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Reise nach Südostasien: Yangsze Choos „Nachttiger“ fesselt

Welche Rolle spielt der nachtaktive Tiger?

Welche Rolle spielt der nachtaktive Tiger?

Foto: Istock/Yu&La

Berlin.   Autorin Yangsze Choo kreiert in ihrem zweiten, Krimi-ähnlichen Roman „Nachttiger“ eindringliche Szenen im British-Malaya der 30er-Jahre.

Ein abgetrennter Finger, konserviert in einem Schraubglas, ist kein schönes Souvenir. Doch Ji Lin bleibt solch ein Finger als Andenken an das Gerangel mit einem aufdringlichen Mann, den sie während ihrer Arbeit als Amüsierdame über das Tanzparkett geschoben hat. Den Finger einfach zu entsorgen, ist im Britisch-Malaya der 1930er-Jahre allerdings keine Option.

Ausflug in eine vergangene Zeit

„Nachttiger“ von Yangsze Choo führt mitten in die britische Kolonie an der Malakkastraße, in Städte mit prächtigen Bahnhöfen und Dörfern am Dschungelrand. In ihrem zweiten Roman, der entfernt an einen Krimi erinnert, schildert die amerikanische Schriftstellerin malaysisch-chinesischer Abstammung die damaligen Verhältnisse eher beiläufig – und genau darum höchst plastisch. Malayen müssen Kautschuk zapfen und Häuser putzen, und in ihren Erzählungen leben die animistischen Sagen fort, zum Beispiel von Tigern, die nachts zu Menschen werden.

Eisenbahn, Krankenhäuser und Plantagenbesitz sind dagegen Sache der Briten. Chinesen wiederum stehen bei den Kolonialherren im Dienst oder führen ein eigenes Geschäft wie Jin Lins Stiefvater. In ihren Kreisen hält sich der Glaube, dass Tote vollständig bestattet werden müssen, wenn ihre Seelen Ruhe finden sollen.

Zweite Hauptperson: ein elfjähriges Kind

Ji Lin fühlt sich daher verpflichtet, jenen Menschen zu finden, zu dem der Finger gehört. Lang versucht sie es heimlich, denn ihr Stiefvater soll nichts von ihrer anstößigen Arbeit in der Tanzhalle erfahren. Was Ji Lin nicht weiß: In einem Dorf macht sich ein elfjähriges Kind auf die Suche nach eben diesem Finger.

Ren arbeitet als Hausboy bei einem alten, englischen Landarzt, dem ein Finger fehlt: Er musste amputiert werden und befindet sich angeblich in der Präparate-Sammlung des Krankenhauses einer großen Stadt. Als der Arzt stirbt, bricht Ren dorthin auf.

Wechselnde Perspektiven

Was zusammengefasst arg konstruiert klingt, entfaltet auf knapp 600 Seiten einen charmanten Sog. Choo weckt viel Sympathie für ihre zwei Hauptfiguren, aus deren Perspektiven sie abwechselnd erzählt. Listig umgeht Ji Lin die Anstandsregeln für junge Frauen, unterläuft den Gehorsam gegenüber Vater und Mutter. Ren, das Waisenkind, appelliert an den Beschützerinstinkt. Aus seiner kindlichen Perspektive kann Choo das Nebeneinander von europäischem und südostasiatischem Denken am anschaulichsten darstellen.

Ren lernt genauso leicht die Erstversorgung von Schwerverletzten wie das Gruseln vor den Sagen: „Ist das eine wahre Geschichte?“, fragt er. „Die von den Tigern mit Menschenseele?“ Yangsze Choo lässt beide Welten gelten: die von Naturwissenschaften geprägte der Briten und die mystische des alten Malaysia. In den eindringlichsten Szenen, etwa, wenn sich der alte Landarzt als Tiger durch den Wald streifen sieht, finden sie zusammen.

Nachttiger
von Yangsze Choo
Wunderraum Verlag, 573 S. 22 €, Wertung: 4 / 5 Punkten

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