Musik

Scooter im Interview: „Wir wurden lange missverstanden“

Lesedauer: 7 Minuten
Aufzeichnung: FUNKE Live Stream mit der Band Scooter

Aufzeichnung- FUNKE Live Stream mit der Band Scooter

FUNKE Live Stream mit der Band Scooter.

Beschreibung anzeigen

Essen.  Mit viel Selbstironie und schnellen Beats begeistern Scooter ein immer größeres Publikum. Nun erschien das neue Album „God Save The Rave“.

Diese Männer haben ein dickes Fell: Scooter gelten seit Mitte der 90er-Jahre als Inbegriff für sinnfrei wirkenden Spaß-Techno und waren lange eines der liebsten Hassobjekte deutscher Feuilletonisten und Musikkritiker. Den zahllosen Verrissen zum Trotz begeistert das Trio seit Jahren immer mehr Menschen, die für März geplante Arena-Tournee wird die größte der Bandgeschichte. Dort vorgestellt wird neben Klassikern wie „How Much Is The Fish?“ oder „Maria (I Like It Loud)“ das gestern erschienene, insgesamt 20. Studioalbum „God Save The Rave“. Patrick Friedland sprach zu diesem Anlass mit Sänger H.P. Baxxter (57) und seinen Kollegen Michael Simon (48) und Sebastian Schilde (35).

Das Raven ist schon seit über einem Jahr verboten – womit vertreiben Sie sich aktuell so die Zeit?

H.P. Baxxter: Wir haben sehr viel Zeit im Studio verbracht, dazu hatten wir viel Freizeit. Wir haben Dinge im Haus renoviert, Sachen umgestellt und uns heimlich getroffen.

Sebastian Schilde: Also das, was alle machen (lacht). Und das Spazierengehen haben wir wieder für uns entdeckt.

„God Save The Rave“ (zu deutsch: „Gott, rette den Rave!“) heißt die neue Platte. Wann haben Sie zuletzt um göttlichen Beistand gebeten?

Baxxter: Das ist sehr lange her. Das Witzige ist ja, dass der Albumtitel schon aus der Zeit vor Corona stammt, der Titelsong erschien im Juni 2019. Eigentlich war das nur ein salopper Spruch, der gut zu Scooter passt. Als es während Corona darum ging, das Album zu betiteln, dachten wir, dass er jetzt natürlich noch besser passt. Konnte man damals noch nicht ahnen …

Wie würden Sie das Album beschreiben?

Baxxter: Es ist schon sehr Vollgas-mäßig und typisch Scooter, vom Druck und der Energie her. Wir haben modernste Sounds, die Platte klingt, als wäre sie wirklich „von heute“. Man wirft uns ja ständig vor, immer gleich zu klingen – das würde ich so nicht unterschreiben. Es gibt auch einen Country-Song zum Abschluss.

Schilde: Und es gibt Dudelsäcke auf dem Song „Hang The DJ“. Mein persönlicher Lieblingstrack.

Die Single „We Love Hardcore“ ist eine Zusammenarbeit mit den internationalen DJ-Superstars Dimitri Vegas und Like Mike. Sind die beiden Scooter-Fans oder wie kam das zustande?

Baxxter: Wir hatten die Idee für den Song und fragten bei unserem Manager, ob da eine Kollaboration möglich wäre. War es und wir arbeiteten abwechselnd daran. Eigentlich sollte das Stück beim Auftritt der beiden auf dem Tomorrowland-Festival in Belgien im vergangenen Jahr zusammen uraufgeführt werden. Tja.

Schilde: Hoffentlich können wir das nachholen. Eine super Nummer.

Die wohl populärste Vorab-Single ist „FCK 2020“. Beim Blick auf die aktuelle Corona-Lage stellt sich die Frage, ob Sie schon an „FCK 2021“ arbeiten.

Baxxter: Es war leider ein Irrglaube, dass diese Krise mit dem Ende des Jahres 2020 auch vorbei ist. Wir überlegen aber mal, ob wir einen Remix anfertigen.

Michael Simon: Bei dem wir dann einfach nur die Jahreszahl austauschen und ansonsten alles gleich lassen. (lacht)

Es gab zu „FCK 2020“ eine besondere Version des Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld in Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“. Wie kam es dazu?

