Konzert

Till Lindemann zeigt Ekel-Show im Kölner Palladium

Till Lindemann kam in Köln ohne schweißtreibende Feuerfontänen aus. Foto:

Till Lindemann kam in Köln ohne schweißtreibende Feuerfontänen aus. Foto:

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Vor ausverkauftem Haus stellt Rammstein-Sänger Lindemann zwei Alben seines Nebenprojektes vor. Sein volles Potenzial schöpft er dabei nicht aus.

Vielleicht hegte Till Lindemann einen lange nicht erfüllten Wunsch: Endlich mal wieder dort Konzerte spielen, wo am Folge-Wochenende kein Bundesliga-Fußball gespielt wird. Rund 4500 Besucher ließen sich nicht bitten. In nicht mal einer Minute gingen im vergangenen November sämtliche Karten für die Show seines Zweitprojektes im Kölner Palladium weg. Die Marke Rammstein zieht eben gewaltig – selbst wenn im Gebotenen nur ein Hauch von Rammstein drinsteckt. Wer beim ersten und einzigen Lindemann-Auftritt in Nordrhein-Westfalen auf Liedgut der weltweit erfolgreichen Berliner Formation wartet, wird gnadenlos enttäuscht.

Lindemann traut sich bei seiner Zweitband an englische Texte

Denn hier steht zweifelsohne die kreative Selbstverwirklichung des 57-Jährigen im Vordergrund, frei jeglicher teutonisch-pyromanischen Korsette, in die sich Rammstein seit ihrer Gründung 1994 stets zwingen. Die ganz in weiß gekleidete fünfköpfige Band um den charismatischen Frontmann und seinen Co-Songschreiber Peter Tägtgren spielt zahlreiche englischsprachige Songs vom ersten Album „Skills In Pills“, die Bühnenshow kommt gänzlich ohne schweißtreibende Feuerfontänen aus.

Was hingegen nicht fehlt, sind provokante bis eklige Videos, in denen nicht mit expliziter Darstellung von Gewalt, Nacktheit, adipösen Körpern, dem Ausscheiden von Körperflüssigkeiten und Erbrochenem gespart wird. Da wendet so manch Gast den Blick von der riesigen Leinwand weg und konzentriert sich lieber auf die dicken Gitarrenwände und treibenden Drums – die lenken zum Glück auch von den teils im zum Fremdschämen schlimmen Zweckreimschema gehaltenen Texten ab.

Wohldosierte Showelemente bei Konzert in Köln

Hinzu kommen wohldosierte Showelemente, denen gern eine gewisse Komik innewohnt. Lindemann, abseits der Bühne als äußerst schüchterner Zeitgenosse bekannt, beschmeißt die Fans zunächst beim Song „Allesfresser“ mit Torten. Später schlüpft er zu „Fish On“ in das Kostüm eines Meerestierverkäufers und wirft echten Fisch ins Publikum – zerhackt wie am Stück. Zur Partyhymne „Platz eins“ lässt er sich gemeinsam mit Tägtgren in einer überdimensionalen Leuchtkugel durchs Publikum fahren. Der Sinn dahinter erschließt sich den Betrachtern nicht zwingend, Spaß haben aber alle Beteiligten.

Lindemann stellt zudem all seine Vorzüge in den Fokus. Spätestens zur Konzertmitte, bei der er auf einem Hochsitz über dem Publikum thronend die zynische Country-Ballade „Knebel“ intoniert, realisiert man, warum der gebürtige Leipziger zu den populärsten deutschen Vokalisten überhaupt gehört. Die Stimme klingt hervorragend, pure Leidenschaft tropft aus jeder Pore. Handwerklich ist das allererste Sahne.

Tango und Hip-Hop bleiben draußen

Geboten wird in rund 85 Minuten eine durch und durch solide Rockshow, dem Publikum gefällt’s. Ein wenig Potenzial lässt das Quintett allerdings ungenutzt. Wenn sich der Sänger schon so eindeutig von seiner Hauptband abgrenzen will, warum erklingt „Ach so gern“ vom aktuellen Album „F&M“, im Original ein lupenreiner Tango (!), live in einer deutlich konventionelleren Metal-Variante? Und der größte jemals von Lindemann begangene Stilbruch, das irrwitzige Hip-Hop-Experiment „Mathematik“ mit Gangsta-Rap-Ikone Haftbefehl, fehlt gleich ganz im Programm. Schade eigentlich. Auf Teufel komm raus Grenzen überschreiten – das bleibt wohl weiterhin das Ding von Rammstein.

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