Film

Neu im Kino: Borys Lankosz’ Film „Dunkel, fast nacht“

Alicja (Magdalena Cielecka) sucht nach vermissten Kindern.

Alicja (Magdalena Cielecka) sucht nach vermissten Kindern.

Foto: Adam Golec / HO

Märchenhaft düster: Die Suche nach vermissten Kindern führt in Borys Lankosz’ Romanverfilmung „Dunkel, fast nacht“ tief in die Vergangenheit.

Es ist eine schwierige, von vielen Erinnerungen belastete Heimkehr für Alicja Tabor. Eine Familie, zu der die verlorene Tochter zurückkehren könnte, gibt es nicht mehr. Nur das alte, dunkle Haus, in dem die Journalistin aufgewachsen ist, steht noch. Aber die engen, düsteren Räume wecken ebenso wie der verwilderte Garten Erinnerungen, vor denen Alicja jahrelang geflohen ist.

Doch nun führt ihre Arbeit sie zurück in ihre Vergangenheit. Drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, sind in der niederschlesischen Kleinstadt verschwunden. Alicja soll eine Reportage über die Ereignisse schreiben, und die Stimmung in ihrer ehemaligen Heimat einfangen.

„Dunkel, fast Nacht“ ist eine Verfilmung von Joanna Bators gleichnamigem Roman

Schon in den ersten Momenten von „Dunkel, fast Nacht“, seiner Verfilmung von Joanna Bators gleichnamigem Roman, beschwört Borys Lankosz eine ganz eigene Atmosphäre herauf. Ein altmodischer, noch von einer Dampflok betriebener Zug fährt durch eine schneebedeckte Winterlandschaft. Die Sonne ist längst untergegangen. Das Dunkel der Nacht verleiht der Szenerie etwas Märchenhaftes. Man ist sich nicht sicher, in welcher Epoche man sich gerade befindet.

Selbst als Lankosz ins Innere des Zugs schneidet und seine Heldin, die von Magdalena Cielecka gespielte Alicja, einführt, wird man das Gefühl nicht los, dass die Zeit in dieser Landschaft und diesem Zug irgendwann einmal stehen geblieben sein muss. Nichts erinnert einen an die Gegenwart, weder das alte Großraumabteil mit seinen unbequemen Sitzen, noch die Gesichter der Menschen, die düster und verschlossen wirken. Sie alle scheinen mit einer ungeheuren Last zu leben und sich nicht von ihr befreien zu können.

Von dieser Last erzählt „Dunkel, fast Nacht“. Die zentrale Geschichte um die drei verschwundenen Kinder spielt zwar in der Gegenwart. Aber die Spuren, auf die Alicja stößt, führen sie immer weiter zurück in die Vergangenheit. Ins Jahr 1945, als zunächst die deutschen Besatzer in Richtung Westen flohen und wenig später die Rote Armee nach Niederschlesien kam. Die Wunden, die der Zweite Weltkrieg und der ihm folgende Kalte Krieg gerissen hat, sind schief verheilt und nur schlecht vernarbt. Sie prägen die kleine Gemeinde äußerlich wie innerlich.

Der polnische Regisseur Borys Lankosz zeigt einen eindrucksvollen Mix von Stilen

Der Gegenwart des Vergangenen begegnet der polnische Regisseur Borys Lankosz mit einem eindrucksvollen Mix von Stilen und Haltungen. Wenn sich Alicja mit den Verwandten der verschwundenen, wahrscheinlich entführten Kindern trifft, entwickelt „Dunkel, fast Nacht“ eine beinahe dokumentarische Härte. Die Kamera verweilt lange auf dem frühzeitig gealterten, von Alkohol und Drogen gezeichneten Gesicht einer der Mütter und entdeckt in ihm das ganze Elend dieser von der Welt vergessenen Region.

Sobald die Erzählung in die Vergangenheit wechselt, bekommt Lankosz’ Film einen Zug ins Märchenhafte. Von den unvorstellbaren Grausamkeiten, denen die Menschen und vor allem die Kinder in der Zeit des Krieges und danach ausgesetzt waren, können die Überlebenden nur in Form von Legenden und Märchen sprechen. So wird das Unerträgliche erzählbar und doch nicht verharmlost.

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