ROMAN

T.C. Boyle blickt in „Das Licht“ auf LSD-Guru Timothy Leary

Forscher, Drogen-Pionier, Gefängnisausbrecher, Publizist, Redner: Timothy Leary, hier 1967 in San Francisco, diente T.C. Boyle als Inspiration.

Forscher, Drogen-Pionier, Gefängnisausbrecher, Publizist, Redner: Timothy Leary, hier 1967 in San Francisco, diente T.C. Boyle als Inspiration.

Foto: dpa Picture-Alliance / Robert W. Klein

Essen.   US-Starautor T.C. Boyle erzählt in seinem neuen Roman „Das Licht“ von Drogenrausch und Gruppenbewusstsein – aber auf amüsante Weise ernüchternd.

Das Cover leuchtet, pulsiert, das psychedelische Muster aus grün und gelb zieht hinein in sein Zentrum: „Das Licht“ also heißt der neue Roman des amerikanischen Hippiestarautors T.C. Boyle, ab Montag liegt dies schwindelerregende Werk in den Läden. Doch wer erwartet, dass der auch schon 70 Jahre alte Schriftsteller in seiner Annäherung an den LSD-Guru Timothy Leary von Freiheit und Erleuchtung schwärmt, wird enttäuscht: „Das Licht“ ist vor allem die Geschichte einer kolossalen Verblendung.

Timothy Leary, 1920 in Massachusetts geboren, lehrte Anfang der Sechzigerjahre in Harvard Psychologie – und experimentierte dort mit bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD, Mescalin oder Psilocybin. Die Schar seiner Anhänger lud er ein zu langen Sommermonaten in Mexiko, später zog die Gruppe in eine Villa nahe New York – einer reichen Erbin sei Dank. Die LSD-Trips, die zuerst wissenschaftlich dokumentiert wurden, gerieten zu Party-Events, an der später auch zahlende Gäste teilnahmen. In den 70er-Jahren wurde Leary wegen Drogenbesitz verhaftet, floh aus dem Gefängnis und um die halbe Welt; später war er ein gefragter Redner und propagierte als Autor weiterhin die Idee, psychedelische Drogen könnten das Gehirn neu programmieren, vorhandene Prägungen aufheben, gegen Psychosen wirken. 1996 starb er in Beverly Hills.

Im Dienste des Gruppenbewusstseins

Wie nähert man sich einer derart schillernden Figur? T.C. Boyle wählt jenen Umweg, den er schon im Roman „Dr. Sex“ über Alfred Kinsey einschlug: Und zeigt Leary im Spiegel der glänzenden Augen eines seiner Studenten, Fitz, sowie dessen Ehefrau Joanie. Mit ihrem Sohn leben die beiden in einer maroden Wohnung in Boston. Die ersten „Sessions“ führen sie hinaus aus dem engen, von Geldsorgen geplagten Alltag – und hinein in einen Rausch (zunächst mit Psilocybin), der ihnen den besten Sex ihres jungen Lebens schenkt. Im Dienste des Gruppenbewusstseins folgen sie ihrem Guru – „gepflegt, athletisch und mit dem breiten Grinsen, das sein Gesicht nie zu verlassen schien“ – erst nach Mexiko. Und später, nach Learys Rauswurf aus Harvard, in die gesponserte Villa: „Sie waren jetzt vereint in Körper und Geist, ja, so war es, sie brachen auf zu einem großen Abenteuer, und nichts konnte sie aufhalten.“

Boyle weiß, wie Drogen sich anfühlen, das hat er oft genug betont (und auch, dass heute das Schreiben sein einziges Rauschmittel ist). Die Schilderung der guten Trips scheinen so glaubwürdig wie farbenfroh, die miesen wirken vielleicht sogar noch selbsterlebter. Weit mehr als der Rausch aber interessiert Boyle die Dynamik der Gruppe. Was bedeutet es fürs eigene Leben, einem Guru zu folgen? So wandelt sich Joanie von einer Skeptikerin zur glühenden Anhängerin, aber nur so lange, bis Sohn Corey ins Spiel kommt: Dass der Teenager das Freie-Liebe-Prinzip mit der ebenfalls minderjährigen Nancy umsetzt, geht doch zu weit.

Sehnsucht nach Exklusivität

Überhaupt, die Liebe: Die schöne Idee von der Kollektivierung aller Leidenschaften endet dort, wo offenbar unausrottbare Besitzansprüche laut werden. Letztlich ist es die Sehnsucht nach Exklusivität, die sich – ohne zu viel verraten zu wollen – in ungeheuer bürgerlichen Eifersuchtsdramen Bahn bricht.

Die gut recherchierte, historisch-politisch fundierte Fiktion ist seit seinen erfolgreichen Anfängen eine Spezialität von T.C. Boyle – ob es um den Abenteurer Mungo Park in Afrika geht („Wassermusik“), um mexikanische Einwanderer („América“), um den Architekten Frank Lloyd Wright („Die Frauen“) oder den Kampf der Umweltschützer auf den Channel Islands vor Kalifornien („Wenn das Schlachten vorbei ist“). So unterschiedlich seine Themen sein mögen, ihr Kern lässt sich auf eine einzige, im bitterironischen Ton verkündete Wahrheit reduzieren: Der größte Feind des Menschen ist – er selbst.

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