Dubiose Preis-Entscheidung

Stadt Dortmund überdenkt Preisvergabe an Kamila Shamsie

Kamila Shamsie auf der Frankfurter Buchmess 2018 bei einer Diskussion über das Thema „Weibliches Schreiben im pazifischen Asien"

Kamila Shamsie auf der Frankfurter Buchmess 2018 bei einer Diskussion über das Thema „Weibliches Schreiben im pazifischen Asien"

Foto: Susannah V. Vergau / picture alliance/dpa

Dortmund.  Kamila Shamsie sollte Dortmunds Nelly-Sachs-Preis erhalten. Doch sie stützt die anti-israelische Boykotte. Die Jury überdenkt ihre Entscheidung.

Im vergangenen Jahr verhedderte sich die Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp in den Fallstricken der anti-israelischen BDS-Kampagne, nun ergeht es der Stadt Dortmund mit ihrem Nelly-Sachs-Preis ähnlich. Am Dienstag gab sie bekannt, dass die pakistanisch-britische Autorin Kamlia Shamsie (46) den mit 15.000 Euro dotierten Preis erhalten soll, der nach der deutsch-schwedischen Schriftstellerin

und Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs (1891-1970) benannt ist. Die Berlinerin Nelly Sachs entkam 1940 in letzter Minute der Judenverfolgung durch die Nazis und galt neben Paul Celan als erste Lyrikerin, die den Genozid am jüdischen Volk in Worte zu fassen wusste; sie litt zeitlebens an den Traumata der Verfolgung.

Kurz nach der Ernennung Kamila Shamsies zur nächsten Nelly-Sachs-Preisträgerin wies der Revier-Blog Ruhrbarone (der schon die Debatte über die Ruhrtriennale-Einladung an die Band Young Fathers und deren BDS-Unterstützung ins Rollen gebracht hatte) auf die BDS-Verbindung der Autorin hin. Kamila Shamsie hat sich tatsächlich in einem Brief verbeten, dass ihre Bücher in einem israelischen Verlag erscheinen, obwohl sie „glücklich wäre, auf Hebräisch veröffentlicht zu werden“; das aber lehnt Shamsie ab, weil alle in Frage kommenden Verleger in irgendeiner Art mit dem israelischen Staat in Verbindung stünden – und sie dem Boykottaufruf der „palästinensischen Zivilgesellschaft“ gegen staatliche israelische Einrichtungen folgen wolle. Diesen Brief feiert die BDS-Bewegung auf ihrer Internet-Seite.

Verbindung der Autorin zur BDS-Bewegung „war der Jury nicht bekannt“

Offenbar kannte die Jury zum Nelly-Sachs-Preis, der die Literaturkritikerin Ursula März („Die Zeit“), der Politik-Redakteur und Moderator Kersten Knipp, Literaturkritikerin Claudia Kramatschek, der Dortmunder Kulturdezernent und Stadtdirektor Jörg Stüdemann sowie Johannes Borbach-Jaene als Leiter der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund angehören, diesen Sachverhalt nicht. Deshalb hat die Jury gestern verlauten lassen, ihre Entscheidung noch einmal überdenken zu wollen. „Eine Verbindung zwischen Kamila Shamsie und der BDS-Bewegung war der Jury bis gestern nicht bekannt“, sagte eine Sprecherin der Stadt Dortmund am Mittwoch. Die neunköpfige Jury werde in den nächsten Tagen erneut zusammentreten, um ihre Entscheidung zu überdenken. Der ausschlaggebende Grund dafür dürfte gewesen sein, dass Kamila Shamsie offenbar auf Nachfragen der Stadt Dortmund ausdrücklich bei ihrer Boykott-Haltung gegen Israel geblieben ist.

Volker Beck: „Ich halte diese Verleihung für obszön“

Erst im März hatte die Stadt Dortmund die Gründung eines Netzwerks gegen Antisemitismus bekanntgegeben. In der dazugehörigen Deklaration war ausdrücklich festgelegt worden, dass Personen, die zu antiisraelischen Boykotten aufrufen, in Dortmund keine Räume oder Flächen zur Verfügung gestellt werden sollten.

Schon am Mittwoch hatte der Grünen-Politiker Volker Beck, der auch Lehrbeauftragter am „Centrum für Religionswissenschaftliche Studien“ der Ruhr-Universität Bochum ist, den Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau gebeten, sich für eine Korrektur der Entscheidung einzusetzen. Beck: „Ich halte diese Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an eine antiisraelische Autorin für obszön. Damit wird das Andenken an die Namensgeberin des Preises in den Schmutz gezogen.“

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