HÖR-EMPFEHLUNGEN

Tipps der Woche: Von Verdis Lombarden bis zu Händels Flöten

CD in den Player, zurücklehnen – und genießen. Auf dieser Seite finden sich unsere Hör-Tipps der Woche.

CD in den Player, zurücklehnen – und genießen. Auf dieser Seite finden sich unsere Hör-Tipps der Woche.

Foto: Jörg Schimmel

Essen.   Diese Woche gibt’s was auf die Ohren: Die Kultur-Redaktion blickt auf klassische Musik, Freud als Hörbuch und vergessene Inka-Schätze.

Lesen, Hören, Schauen: Woche für Woche landen jede Menge Bücher, CDs und DVDs auf den Schreibtischen der Kulturredaktion. Hier präsentieren wir einige ausgewählte Werke. Diese Woche gibt’s was auf die Ohren: Den Auftakt machen wir bei den Opernfestspielen in Heidenheim, dann geht’s über Sigmund Freuds Wien zu Händels Sonaten und schließlich in versunkene Welten.

Tipp 1: Verdis Lombarden

Seit Marcus Bosch, der ehemalige Aachener und Nürnberger Generalmusikdirektor, die Opernfestspiele seiner Heimatstadt Heidenheim leitet, wird schon vom „Glynde-bourne Baden-Württembergs“ gesprochen. Besondere Akzente setzt er mit einem Zyklus aller frühen Opern Giuseppe Verdis, zuletzt führte er die Oper „I Lombardi“ auf. Und zwar in der Urfassung, die mit ihren Marsch- und Kriegsszenen martialischer wirkt als die spätere Fassung „Gerusalemme“. Doch trotz Gewalt und festlicher Aufzüge klingt Verdis spätere klangliche und psychologische Sensibilität bereits an.

Marcus Bosch am Pult der versierten „Cappella Aquileia“ versammelt erneut ein junges und hochwertiges Ensemble um sich, das den Anforderungen des Werks mit teilweise erstklassigen Leistungen gerecht wird. Stellvertretend seien hier die Sopranistin Ania Jeruc und der Tenor León de la Guardia genannt. (P.Ob.)

Fazit: Verdis frühe Klasse!

In Kürze: Giuseppe Verdi, I LOMBARDI. Opernfestspiele Heidenheim. Musikalische Leitung: Marcus Bosch, 2 CDs Coviello 91901.

Tipp 2: Freuds „Fall Dora“

Im Fall von „Ida“ sind die Hintergründe des Romans kaum weniger beeindruckend als das Sujet. Denn Katharina Adler nähert sich als Autorin einer außergewöhnlichen Patientin Sigmund Freuds familienforschend: Ihre Urgroßmutter war jene Ida Bauer (1882-1945), die von sich aus eine Therapie bei Freud abbrach, aber dennoch offenbar einen Meilenstein in dessen Theorie der Übertragung darstellte. Er sprach vom „Fall Dora“.

Adler, deren Roman über das Leben Bauers hinaus üppig und gekonnt farbig seinen Schwerpunkt im Wien der vorletzten Jahrhundertwende findet, hätte eine idealere Hörbuch-Stimme verdient. Mag Petra Morzé auch den österreichischen Ton mitbringen, der Adlers Kolorit beglaubigt: Ihre nicht immer sinnstiftenden Betonungen und ein seltsamer Begriff von Spannungsbögen in Sätzen nehmen recht rasch die Lust am dauerhaften Lauschen. (LvG)

Fazit: Im Ton vergriffen!

In Kürze: Katharina Adler: Ida. Hörbuch. Ungekürzte Lesung von Petra Morzé. Argon Edition, 10 CDs, ca. 12,5 Stunden. 29,95 Euro.

Tipp 3: Händel für Flöte

Um unserer Einschränkung gleich Einhalt zu gebieten: Es gibt einfach keine schwache CD von Stefan Temmingh. Dafür ist der Südafrikaner, dem die Blockflöte einen ihrer schönsten Höhenflüge jüngeren Datums verdankt, zu ausdruckstark, zu kreativ, zu souverän.

Und doch elektrisiert die Aufnahme der sechs Sonaten, mit denen Georg Friedrich Händel (1685-1759) sich einst zu Prinzessin Anne ans Cembalo setzte, nicht so wie Temminghs keck-kreatives „Birds“-Album oder seine anrührende Deutung der Englischen und Französischen Suiten Bachs.

Wiebke Weidanz ist Temminghs Gegenüber an den Tasten: ein gleichwertiger, manchmal sogar dominanter Part jener höfischer Stücke, in denen zuverlässig die Opernkünste Händels aufblitzen. Das Duo schafft es, Individualität auch da zum Klingen zu bringen, wo die Stücken zum Seriellen neigen. (LvG)

Fazit: Höfische Verneigung!

In Kürze: Händel: The Recorder Sonatas. Wiebke Weidanz, Stefan Temmingh. CD, erschienen beim Label Accent. Ca. 16 Euro.

Tipp 4: Grabungsfunde

Silke Vrys Studium der Klassischen Archäologie hat ihr nicht nur praktische Einblicke ins Wesen der Grabung geschenkt. Ihre Erfahrung gaben den Impuls zu einem Jugendbuch: „Verborgene Schätze, versunkene Welten“ führt zwei Dutzend Mal an Orte, die zu Ikonen des Forschens und Entdeckens wurden – die Inkastadt Machu Pichu in Peru etwa, die rätselsatten Osterinseln oder jene Grabwelten im Tal der Könige, die Howard Carters Ausruf „Ich sehe wunderbare Dinge“ zum geflügelten Wort machte.

Das Hör- zum Sachbuch liest Gerhard Garbers mit schöner Lebendigkeit, die Vrys lebensnahes, sich stets an Protagonisten orientierendes Erzählen aufgreift. Als Jugendbuch muss man das Projekt nicht einmal etikettieren. Wer wenig weiß, vom Zufallsfund der Laokoon-Gruppe, von Pompeiji, Qumran oder Troja erhält auch als Erwachsener eine respektable Einstiegslektüre. (LvG)

Fazit: Schlaumacher für Hörer!

In Kürze: Silke Vry: Verborgene Schätze, versunkene Welten. Hörbuch mit Gerhard Garbers, 4 CDs, 300 Min., Hörcompany, 18,95 Euro.

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