Konzert

Rammstein auf Schalke: Feuer, Flammen, Metal und Provo-Pop

Wie im Wahn und hübsch chargierend: Sänger Till Lindemann mit beschwörerischer Geste, vermutlich beim ersten Song „Was ich liebe“.

Wie im Wahn und hübsch chargierend: Sänger Till Lindemann mit beschwörerischer Geste, vermutlich beim ersten Song „Was ich liebe“.

Foto: Sebastian Konopka

Gelsenkirchen.   Liebe und Hass liegen bei Rammstein nah beieinander: Ihr spitzbübisch dargebotener Metal-Pop verschreckt Zarte und begeistert Harte auf Schalke.

Der Abend ist die Pest, zumindest für Greta Thunberg und alle anderen Feinstaub-sensiblen Klimaschützer: Was Rammstein hier allein bei der ersten Show von zweien auf Schalke an Pyrotechnik in die Luft ballern, reicht für ein jahrzehntelanges Diesel-Fahrverbot zwischen Kurt-Schumacher-Straße und Adenauerallee. Entrußungstechniker werden lange zu schuften haben, um die Träger der Arena-Deckenkonstruktion wieder sauber zu schrubben.

Der Abend ist ein Fest, zumindest für jene Fans von Deutschlands international größten Rock-Heroen. 55.000 Zuschauer sind am ersten Abend gekommen, noch mal so viele werden es am zweiten Abend des Tourauftakts sein.

Ein Panoptikum der Provokation

Der Abend ist Provokation, zumindest für jene, die nicht hartgesotten sind durch zahllose Theaterbesuche. Was hier verhandelt wird sind Themen wie Kindesmissbrauch, Liebe, Hass, Sex, Kannibalismus, Fetisch, Prostitution, Ekel, Vaterland, Traumata. Ginge man durch die deutsche Theaterlandschaft, man fände zwischen Georg Büchner und Heiner Müller gewiss für jedes dieser Themen ein passendes Gegenstück, viele davon waren einst skandalträchtig. Jedes davon ist, in provokative Metal-Songs verpackt, immer noch vielen ein Dorn im Auge. Plakative Provokation ist Fluch und Segen für Rammstein zugleich.

Nehmen wir den Song „Deutschland“, der zunächst von der Band mit einem eher elektronischen Intro und als LED-Strichmännchen über die Bühne tanzenden Darstellern als eine Hommage an die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere Kraftwerk gestaltet wird. Im umstrittenen Video zum gar nicht so sehr umstrittenen Hassliebe-Song haben sich die ostdeutschen Musiker als KZ-Insassen inszeniert, was verständlicherweise reflexhafte Proteste auslöste. Eine Provokation, aber sehr im diffusen Bereich. Vielleicht empfanden es manche nicht zuletzt wegen Till Lindemanns teutonisch rollendem „R“ als Unverfrorenheit, ein solches Bild heranzuziehen.

Bewusst böse Spitzbübelei

Wenn man Rammstein einen Vorwurf machen will, dann vielleicht den, vieles zu sehr im Unbestimmten zu lassen. Im Song „Ausländer“ umreißt Lindemann jenen Ausländer als einen, der für schnellen Sex mit der einer fremden Frau („Mi Amor, mon chéri!“) zu haben ist – aber er tut dies in der 1. Person Singular – was bedeutet ein vermeintlich ausländerfeindliches Klischee also, wenn man es auf sich selbst anwendet?

Es sind solche Spitzbübeleien, die bei manchen für Entrüstung, bei anderen für Euphorie sorgen – die trauen sich eben was, ähnlich wie viele andere Metal-Bands, mit dem großen Unterschied, dass Rammstein alles auf Deutsch singen und sich bewusst martialisch geben.

In der Zusammenfassung: Rammstein spielten ein Set, das sich zunächst sehr aufs neue Album konzentrierte, mit „Radio“, „Sex“, „Zeig Dich“, „Puppe“, „Diamant“ und „Deutschland“. Und zwischendurch ein paar Gassenhauer. Etwa „Sonne“ als akustische Klavier-Version auf einer Bühne mitten im Publikum. Oder „Pussy“, wobei Kunstschnee rieselte. Oder die Zugabe „Rammstein“ (Ein Mensch brennt) wobei Lindemann selbst die Flammenwerfer auf dem Rücken trug und pyrotechnisch befeuert zu explodieren schien wie ein feuriger Pfau!

„Mein Teil“ mit dem Flammenwerfer

Bei „Mein Teil“ richtete Lindemann den Flammenwerfer auf einen Kochtopf, in dem Keyboarder Flake hockte, beste Laientheater-Manier. Und auch sonst züngelten die Feuer-Fontänen empor, so dass jeder in der Arena den heißen Hauch auf den Armhaaren gespürt haben dürfte. Nicht zu vergessen: Die Lautstärke der Rammstein-Songs sucht ihresgleichen, kaum jemand ohne Ohrstöpsel dürfte ohne Schäden die Arena verlassen haben, für viele war selbst mit Hörschutz die Schmerzgrenze erreicht, allein durch die Kanonenschläge, mit denen die Band ihre Fans immer wieder aufrüttelte.

Wer dort war, wird wohl sagen: Wie groß! Wer freiwillig daheim blieb wird wohl sagen: Wie gut! So ist letztlich allen Genüge getan.

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