Archäologie

St. Walburga in Meschede: Der Ort, wo alles begann

Grabung an St. Walburga in Meschede: Peter Dellerich (vorne), die Grabungstechnikerin Natalia Melianesser und der Archäologe und Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer.

Grabung an St. Walburga in Meschede: Peter Dellerich (vorne), die Grabungstechnikerin Natalia Melianesser und der Archäologe und Grabungsleiter Wolfram Essling-Wintzer.

Foto: Andreas Buck / Andreas Buck / FUNKE Foto Services

Meschede.  Das frühere Stift St. Walburga in Meschede ist die Herzkammer des Sauerlandes. Archäologische Grabungen bringen jetzt wichtige Erkenntnisse

Da, ein Schädel! Wolfram Essling-Wintzer beugt sich unaufgeregt in den Morast. Was der Archäologe sucht, ist älter als die mehreren hundert Jahre, die der Totenkopf bereits in der Mescheder Erde liegt. Essling-Wintzer arbeitet sich an der St. Walburga-Kirche tief in die Gründungs-Geschichte der Region vor. Unter den Füßen hat der LWL-Grabungsleiter die Überreste des ehemaligen Stiftes St. Walburga, das um 870 errichtet wurde. Von diesem Ort aus erfolgte der Landesausbau im Sauerland und seine Missionierung. „Aufgrund seines hohen Alters und seiner hohen Bedeutung für die Siedlungslandschaft des Raumes handelt es sich um ein Objekt allererster Güte“, konstatiert er.

Die Überraschung ist groß

An Alleinstellungsmerkmalen besteht kein Mangel, wenn es um die heutige St. Walburga-Kirche geht. Sie gilt als älteste Einturmanlage nördlich der Alpen, Turm, Sanktuarium und Krypta samt Reliquienstollen bestehen aus spätkarolingischer Bausubstanz; die Bauherren haben Schalltöpfe in Mauern und Boden eingelassen, um die Akustik zu verbessern. Auch die aktuellen Grabungen übertreffen die Erwartungen. „Dem normalen Betrachter ist nicht gegenwärtig, dass die Reste des ehemaligen Klosters noch im Boden erhalten sind. Man stößt auf hochspannende Befunde, aber wir müssen uns bremsen. Wir wollen diese Quelle für die nachfolgenden Generationen erhalten“, so Essling-Wintzer.

Urwestfälische Erfindung

Deshalb wird in den kommenden Tagen die Grabungsstelle wieder aufgefüllt; es gibt eine Sachstandsermittlung anstelle einer Freilegung der Überreste. Auch der Schädel kommt wieder zur Ruhe. Die Überraschung ist gleichwohl groß. „Es sieht so aus, als hätten wir tatsächlich Baureste der spätkarolingischen Klausur entdecken können. Das Hochinteressante daran ist, dass das Gebäude einem Brand zum Opfer gefallen ist.“ Ob es sich wirklich um Zeugnisse aus dem 9. Jahrhundert handelt, sollen jetzt 14-C-Analysen klären.

Damenstifte sind eine ur-westfälische Erfindung und längst nicht so harmlos, wie der Name andeuten mag. Wir befinden uns in Sachsen, auf dem Gebiet, das Kaiser Karl der Große gerade erobert hat. Nun müssen Instrumente zur Herrschaftssicherung, zur Missionierung und zum Landesausbau geschaffen werden. Es geht um viel. Südwestfalen liegt den Karolingern und danach den Ottonen wegen seiner Rohstoffe am Herzen. 55 Adelsstifte gibt es auf altsächsischem Gebiet, davon die Hälfte für Frauen, Meschede ist das südlichste von ihnen. „Das war eine komplexe spirituelle und wirtschaftliche Angelegenheit“, erläutert Pfarrer Michael Schmitt. „Zum Stift Meschede gehörten 40 Haupthöfe und über 300 Bauernhöfe zwischen Lenne und Lippe.“

Orte von Bildung und Wissen

Die Töchter der altsächsischen Führungsschicht kommen als Kinder ins Stift, erhalten dort eine Erziehung und heiraten dann. Der spirituelle Aspekt darf nicht vernachlässigt werden, denn die Menschen des Mittelalters sind sehr besorgt um ihr Seelenheil. „In dieser frühen Siedlungsphase spielt das Gebet der gottgeweihten Jungfrauen eine große Rolle, es gab ja noch nicht die vielen Messfeiern“, so Schmitt. „Wer sich für das Jenseits versichern wollte, suchte sich eine Grablege in einem Frauenstift.“ Gleichzeitig ermöglichen die Damenstifte den Frauen, die nicht heiraten wollen oder können, eine emanzipierte Lebensführung.

Europaweit bedeutend

Stifte sind Orte der Bildung und des Wissens. So wird der berühmte Hitda-Codex um das Jahr 1000 für St. Walburga angefertigt, er gilt als Hauptwerk der Kölner ottonischen Buchmalerei. Vermutlich kommt mit den Damenstiften auch die Caritas in das Sauerland. „Man kümmerte sich um die Menschen, und wir können davon ausgehen, dass es ein Hospiz gab.“ All diese Funktionen machen die Stifte automatisch zu Verwaltungszentren. Schon 958 erhält St. Walburga durch Otto I. Marktrechte. „Viele Fragen sind noch offen für die hohe Bedeutung unseres Stifts“, so Michael Schmitt.

Wolfram Essling-Wintzer betont den Stellenwert von St. Walburga: „Die Funde und die Kirche zusammen sind ein europaweit bedeutendes Ensemble.“ Und Pfarrer Michael Schmitt hofft auf die Gründung eines Fördervereins zur Pflege und Sicherung des außergewöhnlichen Erbes.

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