Vermächtnis

Schön, schäbig, schwankend: Brigitte Kronauers letztes Werk

Brigitte Kronauer (1940-2019).

Brigitte Kronauer (1940-2019).

Foto: Markus Scholz / picture alliance / dpa

Essen.  Die Romangeschichten mit dem Titel „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ sind das Vermächtnis der großen Autorin Brigitte Kronauer (1940-2019).

Brigitte Kronauer, die vor nicht einmal vier Wochen starb, hat ein Vermächtnis hinterlassen, denn als sie an diesen „Romangeschichten“ arbeitete, dürfte sie geahnt, vielleicht sogar gewusst haben, dass es ihr letztes großes Werk sein wird. Der seltsame Titel wird schon gleich zu Beginn erklärt: Es geht um eine Schriftstellerin, der unterstellt wird, dass die Plots die Schwäche ihrer Bücher sind. Was auch Brigitte Kronauer, sehr zu Unrecht, gern vorgehalten wurde – und doch sollte man sich hüten, die Schriftstellerin, die alle folgenden Geschichten erzählt, mit Brigitte Kronauer zu verwechseln.

Jedenfalls nimmt sie sich 39 Porträts vor und teilt die betreffenden Menschen ein in drei Kategorien – doch dann kehrt überraschend das Ehepaar zurück, das ihr sein Häuschen im Nirgendwo zwischen Berlin und Frankfurt/Oder überlassen hatte. Ihre Konzentration ist dahin, und so entwickeln sich die geplanten Porträts dann auch in verstreuter, zerstreuter Manier. Scheinbar. Denn in Wahrheit ist Brigitte Kronauers Erzählen hochkonzentriert. Und es erweist sich, dass die Einteilung in Schöne, Schäbige und Schwankende gar nicht möglich ist, weil alle drei Kategorien auf alle zutreffen.

Dauer-Aufmerksamkeit für das menschliche Panoptikum

Mit sparsamen, vielsagenden Details, mit unerwarteten Irritationen erzeugt sie eine Dauer-Aufmerksamkeit für die Figuren ihres menschlichen Panoptikums, das da vor unseren Augen vorüberparadiert. Die betrogene Ehefrau im Wortduell-Clinch mit einer zufälligen Tischnachbarin, die Frau, die als Kassandra im Kulturbetrieb reüssiert und allmählich die Fassung verliert, immer wieder Charmeure und Verführerinnen, die mal ihrer Eitelkeit, mal einem Taschendieb erliegen.

So legt sie die Schwächen und wunden Stellen der bürgerlichen Seele, ja der bürgerlichen Verfasstheit bloß, jene Seelenkrisen und Bewusstseinstäuschungen, denen nicht nur viele, sondern fast alle erliegen, auch Schriftsteller. Hier passiert das mit einer geradezu schmerzhaften Genauigkeit, zu der früher auch ein Martin Walser mal in der Lage war, bevor er sich vorwiegend mit sich selbst beschäftigte. Im Vergleich fallen die feinen Verästelungen in Kronauers Sprache auf, in der stets Rätsel und Überraschungen auf der Lauer liegen, um oft nur halb aufgelöst zu werden; so bleibt ein beunruhigender Rest, der sich jederzeit in Zeigefinger oder Fragezeichen verwandeln und auf die Leser richten kann. Bei Pflanzen oder Vögeln nimmt Kronauers Genauigkeit gar liebevolle Züge an, bei Menschen ist sie eher bei einem Schmetterlingsforscher ausgeliehen, der dabei ist, seine Tiere mit feinen Nadeln zu fixieren, um sich ein Bild zu machen.

Locker verwobene Porträtgalerie

Die Menschen in dieser locker verwobenen Porträtgalerie, die keine durchgehende Handlung nötig hat, wohl aber vom Verschwinden und Wiederauftauchen mancher Figur profitiert, zappeln alle noch. Vergebens allerdings, so viel lässt uns Brigitte Kronauer immer wieder ahnen.

Brigitte Kronauer: Das Schöne, Schäbige, Schwankende. Romangeschichten. Klett Cotta, 596 S., 26 Euro.

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