Schilde: Die Anfrage kam direkt von der Redaktion des ZDF. Die Zusammenarbeit war super, das Orchester hat den Song nochmal richtig aufgewertet und das Ergebnis gefällt uns total.

Baxxter: Ich liebe diese ungewöhnlichen Kollaborationen. Man denkt erst, es passt hinten und vorne nicht und dann kommt da etwas wirklich Interessantes mit Witz bei raus.

„Es gab Neugier, was den Journalisten noch so an Verrissen einfällt“

Wäre ein Großprojekt „Scooter Orchestral“ für Sie denkbar?

Baxxter: Natürlich gibt es öfter Ideen. So haben wir vor einigen Jahren mit der Pianistin Olga Scheps für ein Scooter-Piano-Album zusammengearbeitet, unsere Songs neu arrangiert als instrumentale Klavierstücke. Fand ich sehr gelungen und höre ich immer noch gerne mal zwischendurch zur Entspannung an freien Sonntagen. Orchesterprojekte wurden lange Zeit sehr inflationär von vielen Musikern gemacht. Aktuell ist nichts geplant, ich würde das für die Zukunft aber nicht ausschließen.

Schilde: Wer Lust auf eine Zusammenarbeit hat: Einfach melden.

Gefühlt hat sich das Image von Scooter in der Öffentlichkeit über die letzten Jahre deutlich zum Positiven gewandelt, die Konzerthallen werden immer größer. Wie nehmen Sie das wahr?

Baxxter: Positiv. Früher gab es bei mir eine Neugier, was den Journalisten an Verrissen noch so alles einfällt. Ich habe das nie wirklich an mich herangelassen, manche waren ja auch witzig formuliert. Trotzdem ist es eine schöne Entwicklung. Ich glaube, dass viele uns lange missverstanden haben und mittlerweile ein wenig mehr begreifen (lacht). Unser Stil hat sich über die Jahre ja gar nicht so sehr verändert, aber die Betrachtung von außen schon.

Schilde: Ich glaube, viele merkten auch, dass Scooter vor allem live wahnsinnig Spaß machen. Es ist nicht nur Geschepper, es gibt eine geile Bühnenshow und Spaß, Spaß, Spaß.

Bleibt die Frage, wann das wieder möglich ist.

Baxxter: In Deutschland sind die ersten Sommerfestivals ja wieder abgesagt. Wir haben aber noch Termine für 2021 stehen und hoffen, dass in einigen Ländern im Spätsommer noch was geht. Das halte ich auch nicht für ausgeschlossen. Wir holen natürlich alles nach, was verschoben werden muss.

„Autokino war nicht so geil“

Ein Livestream-Konzert aus ihrem Studio in Hamburg gab es im vergangenen Jahr auch. Wie fühlte sich das an?

Baxxter: Das war ein bewegender Moment in meiner Karriere, wir bekamen unheimlich viel Resonanz.

Schilde: Es war für uns zumindest am Anfang ein bisschen angsteinflößend. Wir beenden ein Lied und es kommt keine Resonanz. Außer von dem einen Kameramann, der geklatscht hat.

Baxxter: Es fehlt das Spielen mit dem Publikum. Trotzdem war das insgesamt besser als erwartet.

Simon: Wir hatten auch ein Autokino-Konzert, das war nicht so geil. Die Leute wollten die ganze Zeit aus den Autos raus, tanzen und wurden immer wieder zurückgewiesen.

Machen Sie sich ernsthaft Sorgen, ob in Zukunft jemals wieder Konzerte in derselben Form wie früher stattfinden können?

Baxxter: Nein. Die Frage ist nur, wann es wieder möglich ist.

Simon: Ich mache mir nur langsam aus finanziellen Gründen Sorgen. Das sind über einen langen Zeitraum Verluste, die man als Künstler nicht mehr reinholt.

>>> INFO: Scooter live

17.3.22 Düsseldorf (ISS Dome). Karten ab ca. 55 € unter 0201/804 60 60 und auf www.ruhrticket.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Veranstaltungstipps

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben