Landschaftspark Duisburg-Nord

Nicht von altem Eisen: Der Landschaftspark wird 25

Ein echter Publikumsliebling: Der Landschaftspark Duisburg-Nord.

Ein echter Publikumsliebling: Der Landschaftspark Duisburg-Nord.

Foto: Foto: Christian Schmitt / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Vom Hüttenwerk zum beliebten Naherholungsgebiet: 1994 eröffnete der Landschaftspark Duisburg-Nord. Gefeiert wird Ende Juni bei der Extraschicht.

Was wäre gewesen, wenn.....? Wenn vor 30 Jahren doch entschieden worden wäre, ein ausgedientes Hüttenwerk im Duisburger Norden nicht zu retten, sondern dem Boden gleichzumachen? Dann würden wir hier nicht an einem ganz normalen Vormittag entspannt entlang flanieren, hinaufsehen zu den Leuten, klitzeklein, die gerade den mächtigen Hochofen hinauf kraxeln. Wir würden nicht beinahe dem Grüppchen von Cosplayern in die Szene geraten, die sich gerade zwischen altem Mauerwerk sehr kunstvoll und künstlich für eine Fotosession in Szene setzen - als cooler Kontrast zur in Würde und Schönheit gealterten Industriearchitektur. Wir würden nicht dem Grüppchen von Radlern über den Weg laufen, das auf den Bänken vorm Kiosk eine Rast einlegt, nicht den Schulklassen, die hier ein Stück Ruhrpotthistorie sehen, anfassen und erfahren können. Wir würden nicht das Pärchen bemerken, das gleich neben dem Klettergarten, in dem sich Sportler kühn die steilen Wände hocharbeiten, im Schutz einer Bunkertasche verliebt knutscht.

Relikte der Schwerindustrie füllten sich mit neuem Leben

„Wunderbar“, schwärmt Ralf Winkels, seit 20 Jahren Leiter des Landschaftsparks Duisburg-Nord, „es ist einfach schön zu erleben, was auf diesem Gelände gleichzeitig so passiert. Hier spielt sich die ganze Fülle des Lebens ab. Jeden Tag.“

34 Jahre ist es her, dass der letzte der ehemals fünf Hochöfen, die hier seit 1901 in Betrieb waren, um im späteren Thyssen-Werk Roheisen zu produzieren, abgeschaltet wurde. Der Strukturwandel hinterließ im Ruhrgebiet gigantische Relikte der sterbenden Schwerindustrie - doch viele von ihnen bekamen die Chance auf ein neues Leben. So wie die Zeche Zollverein in Essen, die Jahrhunderthalle in Bochum, der Gasometer in Oberhausen, um nur einige zu nennen.

Oder eben das Meidericher Hüttenwerk, das dank Bürgerengagement und dem Landesprojekt „Internationale Bauausstellung Emscher Park“ erhalten und in den 90er Jahren nach einem Konzept des Landschaftsarchitekten Peter Latz in einen Landschaftspark verwandelt wurde - als Ort für Kultur und Freizeit, für Natur und Architektur.

Niemand hatte Erfahrungswerte

Aber ob sich jemand für einen umgewandelten Industrieraum interessieren würde? „Das wusste damals keiner. Und man konnte auch nicht nach Erfahrungswerten fragen. So etwas hatte ja in dieser Form niemand vorher gemacht“, erzählt Ralf Winkels.

Doch die Skepsis war unbegründet. Ein Vierteljahrhundert später weiß man: Die Öffnung des Parks am 17. Juni 1994 war das erste Kapitel einer Erfolgsgeschichte, deren Ende noch nicht in Sicht ist. Rund 1,1 Millionen Besucher zählen Winkels und sein Team pro Jahr auf dem 180 Hektar großen Gelände. Die britische Zeitung „The Guardian“ nahm den Landschaftspark 2015 in die Liste der zehn schönsten Parks der Welt auf. Im Möllerbunker wurden Szenen für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ gedreht, ein Autohersteller bewirbt ein neues Modell in einem Spot vor der Duisburger Industriekulisse, hier wurden Badmöbel und Mode präsentiert und inszeniert, schon 1995 produzierte DJ Bobo hier sein Video zu dem Hit „Freedom“.

Das alles sei schmeichelhaft und auch eine Bestätigung, vieles richtig gemacht zu haben, aber kein Anlass stehenzubleiben in dem Bestreben, das Areal noch weiter zu „denken“, sagt der Parkchef. „Weil ich immer das Gefühl habe: Da geht noch was. Und da geht noch mehr.“ Noch immer gebe es Gebäude und Orte, deren Potenzial noch nicht genutzt sei, so wie die alte Gasförder-station, die restauriert und in zwei bis drei Jahren für die Besucher geöffnet werden soll. „Vielleicht mit einem kleinen Biergarten davor“, so Winkels’ Vision. Oder das zentrale Messhaus, „das noch komplett zu entwickeln“ sei. Rund sechs Millionen Euro fließen jährlich in der Unterhalt des Parks.

Parkbetreiber sind heute gefragte Gesprächspartner

Die Pioniere von einst sind inzwischen zu gefragten Gesprächspartnern in Sachen Neuerfindung alter Industrieanlagen geworden. In jüngster Zeit komme viel Besuch aus Südkorea, erzählt der 61-Jährige. Es sind keine Touristen, sondern Kollegen vom Fach. Denn dort stünden einige Regionen heute vor einem ähnlichen Strukturwandel wie das Ruhrgebiet zum Ende des 20. Jahrhunderts, so Winkels. Und ganz bestimmt fällt nicht nur diesen Gästen in dem gigantischen Park das üppige Grün auf, weil sich - und genau das ist gewollt - zwischen Mauern und verwitterndem Stahl die Natur ihren Raum zurück- und neuerobert. Rund um das Hüttenwerk gedeiht ein echtes Biotop.

Mehr als 100 Käfer-, 45 Vogel- und über 30 Libellenarten sind hier - viele im Verborgenen - zu Hause, dazu Hunderte von heimischen und exotischen Pflanzenarten. Und genau darum ist das Maskottchen des Landschaftsparks auch kein Hochofen oder Schornstein im Miniaturformat, sondern Edgar - eine Zwergfledermaus aus Stoff.

INFO: DAS BIETET DER LANDSCHAFTSPARK

Auf dem Gelände und in den Industriebauten des Landschaftsparks finden sich heute u.a. ein Tauchgasometer, ein Hochseilparcours und ein Klettergarten des Deutschen Alpenvereins. Die Biologische Station Westliches Ruhrgebiet unterhält hier eine Zweigstelle, um die Artenvielfalt zu erforschen. Zudem ist das ehemalige Hüttenwerk Spielort für eine Reihe von Kulturveranstaltungen wie Ruhrtriennale, Klavierfestival Ruhr, Traumzeitfestival oder die „Extraschicht“.

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