Schauspiel-Legende

Neue Kino-Dokumentation zeigt das Leben von Mario Adorf

„Ich habe nie ein planvolles Leben gelebt“: Schauspiel-Legende Mario Adorf (89).

„Ich habe nie ein planvolles Leben gelebt“: Schauspiel-Legende Mario Adorf (89).

Foto: Reto Klar

Essen.  Die Dokumentation „Es hätte schlimmer kommen können“ zeigt Mario Adorfs Ausnahmeleben im Schnelldurchlauf. Ein Gespräch mit dem Schauspieler.

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Mehr als 200 Film- und Fernsehrollen hat Mario Adorf in seinem Leben schon gespielt. Dass da nun ein Film ins Kino kommt, der keine Fiktion ist, sondern allein seine eigene Geschichte erzählt, das hat den Schauspieler seltsam berührt. Er habe sogar gezweifelt, „dass es ein vorzeigbarer Film würde“, erzählt Adorf. Vielleicht erklärt sich aus dieser sympathischen Zurückhaltung auch der Titel von Dominik Wesselys Dokumentation: „Es hätte schlimmer kommen können“.

Tatsächlich ist vieles gut gelaufen im Leben von Mario Adorf. Das leicht gebräunte Gesicht zeigt kaum Erschöpfung, obwohl der 89-Jährige am Abend zuvor noch gefeiert hat. Die Film- und Medienstiftung NRW hat ihn mit dem Herbert-Strate-Preis ausgezeichnet. Keine 24 Stunden später sitzt Adorf entspannt und elegant wie eh und je in seiner Hotelsuite und freut sich im Interview auf die Premiere in der Lichtburg. „Hier habe ich vor 60 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne gestanden.“ Zig Filmpremieren hat Adorf in Essen gefeiert, doch dieser Abend wird besonders. 1200 Zuschauer erheben sich von den Plätzen, als der Schauspieler und sein Filmteam die Bühne betreten. Sogar der Bürgermeister des Eifel-Städtchens Mayen ist nach Essen gekommen, um dem berühmten Sohn seiner Stadt die Aufwartung zu machen.

Mario Adorf ist Weltenbummler zwischen Rom und St. Tropez

Und tatsächlich ist dieser Grandseigneur, dieser Weltenbummler zwischen Rom und St. Tropez ja ein Bub aus der deutschen Provinz, ein Kind aus einfachen Verhältnissen. Sohn eines italienischen Arztes, den er nur einmal im Leben trifft, und einer alleinerziehenden Mutter, die ihn abends mit dem Geräusch der ratternden Nähmaschine in den Schlaf schickt und morgens zu müde ist, um ihm vor der Schule Frühstück zu machen. Einige Jahre verbringt er sogar in einem Kinderheim. Trotzdem hat es mit der Erziehung geklappt. Doch Adorf ist besorgt, wenn er über die Jugend von heute spricht. „Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der wir gegen Gewalt waren. Was können wir tun, um die jungen Leute weg von der Gewalt zu bekommen – dass sie nicht den Rattenfängern nachlaufen... ?“, sagt er nachdenklich.

Adorfs eigene Jugend wird von Krieg und den Entbehrungen des Wiederaufbaus überschattet. Fast verschüttete Erinnerungen hat auch Dominik Wessely zutage gebracht und tief in den Archiven gegraben: Kindheitsfotos, das Bewerbungsbild für die Otto-Falckenberg-Schule und Filmausschnitte aus frühen Filmerfolgen wie „Nachts, wenn der Teufel kam“. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, für die Mario Adorf manche Station noch einmal aufgesucht hat. Man sieht ihn auf dem obersten Rang der Münchner Kammerspiele, wo er Fritz Kortner heimlich bei den Proben zuschaut. In Rom trinkt er einen Cappuccino vor dem Haus, in dem er über 30 Jahre gelebt hat. Er schlendert durch die Gassen von St. Tropez, wo er für viele Franzosen eine ganze Weile nur „der Kerl“ von Ehefrau Monique ist. „Das hat mir gefallen“, versichert Adorf, „ich wollte nie Teil des Jet Sets, der Schickeria sein.“

