Interview

Ireen Sheer: Bloß nicht auf der Bühne sterben

| Lesedauer: 8 Minuten
Ireen Sheer sagt Tschüss mit dem Abschiedsalbum „Auf Wiedersehen – Goodbye“ und freut sich auf Pizza, Pommes und Bootsfahrten.

Ireen Sheer sagt Tschüss mit dem Abschiedsalbum „Auf Wiedersehen – Goodbye“ und freut sich auf Pizza, Pommes und Bootsfahrten.

Foto: Dominik Beckmann

Essen.  Ireen Sheer beendet ihre Karriere. Im Interview erklärt sie warum und erinnert sich an Erlebnisse mit Roland Kaiser und Björn von ABBA

Rund 60 Jahre umspannt ihre Kariere – angefangen bei einem Talentshow-Aufritt als Teenager. Nun verlässt Ireen Sheer (72) die Bühne, auf der sie so oft stand. Nach über 7500 Auftritten, drei Grandprix-Teilnahmen (einmal für Deutschland, zweimal für Luxemburg) und Schlagererfolgen wie „Goodbye Mama“ (1973) oder „Heut’ Abend hab ich Kopfweh“ (1991) will die gebürtige Engländerin und Wahl-Deutsche ihre Karriere beenden. Der Anfang vom Abschied ist ihr gestern erschienenes Album „Auf Wiedersehen – Goodbye“ (Telamo), auf dem sie im modernen Schlagersound Titel wie „Story meines Lebens“ oder „Abschied ist wie ein neues Leben“ singt. Stefan Moutty sprach im Interview mit Ireen Sheer über das, was war, und das, was noch kommen wird im Leben des Schlagerstars.

Sie beenden Ihre Karriere – wie kam’s zu diesem Entschluss?

Ireen Sheer: Es gab schon früher die Überlegung, größere berufliche Pausen einzulegen. Damit ich mit meinem Mann auch mal Dinge unternehmen kann, bei denen uns mein Beruf sonst immer einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Es gab aber immer einen Termin, den man doch gerade nicht absagen konnte. Es ist eben so: Entweder machst du voll mit oder du steigst ganz aus. Die Pandemie hat den Entschluss ganz aufzuhören dann beschleunigt.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Meine Karriere lief gerade richtig gut, wir waren auf Tournee und hatten noch 20 Konzerte vor uns. Dann kam der 8. März 2020 und die ganze Branche war auf einen Schlag stillgelegt. Was folgte, war eine ganz lange Pause. Denn auch als der Lockdown vorbei war, hatte ich immer noch keine Auftritte. 2020 war wirklich tote Hose, was das anging. Da wussten wir, jetzt ist die Zeit ganz aufzuhören.

Übernachten auf dem eigenen Boot

Haben Sie keine Sorge, dass Sie den Applaus vermissen werden?

Im letzten Jahr hatten wir ja auch keinen Applaus – ich hab mich also schon etwas daran gewöhnt (lacht). Irgendwann im Leben kommt einfach der Zeitpunkt aufzuhören. Den darf man nicht verpassen – das hat mir vor vielen Jahren schon meine Mama gesagt. Natürlich könnte ich auch auf der Bühne sterben, ich kenne einige, denen das passiert ist. Aber meine Sache ist das nicht. Je älter man wird, desto wertvoller wird die Zeit – und die muss man richtig ausnutzen.

Wie wollen Sie die gewonnene Zeit denn nutzen?

Mein Mann und ich, wir wollen uns einfach ein schönes Leben machen. Und auch einmal von einem Moment auf den anderen etwas unternehmen können, ohne dass ein Termin dazwischenkommt. Zum Beispiel einfach schnell mal zum Golf spielen nach Italien fahren.

Haben Sie auch ein Hobby, dem Sie sich bald widmen wollen?

Vorletztes Jahr haben wir ein Boot hier in Berlin gekauft. Damit wollen wir die Seen um Berlin erkunden, vielleicht bis zur Ostsee fahren – und da muss man Zeit für haben. Das Boot ist wie ein Wohnmobil auf dem Wasser, man kann darin übernachten, es hat eine kleine Küche. Das wollen wir jetzt richtig auskosten.

Endlich Pizza und Pommes Frites

Und was werden Sie nicht vermissen nach dem Ende Ihrer Karriere?

