Musik

Mehr als „Can Can“: Jacques Offenbach zum 200. Geburtstag

Jacques Offenbach (1819-1880).

Jacques Offenbach (1819-1880).

Foto: Print Collector / Getty Images

Essen.  Von Köln nach Paris zog es Jakob Offenbach – dort wurde er zum Komponisten Jacques, der den Hof einfallsreich vorführte. Eine Würdigung zum 200.

Jacques Offenbach: Ein Künstler, den wir mit dem angeblich leichtlebigen Flair des Pariser Lebens verbinden, den nahezu jeder als Meister des „Can Can“ und der „Barcarole“ kennt. Einige seiner über 100 Bühnenwerke, neben seiner letzten und bedeutendsten Oper „Les Contes d’Hoffmann“ überwiegend scharfzüngige Opéra bouffes, haben es ins Repertoire der deutschen Theater geschafft, oft aber lediglich als Vorlagen für harmloses Schmierentheater. Wenn wir in diesem Jahr seines 200. Geburtstags gedenken, gibt es einiges an dem einseitigen und schiefen Bild von Jacques Offenbach zurechtzurücken.

Das Leben und Schaffen Offenbachs war von Spannungen und Widerprüchen geprägt: Er war ein glänzender Cellist, der sich jedoch, lange Zeit ohne Erfolg, zum Bühnenmusiker berufen fühlte; er war ein in Deutschland geborener „Franzose“ und sich als Franzose fühlender Deutscher; zudem ein Jude, aufgewachsen im katholischen Köln.

In Köln, unweit des Doms, ist Jakob Offenbach am 20. Juni 1819 geboren. Der Vater trat eine Stelle als Sänger und Vorleser an der Synagoge an. Zum Schlüsselerlebnis wurde für den kleinen Jakob der Fund eines alten Violoncellos auf dem Speicher. Er machte auf dem Instrument so große Fortschritt, dass sich der Vater entschloss, seinen 14 Jahre alten Sohn am Conservatoire in Paris studieren zu lassen. In einer Stadt, die Juden größere Freiheiten ließ als die preußischen Regionen.

Jacques verließ das Conservatoire in Paris nach nur 14 Monaten

Jacques, wie er sich jetzt nannte. empfand den Unterricht allerdings als so knochentrocken und stockkonservativ, dass er die Hochschule bereits nach zehn Monaten verließ und als Cellist an der Opéra Comique seinen Lebensunterhalt verdiente. So ehrenvoll der Dienst an der Opéra Comique auch gewesen sein mag: Er wurde schlecht bezahlt. Und so lernte er die Stadt aus drei Perspektiven kennen. Abends bewegte er sich in der glanzvollen Welt der Oper in enger Verbindung zum stinkreichen Finanzviertel der Börse, nach den Vorstellungen machte er Bekanntschaft mit den Boulevards und ihren Cafés, Revue-Theatern und Edel-Bordellen, wo sich alle Welt traf. Und zu Hause wartete auf Offenbach eine ärmliche Behausung am Montmartre, dem Zentrum der „Bohème“, dem literarisch so oft verklärten Künstlerviertel. Auch den Dienst an der Opéra Comique quittierte er recht schnell. Seine Ambitionen als Bühnenkomponist und Dirigent blieben weiterhin ohne nennenswerten Erfolg. Mit dem Aufstieg von Charles Louis Napoléon Bonaparte zum Kaiser Napoléon III. nach den Aufständen 1848 sollte sich das ändern. Das „Zweite Kaiserreich“ ist angebrochen.

