Hörbücher

Schöner die Stimmen nie klingen...

Tanja Wedhorn

Tanja Wedhorn

Foto: © ARD Degeto/Christine Schröder

Gute Hörbücher für den Gabentisch - vom Liebesroman über Kulturgeschichte bis hin zur Ritterballade.

Der Buchmarkt bröselt. Indes: Wird Leuten vorgelesen, sind sie offenbar treuer. Dem Trendmedium Hörbuch geht es gut. Lars von der Gönna wartet mit Empfehlungen für den Gabentisch auf.

Leben mit den Göttern

Seine Weltgeschichte in 100 Objekten bescherte dem universalgelehrten Briten Neil MacGregor einen Bestseller. Zuletzt durchleuchtete er so anspruchsvoll wie anschaulich unsere Beziehung zu Göttern, Religion, Glauben – ein gewaltiges Werk für Menschen, die den Stau clever in eine Ohren-Akademie ummünzen. Schauspieler Wolfgang Koch durchmisst die Kulturgeschichte vom Hünengrab bis zur Kathedrale vorbildlich unaufgeregt. (Leben mit den Göttern, der hörverlag, 12 CDs, 40€)

Schön Böses aus Brandenburg

Eben ist Juli Zeh zur Verfassungsrichterin berufen worden. Dass Deutschland aus ihrer Perspektive in einer guten Verfassung ist, lässt sich spätestens nach der Lektüre von Zehs wuchtigem Roman „Unterleuten“ kaum sagen. Ein herrlich finsteres Buch: mit entwaffnender Menschenkenntnis und einem Bündel packender Gemeinheiten erzählte Zeh von Ost-WestVerwerfungen am Beispiel eines brandenburgischen Dorfes. Nun ist das große Hörspiel zum Roman da. Judith Lorenz inszeniert ein sattes Panorama mit Mut zum karikaturhaften Strich. Stark besetzt ist die Tragikomödie der langen Schatten unter anderem mit Tanja Wedhorn, Axel Prahl und dem herausragenden Hilmar Eichhorn. (der hörverlag, 6 CDs, 20€)

Liebe trotz(t) Knechtschaft

Große Liebesgeschichten der Literatur sind nicht denkbar ohne große Hürden. Das gilt auch für Alex Capus’ „Königskinder“ (hörverlag, 4 CDs, 19€), wo beide zueinander lange nicht kommen, weil er Knecht und sie wohlhabend ist. Ulrich Noethen, einer der besten Hörbuchsprecher, die wir haben, nimmt uns in dieser wendungsreichen Geschichte, die von der Schweizer Einöde bis ins feiste Versailles führt, behutsam an die Hand. Spannend, anrührend, einfach gut.

Mit Rittern und Gespenstern

Sie kennen noch Zeilen aus dem „Taucher“, lieben „Erlkönig“ und „Brück am Tay“? Dann empfehlen wir eine der schönsten Wiederentdeckungen des ausklingenden Hörbuchjahres. Sie versammelt auf sechs CDs „Die schönsten deutschen Balladen“ (Der Hörverlag, 20€). Der große Gert Westphal (1920-2002), der als Sprecher so oft Weltliteratur seine nobel modulierende Stimme geliehen hat, stürzt sich fünfeinhalb Stunden mit Wonne in die Welt der Ritterfräulein und Geisterstunden. Westphal ist König, Hexe, Narr und Nixe. Teilen Sie sich die 90 Balladen schön ein – jeden Tag ein starkes Ohrendrama.

Von stiller Größe

Christoph Heins „Verwirrnis“ zählt für mich zu den schönsten Romanen des Jahres. Still und trotz (oder gerade wegen) seiner tragischen Dimension betont schlicht erzählt Hein die Geschichte seines Helden Friedeward Ringeling. Dass der Name klingt wie eine Thomas-Mann-Figur, ist nicht abwegig. Zwischen der Verständnislosigkeit eines katholischen Elternhauses und dem DDR-Mief der 1950er entdeckt Friedeward die Liebe zu Wolfgang. Sylvester Groth, selbst ein Kind des Ostens, liest diesen anrührenden Roman (der audio verlag, 7 h, 22€) mit einer leisen und fesselnden Teilnahme, die uns Heins Figuren sehr nahe sein lässt.

Proust? Trauen Sie sich!

Willkommen im Kreis der Geneigten, die die 7000 Seiten Proust ja immer mal lesen wollten, aber ... Das feinsinnig dramatisierte Hörspiel „Sodom und Gomorrha“ (5 CDs, der hörverlag, 29,99€) könnte man (als letztes Buch des Proustschen Riesenwerkes) als Einstiegsdroge in die „Suche nach der verlorenen Zeit“ nehmen. Allein die schneidend-elegante Schärfe, mit der Erzähler Michael Rotschopf in den schillernden Kosmos aus Dünkel, erotischen Abwegen und Karrieregespinsten führt, ist ein Ereignis!

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