Ich freue mich darauf, nicht mehr so viel Zeit auf der Autobahn und im Stau zu verbringen. Als wir noch in Tirol gewohnt haben, waren 700 Kilometer bei einer Fahrt ja nicht unüblich. Und ich muss nicht mehr so diszipliniert sein – ich hab ja nie Pizza gegessen oder Pommes Frites. Und Koffer packen! Das ist etwas, was ich auch nicht so besonders mag – immer überlegen zu müssen, was ich mitnehme und was nicht.

Werfen wir einen Blick zurück. Sie haben Ihre Karriere in den 60er-Jahren in England begonnen …

Meine Lehrerin, eine Opernsängerin, wollte eigentlich, dass ich klassischen Gesang in Italien studiere. Ich wusste aber, das ist nichts für mich. Ich wollte auf die Bühne und entertainen. Mit 19 hab ich dann ein Jahr lang jeden Abend in einem Club gesungen und dort Albert Hammond getroffen, in dessen Band Family Dogg ich eingestiegen bin. Das war toll, weil ich mit Family Dogg international unterwegs war. Parallel hab‘ ich meine Solokarriere begonnen, Albert hat damals auch Songs für mich geschrieben.

In den 70er-Jahren begann dann Ihre Karriere in Deutschland.

Ja, weil ich zweisprachig aufgewachsen war, fragte mich die Plattenfirma, ob ich meine Songs nicht auch auf Deutsch singen wollte. Als „Goodbye Mama“ ein Hit wurde, bot man mir in Deutschland eine kleine Wohnung an – weil es zu aufwendig war, mich für Auftritte immer rüberzuholen.

Panne auf der Showtreppe

Ist bei Ihren vielen Fernsehauftritten auch mal eine Panne passiert?

Eine Sache war zum Beispiel mal bei Michael Schanze, in einer seiner ersten großen Samstagabend-Shows. Ich hatte damals die angesagten Plateauschuhe an, mit denen musste ich eine riesige Showtreppe runtergehen. Damit es richtig elegant aussieht, habe ich dabei nicht nach unten geschaut. Ich glaube, ich habe „Xanadu“ gesungen. Bei den Proben hat’s noch geklappt, aber als ich am Abend dachte, ich sei unten, kam doch noch eine Stufe. Ich bin hängengeblieben, mit ist der Absatz abgebrochen und ich wäre beinahe lang hingeschlagen (lacht). Aber ich konnte mich zum Glück noch fangen und hab einfach weitergesungen.

Sie haben viele der großen deutschen Showmaster und Moderatoren kennengelernt. Wer ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Dieter Thomas Heck, er war fast so etwas wie mein Mentor. Noch bevor ich in der Hitparade war, bin ich in seiner Sendung „4 gegen 4“ aufgetreten. Da habe ich seine Assistentin gespielt. Ich durfte aber auch meinen Song „Sonntag ist mein schönster Tag“ singen, eine wunderschöne Ballade, die Udo Jürgens für mich geschrieben hatte.

Avancen von ABBAs Björn

Sie haben über die Jahre sicher auch viele singende Kolleginnen und Kollegen näher kennengelernt …

Ja, Roland Kaiser zum Beispiel. Mit ihm habe ich mal ein Duett in einer großen ZDF-Show mit Günther Schramm gesungen. Da mussten wir auch wieder eine große Showtreppe runterkommen – das haben die beim ZDF gerne gemacht (lacht). Und Roland sagte: „Das kann ich nicht, ich hab doch zwei linke Füße. Kannst du das mit mir üben?“ In der Pause bei den Proben hat er seinen Kassettenrekorder angemacht und wir sind immer wieder die Treppe rauf- und runtergegangen. In der Sendung lief dann alles perfekt. Solche Erlebnisse schweißen einen schon zusammen.

Björn von ABBA sollen sie auch kennengelernt haben. Stimmt das?

Ja, beim Eurovision Song Contest 1974 in Brighton habe ich für Luxemburg gesungen und ABBA natürlich für Schweden. Da haben wir uns kennengelernt – und er hat sehr Gefallen an mir gefunden (lacht).

Hat er Ihnen Avancen gemacht?

Ja, ein bisschen. Aber er war ja verheiratet. Er sagte, „Ich könnte ja ein Lied für dich schreiben.“ Und er hatte auch meine Telefonnummer – also die meiner Eltern, ich habe damals ja noch zuhause gewohnt. Er rief sogar einmal an und sprach mit meiner Mutter. Aus dem Lied ist dann aber leider nichts geworden (lacht).

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