1855 wurde zum Schicksalsjahr für Offenbach. Eine Weltausstellung stand Paris bevor. Das verhieß einen ungeheuren Besucheransturm. Offenbach gelang es, ein kleines, leerstehendes, verkehrsgünstig gelegenes Theater zu mieten, das schnell unter dem Namen „Bouffes-Parisiens“ bekannt wurde, erzielte er mit klein besetzten Stücken beachtliche Erfolge. 1858 gelang ihm sein größter Triumph mit „Orphée aux enfers“(Orpheus in der Unterwelt). Der Erfolg war unbeschreiblich und setzte sich von Amerika bis Warschau fort. Und zwei Jahrzehnte lang geriet ausgerechnet Wien in einen wahren Offenbach-Taumel. Denn eine Operette gab es in Wien bis dato nicht. Als sich Johann Strauss (Sohn) und Offenbach 1863 zum ersten Mal in Wien trafen, richtete Offenbach die folgenschweren Worte an den fünf Jahre jüngeren Kollegen: „Aber bitte, lieber Jean, Sie sollten Operetten schreiben...Sie haben das Zeug dazu!“ Ein Rat, den Strauss beherzigte und damit die Wiener Operette begründete.

Der Durchbruch Offenbachs fällt mit dem Aufstieg Napoléons III. zusammen

Es ist kein Zufall, dass der Durchbruch Offenbachs mit dem Aufstieg Napoléons III. und dem damit verbundenen Zweiten Kaiserreich zusammenfällt. Paris ergeht sich unter dem Kaiser in einem Repräsentationsrausch, der die politischen und sozialen Probleme des Landes nur dürftig verschleiern konnte. Offenbach hat in seinen Stücken mit Geschick die Hohlheit des Regimes auf die Schippe genommen, aber so geistreich und raffiniert, dass selbst der Hof inklusive des Kaisers die Werke mit großem Vergnügen goutierte. All das spiegelt sich im „Orpheus“ in der Figur des liebestollen Jupiter wieder, eingekleidet als ebenso böse wie geistreiche Attacke gegen Kaiser und Regime. Dem überwältigenden Erfolg des „Orpheus“ folgten weitere Triumphe mit ähnlicher Thematik und gleicher Qualität, darunter „La Belle Hélène“, „La Grande-Duchesse de Gérolstein“, „La Perichole“ und „La Vie Parisienne“. In der „Großherzogin von Gérolstein“ attackiert Offenbach 1867 die leichtfertige Militärpolitik Napoléons, der sich mit Preußen und seinen Verbündeten anlegen wollte. Drei Jahre später kam es zum Deutsch-Französischen Krieg mit verheerenden Folgen für Frankreich. Mit der Niederlage riss auch die zwölfjährige Erfolgssträhne Offenbachs jäh ab.

Plötzlich holte ihn seine Nationalität als deutscher Franzose, französischer Deutscher ein

Offenbach musste nicht nur sein Theater schließen. Plötzlich holte ihn auch seine Nationalität als deutscher Franzose bzw. französischer Deutscher ein. Haben sich die Franzosen bis dahin köstlich über Offenbachs Attacken gegen den Kaiser amüsiert, rückte man ihn jetzt in die Nähe eines Spions. Und von da an galt er auch in Deutschland als „Vaterlandsverräter“. Und nach 1870 erschienen auch die ersten antisemitischen Angriffe gegen Offenbach. Der Erfolg blieb aus, zudem nahmen sein Rheuma und vor allem seine Gichterkrankung so dramatische Züge an, dass er in den letzten Jahren vor lauter Fieberattacken kaum noch arbeiten konnte. Die letzten drei besonders beschwerlichen Jahre verbrachte Offenbach damit, oft in wärmende Pelze gekleidet, seinen lange gehegten Lebenstraum erfüllen zu können, eine Oper an einem Pariser Opernhaus aufführen zu dürfen. Und die Chance stellte sich ein, als man ihm die Aufführung seiner letzten Oper „Les Contes d’Hoffmann“ an der Opéra Comique in Aussicht stellte. Er spürte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte und drängte die Librettisten und Theaterleute. Ein Wunsch, der ihm nicht erfüllt wurde. Und es war ihm nicht einmal gegönnt, sein Werk vollenden zu können. Am 5. Oktober 1880 starb Offenbach im Alter von 61 Jahren. Seine Oper, eine der bedeutendsten des 19. Jahrhunderts, wurde fünf Monate nach seinem Tod uraufgeführt. An der Opéra Comique.

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