Tournee

Flammenhölle pur: Rammstein-Tribute Völkerball im Interview

Pyro überall – so sieht’s aus bei Völkerball.

Pyro überall – so sieht’s aus bei Völkerball.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Völkerball covern Rammstein – und das so erfolgreich, dass bis zu 5000 Fans zu ihren Shows kommen. Ein Gespräch mit Bassist Tilmann Carbow

Das Tribute-Showgeschäft boomt: Immer mehr Künstler verdienen ihr Geld mit dem Nachspielen von Songs bekannter Acts. Manchmal ist es mit bloßem Musizieren jedoch nicht getan – schon gar nicht, wenn man Rammstein covert. Da gehört eine imposante Bühnenshow inklusive viel Pyrotechnik zwingend dazu. Wie man das hinbekommt, verrät Tilmann Carbow, Bassist der Tribute-Band Völkerball, im Gespräch mit Patrick Friedland.


Wie findet sich so eine Rammstein-Coverband eigentlich zusammen?

Der Gedanke ist bei einer Top-40-Band aus dem Raum Koblenz/Eifel aufgekommen. Da spielten Tobias und René alles Mögliche, irgendwann auch Rammstein-Songs. Relativ schnell wurde klar, dass das passt, vor allem mit Renés Stimme. Als diese Band, die rund 100 Gigs im Jahr hatte, kürzer trat, haben Tobias, René und der damalige Keyboarder den Entschluss gefasst, sich auf diese Rammstein-Sache zu konzentrieren. Als wir später als Band zusammensaßen, waren wir uns einig: Rammstein kann man nicht machen, ohne das Komplettprogramm zu liefern. Wir wollten von Anfang Pyrotechnik, eine Kulisse, Licht und einen Tonmann haben.

„Unser erster Booker hatte uns ziemlich verarscht“

Geht man da zunächst nicht vollkommen ins Minus?

Oh ja (lacht). Es war schon schlimm. Wir haben unsere Rentenkassen ausgeschüttet, das Ersparte in einen Topf gegossen. Alleine die Kulisse kostet ja richtig Geld. Dann überlegt man, wie man das Personal bezahlt und von A nach B kommt. Nach den Shows kamen wir nach mehreren Fahrtstunden nach Hause und schmissen fürs Spritgeld zusammen. Zuhause greifst du dir in die Taschen – und bist froh, wenn du am Ende bei Null rauskommst. Aber wir haben daran geglaubt, trotz aller Widrigkeiten haben wir weitergemacht.


Seit wann geht’s ins Plus?

Nach vier Jahren, da wussten wir, wie es geht. Viele von uns können jetzt fast alleine davon leben. Aber die ersten zwei Jahre waren hart. Da standen wir auch Leuten gegenüber, die es nicht besonders gut mit uns meinten. Unser erster Booker hatte uns ziemlich verarscht, wir mussten uns aus Verträgen rauskaufen.


Wie sieht es denn aus mit Lizenzgebühren, die man als Tribute-Band an die Originalband zahlen muss?

Für uns kein Problem, denn wir nutzen keine Originalspuren von Rammstein. Wir haben uns den Anspruch gesetzt, alles selbst hinzubekommen und bauen die Sachen nach. Dann setzen wir uns in Renés Tonstudio – er ist ohnehin ein wahrer Soundtüftler – und versuchen, die richtigen Geräusche und Klänge zu finden. Manchmal ist das ein riesiger Prozess, ein Song kann uns auch schon mal mehrere Tage beschäftigen. Das beschränkt sich meist auf Synthie-Klänge oder Effekte, die ein Keyboarder nicht noch zusätzlich spielen kann.


Setzen Rammstein sonst irgendwelche Einschränkungen?

Wir dürfen Rammstein niemals größer auf Plakaten erscheinen lassen als unseren Namen. Sie nehmen die üblichen Lizenzgebühren, die sonst die GEMA nehmen würde. Das Rammstein-Management kriegt von uns die Zahlen, wie viele Leute auf unseren Konzerten waren und die schreiben dann eine Rechnung an unseren Veranstalter.


Haben Sie Rammstein jemals selbst getroffen?

Mit der Band haben wir keinen Kontakt, es gab nur ein Gespräch mit dem Management. Die waren letztes Jahr so nett, uns auf ein Konzert einzuladen.

„Unser Sänger hat sich mal eine Hand verbrannt“

Wie lange dauert denn die Vorbereitung auf Eure Shows?

