Neues Album

Musikkritik: M. Ward liebt den Charme des Analogen

Der Songwriter Matthew Ward.

Der Songwriter Matthew Ward.

Foto: Wrenne Evans

Folk-Musiker M. Ward beweist auf seinem neuen Album„Migration Stories“ sein Talent für mitreißendes Songwriting.

Das Bild vom umherstreichenden Troubadour, der sich vom Schicksal treiben lässt und seine Lieder über das schreibt, was ihm begegnet, ist heute nicht mehr wirklich zeitgemäß. Matthew Ward alias M. Ward hat es für sein zehntes Album trotzdem hervorgeholt. Die feingliedrigen Songs auf „Migration Stories“ erzählen vom Herumwandern, vom Aufeinandertreffen, von der Sehnsucht. Und sie schauen dabei – oft, nicht immer – durch einen romantischen Retro-Schleier auf die Welt, wirken mitunter auf eine verträumte Art und Weise wie aus der Zeit gefallen. Nostalgisch, vielleicht auch ein bisschen naiv.

Für Kenner von Wards Werk ist das nichts Unübliches. Eine gute Prise „wie früher“ ist nämlich immer mit dabei. Der Singer/Songwriter aus Portland,Oregon ist bekannt dafür, dass er bis heute seine Musik ausschließlich analog aufnimmt.

Retro-Charme als roter Faden

Diese Herangehensweise zieht sich durch alle seine Projekte, sei es das Vintage-Pop-Duo She&Him mit Schauspielerin Zooey Deschanel („New Girl“, siehe Link) oder die Folk-Supergroup Monsters Of Folk. Auch thematisch kommt Wards Faszination für die Vergangenheit oft durch, seine Alben tragen Titel wie „Post-War“ oder „Transistor Radio“, wenn Coverversionen darauf vorkommen, sind es Songs von großen 60er-Jahre-Bands wie den Beach Boys oder alte Pop- und Folk-Standards.

Nun kann man dem Thema Migration einen sehr aktuellen Zeitbezug wohl kaum absprechen. Das ist Ward mit Sicherheit absolut bewusst. Wer aber konkrete Ansagen oder Parolen zum Weltgeschehen erwartet, liegt falsch. Dazu lässt sich einer wie er nicht hinreißen.

Zwischen Himmel und Erde

Das Hin- und Herwandern, um das es hier geht, passiert zunächst auf einer abstrakteren Ebene. Die Seele auf dem Weg durch Raum und Zeit besingt Ward gleich im dahintröpfelnden Opener „Migration of Souls“, dem sanfte Chöre und ein gedämpftes Saxophon eine Wärme geben, in die man sich gerne hineinfallen lässt.

Auch das darauffolgende „Heaven’s Nail And Hammer“ schwelgt thematisch zwischen Himmel und Erde, während es einen musikalisch in einen Ballroom der 50er-Jahre versetzt, wo beim Engtanz die Petticoats der Highschool-Mädchen aneinander vorbeirascheln. Erdiger und ein bisschen diesseitiger wird es dann mit dem country-bluesigen „Independent Man“.

Nur bedingt radiotauglich

Bei der gut gelaunten Midtempo-Nummer „Unreal City“ kommen dann sogar Synthesizer ins Spiel. Es ist der einzige Song mit Pop-Potenzial auf diesem Album. Konterkariert wird er aber sofort mit der vor sich hinwabernden Dream-Pop-Nummer „Real Silence“, ehe dann wieder die Folk-Gitarre übernimmt. Zugänglich ist das alles, aber keine Radiomusik. Ward entwirft seine Lieder mit dem Feingefühl eines Musikers, der sich auf hervorragendes Songwriting versteht, und er gefällt sich in der Rolle des Indie-Helden.

M. Ward >> Migration Stories
Anti (Epitaph)
Wertung: 4 / 5 Punkten

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