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„Red Sparrow“ ist ein erstaunlich düsterer Spionagethriller

Von der Primaballerina zur Geheimagentin: Jennifer Lawrence in Francis Lawrences Romanverfilmung „Red Sparrow“.

Foto: FOX

Von der Primaballerina zur Geheimagentin: Jennifer Lawrence in Francis Lawrences Romanverfilmung „Red Sparrow“.

Essen.  Auf den Spuren von Mata Hari: Francis Lawrence präsentiert mit „Red Sparrow“ einen Agentenfilm, der Genre-Regeln folgt – und doch überrascht.

Als der Unterschenkel der Primaballerina Dominika Egorowa bricht, zersplittert mehr als nur ein Knochen. Ihre Karriere am Bolschoi-Theater ist vorüber und damit auch ihr bisheriges Leben. Um die medizinische Versorgung ihrer Mutter zu sichern, bleibt der von Jennifer Lawrence gespielten Dominika nur eins, sie muss ein Angebot ihres Onkels annehmen. Der Geheimdienst-Offizier setzt sie auf einen Oligarchen an, der dem russischen Präsidenten im Weg ist. Der jungen Frau gelingt es tatsächlich, ihre Zielperson zu manipulieren. Aber ihr Triumph währt nur kurz.

Dominikas Begegnung mit dem Oligarchen ist nicht nur einer der zentralen Augenblicke in „Red Sparrow“, Francis Lawrences Verfilmung von Jason Matthews’ gleichnamigem Roman. In ihr spiegelt sich auch ein klassisches Motiv zahlloser Agententhriller. Während männliche Spione in der Regel entweder als strahlende Superhelden à la James Bond oder aber als gequälte, mit sich und der Welt ringende Antihelden gezeichnet werden, sind Spioninnen meist auf die Rolle der Verführerin festgelegt.

Auch eine Enkelin Mata Haris

Jennifer Lawrences Dominika, die dazu verdammt wird, am geheimen „Sparrow“-Programm der russischen Regierung teilzunehmen, ist somit auch eine Enkelin Mata Haris – der niederländischen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle, die am 25. Juli 1917 von einem französischen Militärgericht als Doppelagentin und Hochverräterin zum Tode verurteilt wurde.

Dominikas einzige Aufgabe ist es, die psychologischen Schwachstellen ihrer Zielpersonen zu finden und skrupellos auszunutzen. Aber natürlich kommen auch Dominika ihre Gefühle in die Quere. Francis Lawrence und seine Hauptdarstellerin verzichten dabei jedoch auf alles Melodramatische. „Red Sparrow“ ist ein erstaunlich düsterer Spionagethriller, der sich ganz gezielt als Gegenentwurf zu David Leitchs Comic-Verfilmung „Atomic Blonde“ positioniert.

Geschlechterklischees werden umgekehrt

In dem Kino-Erfolg „Atomic Blonde“ hatte Charlize Theron in der Rolle der britischen MI6-Agentin Lorraine Broughton tatsächlich so etwas wie einen weiblichen James Bond erschaffen, eine Super-Agentin, bei der man anders als bei ihrem Vorbild, der Spionin aus Joseph Loseys „Modesty Blaise – Die tödliche Lady“ (1966), nie sicher ist, auf welcher Seite sie steht. Dominika ist natürlich auch undurchsichtig. Wie Therons „Atomic Blonde“ spielt auch sie alle Seiten gegeneinander aus. Allerdings ist Therons doppeltes und dreifaches Spiel eine reine Genrephantasie und betont letztlich nur die comichafte Seite ihrer Figur. Dabei werden nur die typischen Geschlechterklischees des Genres umgekehrt. Passend zum Trend hin zu mehr weiblichen Actionheldinnen spielen sie völlig überzeichnete Figuren, die mit wirklichen Agentinnen und Agenten kaum noch etwas verbindet.

Lawrence und ihrem Regisseur gelingt es hingegen, typische Konventionen der Popkultur mit Realismus zu verbinden. Ihr „Red Sparrow“ bewegt sich zwar in den Fußstapfen von Greta Garbos Mata Hari und Luc Bessons „Nikita“, die wie Dominika gezwungen wurde, alles Menschliche hinter sich zu lassen. Aber sie ist zugleich eine faszinierende Doppelagentin wie aus einem Roman von le Carré.

Konventionen des Spionagekinos

In den harten Folter- und Ausbildungsszenen bedient Francis Lawrence die Konventionen des Spionagekinos. Aber das Drastische ist bei ihm nie Selbstzweck. Es betont vielmehr die menschenverachtende Grundhaltung des Spionagegeschäfts.

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