Maske ist kein großes Thema, machen wir alles selbst. Wir ziehen uns um, klatschen uns irgendein Zeug ins Gesicht und das war’s. Wir sind hässlich genug, dass wir da nicht so viel Hand anlegen müssen (lacht). Was die Bühne angeht: Wenn wir um 14 Uhr an der Halle ankommen, sind wir meist um 17 Uhr so weit, dass wir den Soundcheck durchführen können. Dann steht die Kulisse. Die Pyrotechnik braucht ein wenig länger, da ist die Crew bis 18/18.30 Uhr beschäftigt. Wenn wir Abendessen.


Wer ist denn bei Euch der Pyrotechniker?

Wir arbeiten mit einer Firma zusammen, die das möglich macht. Das machen Rammstein ja auch. Till Lindemann hat halt mal einen Pyroschein gemacht – vermutlich eher, um mal mitreden zu können –, aber die organisatorischen Sachen drumherum wie das Reinholen von Genehmigungen machen andere. Man braucht jemand Motivierten mit den nötigen Scheinen, man muss mit der Feuerwehr sprechen. Vor jeder Show gibt es eine Abnahme und es kommen Regularien auf dich zu.


Haben Sie keine Angst vor dem vielen Feuer?

Es ist eine Menge Vertrauen gefragt. Vertrauen in die Leute, die es machen und um uns rumspringen. Die tun alles, damit es sicher bleibt. Pro Show sind drei bis fünf Pyrotechniker und eine Brandwache vor Ort, oft auch die Feuerwehr, überall stehen Feuerlöscher. Selbst wenn uns nichts passiert, kann es immer noch die Halle treffen. Es sind ja auch schon welche abgebrannt, zum Glück nicht bei uns. Unfälle kann man ja auch nicht ausschließen. Der René hat sich an einem Effekt mal eine Hand verbrannt, ab und an gibt es auch mal leichte Verbrennungen an anderen Körperstellen. Ansonsten geht’s bei uns glimpflich ab. Wir kennen die Show auswendig, die Effekte und das Licht werden automatisiert gesteuert. Alles kommt immer an den gleichen Stellen raus. Und ich bin ja nicht doof und stelle mich mit dem Arsch über eine Abschussbox. Das wäre ungeschickt. Insgesamt mache ich mir aber keine Gedanken mehr. Ich bin eher mittlerweile an dem Punkt, dass ich noch ein bisschen weiter will. Die Vorstellung, dass es in immer größeren Hallen, in denen wir spielen, überall brennt, die Vorstellung, dass wir was machen, was eigentlich unmöglich sein sollte – dann haben wir den Rammstein-Gedanken perfekt umgesetzt.


Was sagen die Versicherungen?

Die kennen sich damit aus. Wir arbeiten gewissenhaft und sind versichert, die Hallen sind versichert – mit den Risiken müssen wir leben. Größere Schäden gab es noch nicht, höchstens hat es mal einen Scheinwerfer erwischt. Es läuft ja alles in enger Absprache mit Ordnungsämtern, gerade in Oberhausen hatten wir schon kritische Stimmen. Aber am Ende finden wir stets eine gute Lösung.

„Bei uns spürt das Publikum die Flammen so richtig“

Wären mal Konzerte mit ganzen Rammstein-Alben denkbar?

Eher nicht. Wir versuchen lieber, Jahr für Jahr einen neuen Querschnitt aus Songs zu finden. Es gibt aber Songs, die kannst du nicht weglassen. „Sonne“, „Engel“, „Ich Will“ – kommen die nicht, sind die Leute sauer.


Gibt es etwas, was Völkerball besser machen als Rammstein?

Nee. Wenn man sich die aktuelle Tour anguckt, mit dieser Riesenshow und Riesenbühne – was sollen wir da besser können? Ich sag mal so: Wir spielen es gut. Unser Vorteil ist: Das Publikum ist viel näher an uns dran. Dieses Gefühl, die Flammen zu spüren, hat man bei Rammstein nur in den ersten zehn Reihen.


Warum macht es eigentlich Sinn, eine Tribute-Band zu gründen und sich von denen Konzerte anzusehen?

Das habe ich mich auch gefragt. (lacht) Sogar über viele Jahre. Gerade, was Rammstein angeht. Die Frage habe ich mir aber im Sommer beantworten können, da war ich bei Kollegen, die ebenfalls Rammstein covern. Ich habe das total genossen, bin nach Hause gegangen und dachte: Es macht einfach Riesenspaß. Da brennt’s, da kracht’s, da zappelt’s. Es ist warm, Musik und Sound sind cool, da sind Leute, die es drauf haben, hochqualitativ Musik zu spielen. Das sind tolle Konzerte – und es ist fast schon egal, dass es nicht Rammstein selbst sind.


