen Euro.

„Das Kulturprogramm von Plowdiw hat absichtlich kein zentrales Event, weil es sehr vielfältige Ereignisse bietet“, erläutert Gina Kafedschijan. So stehen Festivals an wie Opera Open, Plowdiw Jazz, Hills of Rock, Puldin Etno sowie eine Woche der modernen Kunst und eine Puppenparade. Hinzu kommen Ausstellungen etwa über den Fall der Berliner Mauer.

Die offizielle Eröffnung am morgigen Samstag wird inszeniert vom Berliner Künstlerkollektiv „phase7 performing.arts“: Zu der Open-Air-Show mit einer Multimedia-Bühne erwarten die Veranstalter mehrere 10.000 Besucher. Die Stadtgemeinde will 30.000 Schals und Decken austeilen, um die Zuschauer vor der Winterkälte zu schützen. Heißen Tee soll es auch geben.

Aber auch Plowdiws Schattenseiten werden nicht verborgen: „Wir gewannen den Kulturhauptstadt-Titel, weil wir sehr ehrlich waren“, erläuterte Bürgermeister Iwan Totew vor kurzem im Interview des Staatsfernsehen: „Wir sagten, dass wir nicht die Reichsten sind und auch nicht in der besten Stadt leben, sie aber verändern wollen“. Nicht zufällig ist die Stiftung Plowdiw 2019 in einem früheren Tabaklager untergebracht. Gegenüber dem stilvoll und einfallsreich renovierten Gebäude: Ruinen von weiteren Lagerhäusern, die 2016 abbrannten. Gerüchte wollen wissen, dass der Umbau der Tabakstadt zum kulturellen Zentrum an Geschäftsinteressen gescheitert ist.

Hoteliers hoffen auf Millionen Gäste

Dagegen gehört das römische Theater aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, ein Wahrzeichen Plowdiws, zu den weltweit am besten erhaltenen. Die Altstadt von Plowdiw mit prächtigen, unter Denkmalschutz stehenden Häusern reicher Händlerfamilien ist eine weitere Augenweide. Gaststättenbetreiber und Hoteliers erwarten ein profitables Jahr. Die Zahl der Touristen könnte sich auf über zwei Millionen Menschen im Vergleich zu 2018 verdoppeln.

Nach dem Motto „Zusammen“ ist ein „Medea-Projekt“ im römischen Theater geplant, womit die Minderheiten in Bulgarien Beachtung finden sollen. Und „zusammen“ mit den Menschen sollen in Plowdiw internationale Küchenchefs Brot backen. Im Kunstgewerbe- und Gaststättenviertel Kapana werden wohl auch griechische Moussaka, armenische Fleischklößchen oder bulgarische Grillspezialitäten schmecken.

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