Das besondere Museum

Sexy, provokant: Textilmuseum in Ratingen mit Mini-Schau

„Mini, sexy, provokant. Mode 68.“ So heißt die Sonderschau im Textilmuseum Cromford in Ratingen - unsere neue Folge der Wochenende-Serie „Das besondere Museum“.

„Mini, sexy, provokant. Mode 68.“ So heißt die Sonderschau im Textilmuseum Cromford in Ratingen - unsere neue Folge der Wochenende-Serie „Das besondere Museum“.

Foto: André Hirtz

Ratingen.   Miniröcke! Durchsichtige Damenoberteile! Wegwerf-Unterhosen! Und das alles in einer ehrwürdigen Ratinger Textilfabrik – wir haben mal vorgefühlt.

Hätte das der alte Johann Gottfried Brügelmann noch erlebt, er wäre glatt in Ohnmacht gefallen: Miniröcke! Durchsichtige Damenoberteile! Wegwerf-Unterhosen! Und das alles in seiner ehrwürdigen Ratinger Textilfabrik Cromford.

Als die Rocksäume höher rutschten

Nun, dem aus Wuppertal stammenden Industriepionier ist das erspart geblieben. Denn als 1783/84 hier die ersten Maschinen damit begannen, Baumwolle zu spinnen, hatte die industrielle Revolution gerade erst begonnen und die Französische Revolution lag noch fünf, sechs Jahre in der Zukunft. Und doch lässt sich leicht der Faden spannen von den Ursprüngen der Textilindustrie in Ratingen zur Schau „Mini, sexy, provokant – Mode 68“, die aus jener Zeit erzählt, als die Rocksäume höher rutschten und die Nachkriegsgesellschaft zumindest leicht ins Beben kam.

Die spinnen, die Ratinger! Und zwar schon seit langem. Die Textilfabrik Cromford erzählt heute als LVR-Industriemuseum, warum das so ist. Am Ufer der Anger fand der Unternehmer Brügelmann damals die idealen Voraussetzungen, um mit einem Mühlrad seine Hightech-Maschinen zu betreiben, denn nichts anderes waren seine Spinnmaschinen. Ein Blick ins Herrenhaus offenbart, wie prächtig der Fabrikant residierte: meterhohe Wandgemälde, kleine Säle, kunstvoll geschnitzte Türrahmen. Man könnte meinen, hier habe ein Fürst logiert. „Die vermeintliche Prachtentfaltung hatte auch ökonomische Bedeutung. Weil die Herrenhäuser sehr gut gebaut sind. Sie bilden Kapital, das man auf den Markt werfen kann, wenn es dem Betrieb nicht gut geht. Die Fabriken selbst sind nichts wert“, sagt Claudia Gottfried, Leiterin des Industriemuseums.

Im alten Fabrikgebäude sieht man heute noch das gewaltige Mühlrad, das unter anderem die Feinspinnmaschinen antrieb, die fast 100 Spindeln gleichzeitig mit Fäden befüllen konnten, ganz zu schweigen von den Vorspinn-Maschinen in der ersten Etage. Entwickelt hatte die Technik Richard Arkwright erst 1771 im englischen Dörfchen Cromford in Derbyshire, daher der Name der Fabrik und des Ratinger Stadtteils.

Kinderarbeit war früher ganz normal

Die Geschichte der Textilfabrik ist auch eine der Kinderarbeit, sie mussten früher hier täglich zwölf Stunden schuften. Es war warm, feucht und in der Luft flogen Baumwollfasern herum. „Wenn sie mit 16, 17 Jahren aufgehört haben zu arbeiten, waren sie für ein weiteres Erwerbsleben nicht mehr zu gebrauchen“, berichtet Gottfried. Baumwolllunge, rheumatische Erkrankungen, nicht mal mehr das Militär wollte sie.

Die oberen drei Stockwerke der Fabrik schielen mit der aktuellen Schau den 68ern auf den Rocksaum. „Uns interessierte, was in dieser Zeit, in der politisch so viel passiert ist, modisch geschehen ist. Und wir haben festgestellt, dass die politischen Protagonisten sich für Mode so gar nicht interessiert haben“, so Gottfried. Dennoch spiegelt die Veränderung der Kleidung, wie die Gesellschaft im Umbruch war.

Der Kinsey-Report hatte enthüllt, dass die Gesellschaft nach außen kirchliche Moral heuchelte, während unter der Bettdecke vollkommen andere Maßstäbe galten. Mit der Studentenrevolte, der Hippie-Bewegung und der sexuellen Befreiung kam auch die bisherige Ernährer-Hausfrauen-Ehe ins Wanken. „Parallel lief aber eine Sexualisierung in der Werbung und den Medien, der besonders die Frauen zum Opfer fielen“, so Gottfried. Hotpants, Kleider, die man ohne BH tragen konnte, und der nackte Frauenpo in einer Werbung für Levis Jeans – all dies dokumentiert die Schau, die dem alten Johann Gottfried Brügelmann erspart geblieben ist – die man heutigen Mode-Interessierten aber sehr empfehlen kann.

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Die Waterframe-Spinnmaschine ist nicht nur für Museumsleiterin Claudia Gottfried ein beeindruckendes Stück Technikgeschichte. „Der Beginn der Industrialisierung wird damit sehr prägnant sichtbar. Man hat plötzlich 96 Spindeln, wo vorher nur ein Mensch einen Faden herstellen konnte. Und man bedient die Apparatur mit zwei bis vier Leuten. Das war damals schon sensationell“, so Gottfried. Die Waterframe-Maschine in der Textilfabrik Cromford ist auch heute noch voll funktionstüchtig und wird den Besuchern regelmäßig vorgeführt.

Textilfabrik Cromford, Cromforder Allee 24, Ratingen. Do-fr 10-17 Uhr, sa-so 11-18 Uhr. Erw.: 5,50 €, Schau bis 22. Dezember 2019 mode68.lvr.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben