Urbane Künste Ruhr

Tony Cokes mischt in der Kokerei von Zollverein den Pop auf

Tony Cokes in der Mischanlage der Kokerei auf Zollverein.

Tony Cokes in der Mischanlage der Kokerei auf Zollverein.

Foto: Kerstin Kokoska / FFS

Essen.  Tony Cokes für Urbane Künste Ruhr auf Zollverein: Eine Multimedia-Installation mit elf Stationen – und denkanstößigen Thesen zur Musikszene Ruhr.

Musik ist eben nicht nur mit Geräusch verbunden, und wenn man jemanden sucht, der Musik, genauer: Pop-Musik mit möglichst vielen Dingen dieser Welt verbindet, landet man leicht bei Tony Cokes. Der 1956 in Virgina geborene US-Amerikaner ist eine Art Kunst-DJ: Er mischt alte und neue Film-Clips mit Interviews und Texten, poetischen, theoretischen, journalistischen. Dazu gibt’s Musik. Manchmal. Oder Geräusche.

Auf den Betonflächen der alten Trichter hoch über den Köpfen derer, die der Kokerei-Mischanlage auf Zollverein einen Besuch abstatten, bekommen Cokes Filme, die darauf projiziert werden, jenen Außenseiter- und Subkultur-Charme, ohne den sie in einem Museum in jeder Hinsicht künstlich wirken würden. Hier aber raut schon das ruppige Muster des Industriebetons den falschen Glanz des Pop auf, zumal man im Kokerei-Bunker immer noch unweigerlich eine Nase vom durchdringend schwefeligen Koks- und Kohle-Aroma nehmen kann.

Elf Stationen mit Sound-, Text- und Video-Collagen

Zehn verschiedene Video-Animationen laufen hier, installiert im Auftrag der Ruhrtriennale und der Urbanen Künste Ruhr. Es geht um Pop-Musik aus allen möglichen Perspektiven: als Antriebsmotor der Musikindustrie; als künstlerische Ausdrucksweise, als Vehikel für rassistische, gewalttätige, religiöse Provokation (mit Lars von Trier, David Bowie und Kanye West), als Folterinstrument (in Guantanamo und Falludscha), als Subjekt und Objekt der Geschichte. Mit nicht ganz rätselfreien Titeln wie „1!“, „2@“, „6^“ oder „Evil.16“. Zumal sich auch die Film- und Sound-Clips (der Klang erreicht die Besucher via Kopfhörer) nur mit Hilfe von fortgeschrittenen Englisch-Kenntnissen nachvollziehen lassen.

Die elfte Installation schließlich ist eigens im und für das Ruhrgebiet entstanden. Cokes hat Kenner der Musikszene und ihrer Geschichte im Revier interviewt und sie auf einer Video-Wand zu mehr oder minder denkanstößigen Satz-Collagen montiert (ohne Sound-Spur: „Es gibt nichts“, sagt der Künstler, „was all das auf den Punkt brächte“). So kommt man still ins Sinnieren, ob der Zusammenhang zwischen „Rockpalast“ und „Arbeiterjungs“ wirklich so eng wie behauptet ist; ob die Techno-Szene anfangs wirklich so offen nach allen Seiten war wie behauptet; und ob sich die Club-Szene im Ruhrgebiet wirklich so sektiererisch entwickelt hat.

Das Gegenteil eines „einsamen Kunst-Genies“

Tony Cokes begreift sich bei alledem als Mischungsmacher und als Gegenteil eines „einsamen Kunst-Genies“, er collagiere und montiere in der Tradition von Marcel Duchamp, sagt er: „Und es geht mir nicht um Isolation oder Erfindung, sondern um den Austausch, auch zwischen Hoch- und Populärkultur, und die soziale Dimension von Kunst.“ An der Ruhrgebiets-Szene habe ihn der Einfluss von Industrieproduktion und Lärm auf die Musik interessiert, nicht von ungefähr verwendet er am Schluss der Arbeit „einen kleinen Schuss Kreator“, den Sound jener Band also, die einst noch auf der stillgelegten Zeche Carl einen Proberaum hatte.

Das Verschwinden, ja den Ausschluss der Subkultur aus den alten, für die geretteten Kathedralen der Industrie möchte denn auch Britta Peters aufs Tapet bringen und diskutiert wissen. Die Chefin der Urbanen Künste hat Tony Cokes ins Revier eingeladen – auch in der Absicht, einmal zu hinterfragen, ob die alten Kohle- und Stahl-Bauten wirklich immer ausschließlich für Industrie- oder der Hochkultur reserviert bleiben müssen oder nicht auch für die Pop- und Subkultur geöffnet werden könnten. Auf der Kokerei von Zollverein ist das nun immerhin schon halb passiert.

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