Glosse

Vom großen Glück unserer goldenen "Nachkriegs-Generation"

Unser Autor schreibt über das große Glück seiner Generation.

Unser Autor schreibt über das große Glück seiner Generation.

Foto: Martin Gerten

Hagen.   Die Kriegsnöte waren überstanden und die Lieblingsmusik lief über die Schallplatte – unser Autor schreibt vom Glück der Nachkriegs-Generation.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Manchmal muss ich gar nichts Böses getan oder Gutes unterlassen haben, um ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Da genügt es, dass mir bewusst wird, was ich für ein Glück hatte. Und Glück ist immer unverdient.

Dass ich in Westeuropa zur Welt gekommen bin und nicht in Zentralafrika, bringt auch Nachteile mit sich: Das Risiko einer Fettleibigkeit, Erkältung oder unnötigen Rückenoperation ist höher.

Zwischen Wirtschaftswunder und der Anti-Baby-Pille

Doch die Chancen für ein langes, sicheres und selbstbestimmtes Leben bewegen sich in ganz anderen Dimensionen. Das ist den meisten von uns von jeher klar. Zunehmend gewinne ich aber den Eindruck, dass auch der Zeitpunkt meiner Geburt sehr geschickt gewählt gewesen wäre, hätte ich ihn denn gewählt.

Die Kriegsnöte waren überstanden, das Wirtschaftswunder blühte, immer neue und größere Freiheiten prägten meine Jugend. Bildungschancen explodierten, Autoritäten wankten, die Populärkultur bekam Bedeutung, es gab die Pille, aber noch kein Aids. Schwer zu glauben, dass wir dennoch häufig unzufrieden waren. Wir wollten eben alles und zwar sofort.

Alte Filme liefen noch nicht über Netflix

Was wir nicht kannten, konnte uns auch nicht fehlen: Das Handy und das Internet, Facebook und Instagram, Spotify und Netflix. Wenn wir alte Filme sehen wollten, gingen wir nachts ins Programmkino.

Wenn wir unsere Lieblingsmusik hören wollten, die natürlich nicht im Radio lief, sparten wir auf die Schallplatte. Die eine oder andere von denen läuft immer noch. Und wir durften überall rauchen.

Demos gegen Atomkraft – aber keine konkrete Bedrohung

Wir demonstrierten gegen Atomkraft und Nachrüstung, fühlten uns aber nicht wirklich existenziell bedroht. Und irgendwann hatten wir sogar das Gefühl, der Staat, den wir so lange misstrauisch beäugt hatten, sei unserer geworden. Er hatte sich geändert und wir uns auch. Wir waren älter geworden. Einige begannen, an die Rente zu denken. Sie dürfte geringer ausfallen als die der Eltern, aber es wird reichen. Vom Digitalen profitieren wir, wo wir wollen, und ignorieren, was uns nicht interessiert.

Manches verstehen wir nicht mehr. Manchmal fühlen wir uns ausgeschlossen. Bisweilen steckten wir lieber in den aktuellen Nöten und Krisen der Jungen. Dann könnten wir uns noch lebendiger fühlen. Vielleicht haben wir das Glück unserer Generation nur zum Trost erfunden. Glaube ich aber nicht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben