Elspe Festival

Karl-May-Festspiele: So tickt Winnetous Mörder in Elspe

Der Siegener Schauspieler Sebastian Kolb spielt bei den Karl-May-Festspielen in Elspe den Doc Plummer.

Der Siegener Schauspieler Sebastian Kolb spielt bei den Karl-May-Festspielen in Elspe den Doc Plummer.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Lennestadt.   Für Sebastian Kolb ist Winnetou der größte Held. Privat. Beruflich muss der Schauspieler bei den Karl-May-Festspielen in Elspe abdrücken.

Sein Schuss trifft mitten in die Herzen von 4300 Zuschauern pro Vorstellung. Sebastian Kolb hat sich zunächst nicht getraut, seiner Mutter zu erzählen, was er beim Karl-May-Festival in Elspe eigentlich macht. Denn die Reaktion ist voraussehbar: Entsetzen. Ungläubigkeit. Das tut man doch nicht! „Wenn Du diese Rolle annimmst, werden wir Dich ausbuhen“, haben selbst enge Freunde gedroht. Für Sebastian Kolb ist Winnetou der größte Held. Privat. Dienstlich ist er Winnetous Mörder.

„Ich bin der Marshall. Ich habe alle Weißen auf meiner Seite und kann die alle einseifen mit meinem engelsgleichen Lächeln“, sagt Sebastian Kolb und lächelt engelsgleich. Der 36-Jährige sieht aus wie Schwiegermutters Liebling. Blond, hochgewachsen, sportlich, exzellente Umgangsformen. Das kommt dem gebürtigen Siegener als Schauspieler zugute. Denn Sebastian Kolb ist der Experte für Charaktere mit doppeltem Boden, für abgründige Seelen, für Figuren, die psychisch auf der Rasierklinge tanzen.

„Es ist ein Spiel im Spiel“, beschreibt der Schauspieler die Falle, die er in dem Stück „Winnetou III“ genüsslich auf der spektakulären Naturbühne mitten im Sauerland aufbaut. „Ich bin der, der zu den Indianern sagt: Ihr seid meine Freunde. Es gibt mehrere Situationen, wo es zwischen Weißen und Indianern knallen könnte, die ich befriede. Wenn das Publikum denkt, der ist doch ein ganz Lieber, ist die Fallhöhe umso größer.“

Erste Engagements bei Werner Hahn am Theater Hagen

Sebastian Kolb ist ein Künstler, der sich mit all seinem Können und all seinem Herzblut einen neuen Charakter erarbeitet. Das hat er am Theater Hagen in vielen Rollen bewiesen, wo er unter Werner Hahn nach der Schauspielschule ab 2008 im Lutz und im Großen Haus auf der Bühne stand. Damals war bereits abzusehen, dass sein Weg den jungen Darsteller in das Fach der gefallenen Engel führen wird, jener Männer, die ein dunkles Geheimnis haben. „Ich liebe Hagen, ich liebe das Lutz und das Große Haus“, schwärmt er. „Ich finde es großartig, dass Intendant Francis Hüsers jetzt eine Schauspielsparte im Großen Haus etabliert.“

Ein Jahr lang hat Sebastian Kolb für RTL in der Serie „Unter uns“ gedreht, war der Marc Reichert, wieder ein schwieriger Fall, „das ist der Verständnisvolle, der sich zum Psycho entwickelt. Von den Fans kam anfangs sehr viel Hass. Die Fans können oft nicht unterscheiden zwischen Person und Rolle. Aber das ist eigentlich auch eine Bestätigung. Wir erschaffen ja eine Illusion.“

Beim Elspe-Festival ist der Siegerländer seit 2014 zu Hause. Anfangs hat er die jungen Guten gespielt, den Kleinen Bär, den kleinen lieben Bloody Fox. „Im vergangenen Jahr konnte ich mit dem Verbrecher Parranoh ordentlich auf den Putz hauen. Ich muss sagen, dass mich das mehr reizt. Ich nehme mir immer viel Zeit, um so eine Figur zu entwickeln. Die Beweggründe, die Motivation finde ich wichtig.“

Theater mit Pferden

Die Naturbühne schafft ihre eigenen Gesetze. So müssen die Darsteller reiten können. Und sie müssen körperlich in Form sein. Das ist für Sebastian Kolb kein Problem. Er sitzt auf Pferden, seit er ein kleiner Junge ist. „Ich komme immer schon vor der Saison zum Reiten nach Elspe, um mich an mein Pferd zu gewöhnen und um das Pferd an die Bühne zu gewöhnen.“ Theater mit Tieren ist ein Kapitel für sich. „Als Schauspieler bin ich in der Regel zu 100 Prozent für mich verantwortlich. Mit dem Faktor Pferd kommen 20 Prozent dazu, auf die ich keinen Einfluss habe. Pferde sind Fluchttiere, es kann immer sein, dass sie sich erschrecken, auch bei Vorstellung 50“, erläutert Sebastian Kolb und ergänzt: „Körperlich verlangt die Naturbühne den Schauspielern einiges ab. Wenn ich mich nicht das ganze Jahr über fit halte, komme ich hier ins Straucheln.“

Wer ist dieser Doc Plummer, der Winnetou aus dem Weg haben will? Was treibt ihn an? Das sind Fragen, die den Schauspieler beschäftigen. „Wir spielen Karl May und nicht Shakespeare. Winnetou ist der Inbegriff des Guten. Aber bei Karl May steckt viel drin, und vieles an der Geschichte ist heute noch ganz aktuell. Plummer will Gold. Die Indianer stören dabei. Ich muss nur mal ins heutige Amerika schauen, da kann ich ganz viel für meine Rollen rausziehen.“

Teamgeist im Ensemble und Spielraum zum Ausprobieren

Am Elspe-Festival schätzt Sebastian Kolb den Teamgeist im Ensemble und die gute Zusammenarbeit mit Regisseur Jochen Bludau und Co-Regisseur Benjamin Armbruster, der selbst viele Jahre lang als Winnetou gefeiert wurde. „Jochen Bludau beherrscht diese Bühne und weiß, wie man sie bespielen muss. Ich empfinde es als Geschenk, dass ich den Spielraum habe, die Rollen auszuloten und nicht den brutalen Bösen mit dem Bart geben muss.“

Winnetous Mörder ist der meistgehasste Mann des Sommers. Das weiß Sebastian Kolb. „Als die Anfrage kam, habe ich zuerst gedacht: Nein, das kann ich nicht. Meine Eltern haben mir sehr lange verboten, Winnetou III im Fernsehen zu sehen. In meiner Rolle muss ich nun mit einem Lächeln im Gesicht abdrücken. Das ist eine Herausforderung. Und Herausforderungen liebe ich an meinem Beruf.“

Ob es bei den doppelgesichtigen Antihelden bleibt, kann Sebastian Kolb übrigens noch nicht sagen. „Alleine schon für meine Mama muss ich ab und zu mal einen Guten spielen.“

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