Es gibt also kein böses Blut zwischen Ihnen und Gruppen wie Stahlzeit oder Feuerengel?

Überhaupt nicht. Stahlzeit waren auch schon bei uns auf Konzerten, deren Nebenprojekt Maerzfeld hat schon bei uns im Vorprogramm gespielt. Natürlich gibt es eine Konkurrenz, wir schauen, dass wir uns nicht zu sehr mit den Konzertorten auf die Füße treten – aber wir haben alle guten Kontakt.

„In manchen Momenten geht mir ‘Sonne’ voll auf den Sack“

Nagt es nicht an Künstlern, immer nur zu covern?

Klar. Aber Musikmachen ist ja irgendwie auch ein Job. Die wenigsten Musiker leben vom eigenen kreativen Output, die meisten sind für irgendwelche anderen Künstler als Bühnenmusiker auf Tour. Beim Großteil von uns ist es Heldmaschine, wo man sich kreativ ausleben kann, bei mir selber sind es noch andere Projekte, in denen ich Sachen spiele, die auch stilistisch mal aus dem Rahmen fallen können. Ich habe schon Karnevalsgigs gespielt, Pop-Rock-Soul-Sachen. Im letzten Jahr habe ich mit unserem einen Gitarrist die „Meister Eder Experience“ gegründet, geht in Richtung Jazz und Rock, ein bisschen experimenteller.


Sicherlich nervt irgendwann zudem der eine oder andere Song …

Ja, es gibt Momente, in denen mir zum Beispiel „Sonne“ voll auf den Sack geht. Aber dann fängt man an zu spielen und bekommt die Resonanz vom Publikum. Natürlich ist es ein anderes Gefühl, wenn du deine eigenen Songs spielst und 400, 500 Menschen kommen. Jedoch ist es ja so, dass du eines Tages Hits erschaffst, die du immer und ewig jeden Abend spielen musst, dann stellt sich derselbe Effekt ein.

Und Ihr Rammstein-Lieblingssong ist …?

Schwierig. „Mutter“ finde ich von der Stimmung sehr großartig. Jetzt gerade freue ich mich immer besonders auf „Puppe“, für mich ein Gänsehaut-Song. Es ist super, wenn wir den in kleineren Hallen spielen, der Kinderwagen auf die Bühne kommt und kurze Zeit später ist alles voller Konfetti.


Liefert Völkerball die (materielle wie ideologische) Grundlage für die Existenz von Heldmaschine?

Nein. Das ist mittlerweile eigenständig. Die Idee ist aus Völkerball entstanden, die eine oder andere Überschneidung gab es. Eines Tages sagten wir uns, dass wir da eine Trennung hinbekommen müssen. Manchmal wussten die Leute nicht, ob sie das Rammstein-Tribute oder eigene Songs geboten bekommen. Jetzt läuft das richtig gut, beide Bands wachsen. Natürlich können wir via Völkerball auch Werbung machen für Heldmaschine, das ist dann einfach kollegial.


Was entgegen Sie denen, die sagen: „Boah, nicht schon wieder eine neue Neue-Deutsche-Härte-Band“?

Sofern ich das beurteilen kann – und ich bin eigentlich gar nicht so richtig in der Szene drin – geht es bei allen um Eigenständigkeit. Ich denke, Heldmaschine, Maerzfeld oder auch Unzucht haben allesamt etwas sehr Eigenes an sich. Klar ist das Neue Deutsche Härte. Aber wie viele Rockbands gibt es, die Southern Rock oder Krautrock machen? Jeder sucht sich da seine Bands raus, Heldmaschine vielleicht, weil der René auf der Bühne eine coole Sau und der Tobi so ein Schnuckelchen ist (lacht).

>>> Völkerball & Heldmaschine – die Infos zu den Touren:

Termine Völkerball: 25.4. Köln (Palladium), 8.5. Mönchengladbach (Red Box), 9.5. Dortmund (Warsteiner Music Hall), 21.8. Gelsenkirchen (Amphitheater), 13.11. Oberhausen (Turbinenhalle), 20.11. Soest (Stadthalle). 9.1. Attendorn (Stadthalle). Karten ab ca. 32 € auf www.ruhrticket.de.

Termine Heldmaschine: 12.3. Dortmund (Junkyard), 13.3. Köln (Eltzhof das Kulturgut). Karten ab ca. 24 € auf www.ruhrticket.de.

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