Baulöwe, Firmen-Patriarch, Massenmörder und Winnetous Gegenspieler

Dabei spielt er die neureichen Baulöwen, Firmen-Patriarchen und Geldbarone doch mit Hingabe, den großen Bellheim und den Klebstofffabrikanten Heinrich Haffenloher mit seinem legendären Satz: „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld.“ Da ist er schon lange nicht mehr der Parade-Bösewicht, den Hollywood-Regisseur Robert Siodmak Ende der 1950er Jahre aus ihm macht. „Schauen Sie doch mal beeeese.“ Adorf schaut böse: Als Massenmörder Bruno Lüdke, als Winnetous Banditen-Gegenspieler „Santer“ und als Mexikaner vom Dienst – obwohl er an die Dämonisierung nicht glaubt: „Alles, was Böse ist, ist in uns drin. Man kann es nicht ausgrenzen“, findet Mario Adorf.

Die Zeit, in der er Ganoven erschießt und halsbrecherische Filmstunts vorwiegend selber erledigt, scheint inzwischen Lichtjahre entfernt von dem eleganten Mann im dunkelblauen Sakko, der heute auf seine Karriere zurückblickt. „In Italien war ich auf dem besten Weg, ein zweiter Charles Bronson zu werden“, spürt Adorf Anfang der 70er Jahre und quittiert den Waffendienst. Zudem stehen ihm bei den Dreharbeiten zu dem Gangster-Thriller „Milano Kaliber 9“ damals ein paar ziemlich unbequeme Typen auf den Füßen, die sich „Don“ nennen und bei Rollenbesetzungen keinen Spaß verstehen. Adorf fürchtet: Die Mafia! Er gerät im Laufe seiner Karriere noch so manches Mal in die Schusslinie, wird erhängt, erstochen, überfahren und in seiner Paraderolle als Vater Matzerath in Schlöndorffs „Blechtrommel“ von Kugeln durchsiebt.

Mario Adorf wirkt im wahren Leben bis heute beinahe unverletzlich

Im wahren Leben wirkt Adorf bis heute beinahe unverletzlich, ein Kraftpaket. Sein Körper scheint die Zeiten am Bau und im Boxring nie vergessen zu haben. Und wenn der Tod ihn heute in Filmen heimsucht, kommt er ganz sanft wie in „Der letzte Mentsch“, in dem Adorf einen alten Mann spielt, der unbedingt als Jude begraben werden will. Der 89-Jährige selbst glaubt an keinen Gott, jedenfalls nicht an den von Menschenvorstellung geformten.

Vielleicht ist es eher die Demut, die ihm Halt gibt. Adorf ist dankbar, „bislang keine schweren Schicksalsschläge erlebt zu haben. Und dann ist da noch Fortuna, die er immer an seiner Seite gewusst hat. „Ich habe nie ein planvolles Leben gelebt“, sagt der 89-Jährige. „Mein Ehrgeiz war begrenzt.“ Trotzdem wird die Sonnenseite des Lebens seine Heimat: München, Rom, St. Tropez. Mario Adorf ist schon ein überzeugter Europäer, als es für die meisten kaum mehr als ein Begriff auf der Landkarte ist.

Ein Ausnahmeleben im Schnelldurchlauf

Dass dieses Europa gerade wieder von politischen Kräften heimgesucht wird, die schon fast vergessen schienen, sieht er mit Sorge. Vielleicht geht es dem Kontinent ein bisschen so wie Mario Adorf. Er habe die Vergangenheit zu lange vernachlässigt. „Aber wenn man etwas zu erzählen hat, dann ist doch es die Vergangenheit.“ 100 Minuten dauert sie im Film, ein Ausnahmeleben im Schnelldurchlauf, übervoll. Hat ihn rückblickend etwas überrascht? Nein, sagt Mario Adorf, „die Aha-Erlebnisse sollen andere haben!“

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