Kino

Marl hat nach 13 Jahren wieder ein Kino – dank zwei Mutigen

Filmreif: Maximilian Meynigmann (22,l.) und Colin Germesin (24) belebten in ihrer Heimat Marl die Loe Studios neu.

Filmreif: Maximilian Meynigmann (22,l.) und Colin Germesin (24) belebten in ihrer Heimat Marl die Loe Studios neu.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Marl.  13 Jahre hatte Marl kein Kino, nun hauchten zwei junge Männer den alten Loe Studios neues Leben ein. Vor allem Familien freuen sich.

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Sieht der Mensch 2019 einen Film, streamt er und netflixt. Wer gründet also heute noch ein Kino? Zwei junge Männer – und das ausgerechnet in Marl! Maximilian Meynigmann (22) und Colin Germesin (24) könnten Enkel jener Menschen sein, die noch leuchtenden Auges zu erzählen wissen von den goldenen Lichtspiel-Zeiten der Stadt. Man glaubt es ja nicht: Marl nannte einst neun Kinos sein Eigen.

Das ist lange her. Der Stadt geht es nicht mehr so gut. Als man 2016 beschloss, das Hallenbad abzureißen, kam der verbretterte Bau dem Unternehmen überraschend entgegen: Eine Woche vor Anrücken der Abrissbirne fiel das Dach ganz von allein in sich zusammen. Schwimmende kamen nicht zu Schaden, die letzte Badehose hatte das Haus 2001 gesehen. Filmstoff eigentlich, wenn auch für die Gattung melancholisches Drama.

„Lass uns doch mal ‘n Kino durchrechnen!“ sagten die beiden Gründer

Dagegen ist die Geschichte der Loe Studios, in denen nun wieder täglich Filme laufen, mutig, ja ungewöhnlich optimistisch. Nur mit dem Einstieg „Zwei Filmverrückte beschließen, ihrer Stadt nach 13 kinolosen Jahren wieder Hollywood zu schenken“, kann sie nicht dienen. Denn als Colin und Maximilian 2018 auf die Immobilie stoßen, in der früher mal die Loe Studios waren, sind die beiden Selfmade-Männer (Meynigmann ist gelernter Auto-Mechatroniker, Germesin studierte damals in Bochum Maschinenbau) auf der Suche nach etwas ganz anderem. Sie haben sich im Vest einen Namen gemacht: als Veranstaltungstechniker. Was mit Vor-Abi-Feten anfing, wuchs. Und nun sollte es die „gehobene Adresse“ geben. Aber da standen sie plötzlich in den alten Kino-Sälen und einer sagte: „Lass uns doch mal ‘n Kino durchrechnen!“ Sie rechneten. Und mit Rückenwind (Finanzierung siehe Info-Box) wagten sie es. Ohne Vorkenntnisse.

Kino-Betreiber, wie lernt man das? „Tatsächlich gibt es vom Verband der Filmverleiher ein Handbuch, 50 Seiten, ,Wie gründe ich ein Kino?’“ Das half – und die Doktorarbeit einer Münchnerin: „Was wirkt am Kino auf den Kunden?“ Sie lernen: „Ich darf die Märchenwelt Kino nicht verlassen“, bilanziert Germesin, „die Musik muss vom Klo bis zum Warten im Saal klingen“. Austausch mit anderen Kinos, Fachfirmen, die zwei ertüfteln alle Details. Als Mitarbeiter treten auf: 140 Bewerber. Drei Tage Casting. Meynigmann weiß ja, dass der Film überall der gleiche ist, also gilt die Devise: „Sympathiepunkte sammelt man an der Theke!“ Und mit noblen Kinosesseln, einer ausgeklügelten Lichtregie, einem kleinen, aber filmparkreifen Foyer.

„Karte, Getränk, Popcorn – zehn Euro. Da ist der Nachmittag in Marl gerettet.“

Früh ist klar: Das wird hier keine elitäre Filmkunstadresse. „Actionfilme sind eine Bank“, sagt Germesin. Und jene Filme, die jeder mag und die es dank einem starken Hamburger Disponenten gleich in der Startwoche bis an die Hülsstraße 23 schaffen: Die Loe Studios haben sie zum Familienkino gemacht. „König der Löwen“, so was brummt.

Und ihr Angebot für Kinder lassen sie bis 16 Jahre gelten: Germesin nennt das „Herzensangelegenheit, weil wir beide Marler sind und wissen, dass man hier wenig machen kann. Karte, Getränk, Popcorn – zehn Euro. Da ist der Nachmittag in Marl gerettet.“

Dass in den Loe Studios fast schon Routine waltet und beide jetzt zusätzlich zum Kinobetrieb studieren (Business-Administration/Unternehmensführung), können sie beim Rückblick kaum glauben. Unter Hochdruck haben sie letzten Winter umgebaut, vier Monate. Als zu Jahresbeginn Taufe war, haben sie in der Nacht davor noch mit Heißluftföhnen den Lack am Geländer getrocknet. Meynigmann: „Wir haben hinten die Handwerker rausgeschmissen und vorne kam die Presse rein!“

Im Sommer haben Meynigmann und Germesin Mais-Farmer in Kansas besucht

Und die Marler? „Freuen sich, sind stolz, unterstützen uns“, sagt Germesin. Mitunter mit sehr persönlichen Motiven: „Vor 20 Jahren hatte ich hier den ersten Kuss mit meinem ersten Freund, jetzt sind wir selber Eltern. Wir freuen uns, Euch wieder besuchen zu dürfen“, hat ihnen neulich eine Frau gesagt.

Wie geht es weiter? Diesen Sommer haben Maximilian Meynigmann und Colin Germesin bei einem USA-Trip Farmer in Kansas besucht. Das Unternehmergespann lässt sich keine Details entlocken, aber unserer Redaktion liegen Bilder von Maisfeldern vor. Und die sind bekanntlich: die natürliche Heimat des Popcorn. Gibt es bald Kinofutter aus dem Vest? Das Drehbuch klingt eindeutig nach „Fortsetzung folgt“.

200.000 Euro Fördermittel kommen von der Deutschen Filmförderungsanstalt

Die Immobilie der Loe Studios erwarb Markus Meynigmann, Maximilians Vater. Die Deutsche Filmförderungsanstalt lobte die Tatsache, dass Marl wieder ein Kino bekommen hat, als „vorbildlich“. Die Jung-Unternehmer unterstützte sie mit 200.000 Euro Fördermitteln.

Die neuen Loe Studios in Marl haben drei Säle und insgesamt 157 Plätze. Zur Eröffnung kam auch der einstige Kinobesitzer Horstfried Masthoff. Er habe, berichten Meynigmann und Germesin, die Säle mit „Tränen in den Augen“ besichtigt.

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