Oper

„L’Orfeo“ in Gelsenkirchen - berauschende Orchesterleistung

„L’Orfeo“  im Musiktheater im Revier: Szene mit  Khanyiso Gwenxane  als Orpheus und Mitgliedern des Balletts.

„L’Orfeo“ im Musiktheater im Revier: Szene mit Khanyiso Gwenxane als Orpheus und Mitgliedern des Balletts.

Foto: Foto: / Bettina Stoess

Gelsenkirchen.  Schon wieder „Alte Musik“ auf dem Opernspielplan: In Gelsenkirchen hatte „L’Orfeo“Premiere. Das Orchester spielt Monteverdi atemberaubend gut.

Kurios: Die jüngste Pandemie unserer Zivilisation bringt die Musiktheater zu ihren ältesten Werken zurück. Ja, es hat auch mit Covid-19 zu tun, dass so viel Barock auf den Spielplänen steht. Mit 25 Musikern lässt sich eine „Götterdämmerung“ halt nur schwerlich spielen. Das Musiktheater im Revier führt seine Premiere jetzt gar ans Taufbecken der Oper.

Viel weiter zurück geht es kaum: Der Renaissance entwachsen, wartete Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ vor 413 Jahren mit schillernder, revolutionärer Tonkunst auf. Diese „favola in musica“ ist mehr als nur Echo seiner Meisterschaft im Madrigal. Allein die Live-Begegnung mit dem Wunderwerk der Orchester-Partitur lohnt den Besuch in Gelsenkirchen: Denn mit Werner Erhardt – Gründervater des berühmten „Concerto Köln“, dazu vielfach preisgekrönt für die überragenden Alben seines Orchesters „l’arte del mondo“ – holte man einen Großmeister in Sachen Wiedererweckung Alter Musik ans Haus. Man lauscht und staunt, fasziniert, gebannt, ja, tief berührt: Wie mühelos selbst der zarte Atem der Blockflöte das 1000-Plätze-Haus erobert! Und wenn Theorbe und Laute traurigschön im Raum schweben, wenn Posaune und Zink schmetternd triumphieren, regiert das klangwarme Gegenteil historisch informierter Anämie.

Für „L’Orfeo“ tun sich am Musiktheater im Revier die Sparten zusammen

Die Inszenierung tut nicht wenig, es dem Ereignis im Orchestergraben (Neue Philharmonie Westfalen) gleichzutun. Als Gesamtkunstwerk der Sparten zelebrieren Giuseppe Spotas Dance Company, die neue Sparte Puppentheater und das Opernensemble Orpheus’ Reise. Sie gilt der toten Geliebten. Der Sänger will sie dem Tod entreißen. Anders als etwa in Glucks geschönter Fassung, wird die Lehre dieses Abenteuers sein: Erst das eigene Sterben bedeutet den Akt, Zweisamkeit wieder herzustellen. Dennoch: Jene Liebe, die dem Tod nicht glaubt, ist der Motor des Mythos.

Am Anfang: die Privatheit einer Theatertruppe. Tänzer, die sich aufwärmen, dann gegenseitiges Abklatschen und Befeuern. Wirkt leider provinziell. Und doch: Wem würde hier nicht einfallen, dass dieses „Jetzt erst recht!“ jenes Pfeifen im Walde ist, das allen Kulturschaffende 2020 die Ouvertüre liefert? An den Seite (teils leider desaströse Sichtachsen des Bühnenbildes von Rebecca Dornhege Reyes) eine doppelstöckige Galerie. Mal schauen Furien zu, mal Götter. Ein Spiel im Spiel? Die herzzerreißende Geschichte eines Mannes, der die Hölle nicht scheut, seine Frau wieder ins Leben zu holen, eine altbekannte Inszenierung in Endlosschleife?

Dirigent Werner Ehrhardt beschert Gelsenkirchens Oper einen überragenden Monteverdi-Klang

Rahel Thiels Regie erzählt eher offen als entschieden. Ihr Weg scheint auch eine Brücke zwischen barockem Zaubertheater (Windmaschine) und gänzlich illusionslosem Bühnenraum. Thiels eher zart, teils auch allzu trockenen, manchmal ratlos gestalteten Handlungsfluss, den mit Khanyiso Gwenxane ein wenig charismatischer Titelheld durchmisst, flutet dagegen die Wucht und Präsenz der Tänzer.

Einmal mehr demonstriert Spotas Ballettkompanie ihre sinnliche Wucht. Nicht einmal der Hades vermag sie zu lähmen, nicht einmal kniehoches Styx-Wasser in Gummistiefeln. Hier regiert nicht das Ende, vibrierende Erotik beheizt diese antike Unterwelt. Die kunstgewerbliche Ebene eines nicht enden wollenden Schlenkerpuppentanzes könnte man verzichtbar finden.

Kleine Rollen zeigen Glanzlichter, dem Titelhelden fehlt es an schauspielerischem Charisma

Vokal ist eine respektable Ensemble-Leistung zu verzeichnen, wenn auch kein überragendes Sängerfest. Gwenxanes Tenor klingt stets leicht verhangen – das bereichert die Lamenti, schmälert das Heldische. Seine Euridice ist mit Bele Kumberger hellem Seelensopran gut besetzt. Aus den vielen kleinen Rollen ragen Lina Hoffmanns Botin und Anna Schmids Proserpina heraus, beide mit einer beeindruckenden Emulsion aus Individualität und frühbarockem Stilgefühl.

Das Publikum, über zwei Stunden tapfer durchmaskiert, feierte „L’Orfeo“ einhellig.

------------------------

TERMINE UND KARTEN

Monteverdi: L’ Orfeo. Musiktheater im Revier. Ca 145 Minuten. Eine Pause.

Nächste Aufführungen: 22., 25., 30. Oktober und 7./22. November. Karten (15-45€): Tel. 0209-4097200

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben