Performance

Liebesgrüße aus dem Einwohnermeldeamt

Die Performance Künstlerin Marie-Luise O’Byrne-Brandl schreibt im Oberhausener Rathaus Liebesbriefe für Passanten.

Foto: Ralf Rottmann

Die Performance Künstlerin Marie-Luise O’Byrne-Brandl schreibt im Oberhausener Rathaus Liebesbriefe für Passanten. Foto: Ralf Rottmann

Oberhausen.   Gefühle zu Wort kommen lassen: Die Oberhausener Performance-Künstlerin Marie-Luise O’Byrne-Brandl schreibt Briefe für wildfremde Menschen

Der „liebe Stephan“, ahnt seine Frau, „wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht“, er hat ja noch nie einen Brief bekommen von ihr. Und jetzt dieser Umschlag, mit Blütenblättern darin und der ganzen Liebe seiner Partnerin – geschrieben von einer anderen. Die Künstlerin Marie-Luise O’Byrne-Brandl hat die Zuneigung in Worte gegossen, in ein paar Minuten nur. Sie macht das in ihrer Rolle als „Amouröse Stadtschreiberin“ – auch weil sie sieht, in diesen Zeiten: Briefeschreiben ist eine Kunst.

Und das im Einwohnermeldeamt! Gleich neben dem Warteraum sitzt die Frau an einem alten Sekretär, im bodenlangen Mantel aus rotem Samt, ein Blumenkränzchen im grauen Haar. Über ihr die große Wanduhr, unter ihr ein Teppich aus Rosenblüten, neben ihr der Eingang zu Zimmer 09, „Bürgerservice Alt-Oberhausen“, vor ihr eilige Menschen, ausgebremst durch eine Wartenummer in der Hand. Und dann dieses Schild: „Ich schreibe Ihnen Ihre Liebesbriefe.“

Wie ein zusätzlicher Schalter, an dem es keine Ausweise gibt und keine Stempel, sondern Gefühle im Briefumschlag. Marie-Luise O’Byrne-Brandl möchte, „dass die Menschen einander wieder näherkommen“. Nähe, Zuneigung, Sich-Kümmern, das sind seit 20 Jahren ihre Themen, im Museum, im Theater – und heute, zum siebten Mal als „Amouröse Stadtschreiberin“, im Einwohnermeldeamt. Die Künstlerin nennt es „eine Performance“, ihre Kunden nehmen es als, ja, Dienstleistung. „Schön“, sagt ein älterer Mann dankbar, „dass einem geholfen wird mit seinen Gedanken.“ Er hat Tränen in den Augen.

Seinen Brief an „Meine wundervolle Marina“, mit der er 35 Jahre verheiratet ist, hält die vierjährige Enkelin fest in der Hand. Sie hat auf Opas Schoß gesessen, als der ganz leise erzählte von seiner Frau, nun mag sie das Ergebnis nicht mehr hergeben. „Später“, sagt das Kind, „nicht jetzt“, es spürt das Gewicht der großen Gefühle in diesem Umschlag. Vorsichtig trauen sich immer mehr Menschen näher, was macht die Frau da? Ein Computer spielt Ravels „Bolero“ in Endlosschleife.

Aus der Menge der Wartenden löst sich Nadine, setzt sich zur Künstlerin und erzählt ihr von „meiner ersten großen Liebe“. Das wird sie später sagen, man ahnt, dass die Liebe (noch) nicht erwidert wird. Die 20-Jährige glaubt, sie kann vieles gut, Holzbau zum Beispiel. Aber Schreiben? „Ich versuche schönes Deutsch, doch dann klingt es plump.“ Wenn man etwas gut kann, findet Nadine, „dann soll man es teilen“. Marie-Luise O’Byrne-Brandl kann gut zuhören und schnell schreiben, in großen Buchstaben, zwei Seiten, immer.

Die 61-Jährige hat schon geschrieben an einen ersehnten „Liebsten, den es noch gar nicht gab“. An eine längst verstorbene Ehefrau. An den im Krieg gefallenen Bruder einer alten Dame. Sie schrieb für ein Kind an seine Katze und für einen Flüchtling, der einen Asylantrag wollte, aber dann an seine Frau denken musste (das war auf dem Bahnhofsvorplatz). Sie schrieb für ein Ehepaar: Er schwärmte, ihr musste sie „auf die Sprünge helfen“. Und echten Ruhrpott-Bürgern, die auf die Frage: „Was finden Sie denn schön an ihrem Partner?“ antworten: „Der ist total in Ordnung.“

Heute kommt eine junge Frau, die bittet um einen Brief für ihren „treusorgenden Mann“. Sie legt ihn in ihr Familienstammbuch. Eine halbe Stunde später kommt der „treusorgende Mann“, er möchte eine Antwort, ohne seinen Brief schon gelesen zu haben.

Eine 55-Jährige lässt an ihre erwachsenen Kinder schreiben, „ein Stück Liebe“, sagt sie bewegt, „das weitet mein Herz“. Und Nicole – die bekommt Post an sich selbst. „Ich habe mich selbst zuletzt ein bisschen vernachlässigt“, sagt sie und drückt den Umschlag an ihr Herz. „Vielleicht bewahre ich den Brief auf für einen schlechten Tag.“

Marie-Luise O’Byrne-Brandl machen die intimen Gespräche in all dem Trubel glücklich, manchmal für Tage. „Das Schreiben von Briefen ist im Zeitalter der E-Mail ja fast ausgestorben.“ Und Herzenskunst: „Wie schön das ist“, sagt jemand, der die Szene nun schon eine Weile beobachtet, „dass man mit kleinen Dingen den Menschen eine Freude machen kann.“

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