Interview

Dr. Leon Windscheid macht Unterhaltung mit Hirn

Erst Millionär, dann Doktor der Psychologie: Leon Windscheid.

Erst Millionär, dann Doktor der Psychologie: Leon Windscheid.

Foto: Daniel Witte / Pressefoto

Essen.  Leon Windscheid gewann einst bei Jauch die Million, dann machte er seinen Doktor in Psychologie. Fakten rund um die Psyche serviert er bald live

„Altes Hirn, neue Welt“ heißt das Programm, mit dem Dr. Leon Windscheid ab Herbst auch in die Region kommen will (siehe Info am Textende). Im Interview erklärt der 30-Jährige, warum die Erkenntnisse der Psychologie so wichtig für uns sind – nicht nur in Krisenzeiten wie diesen. Stefan Moutty sprach mit ihm aber natürlich auch über seine erfolgreiche Teilnahme an Günther Jauchs Quizshow vor fünf Jahren.

Herr Windscheid, raten Sie heute noch ab und zu bei „Wer wird Millionär?“ vor dem Fernseher mit?

Nein, das schaue ich gar nicht mehr. Ich war nach meinem Gewinn damals irgendwie fertig damit, in einem positiven Sinn. Aber ich bin ja aktuell wieder im Studio als Experte dabei. Weil wegen Corona kein Publikum im Studio ist, das helfen könnte. Das mach ich gerne, auch weil die Chemie mit Günther Jauch nach wie vor stimmt.

Sie sollen vor Ihrer Teilnahme damals monatelang Allgemeinwissen gepaukt haben.

Das stimmt, aber trotzdem bin ich leider deutlich weniger gebildet, als es der Millionengewinn nahelegt. Tatsächlich habe ich mir damals wochen- und monatelang Wissen in den Kopf geschaufelt. Bei zweieinhalb Fragen hab ich sogar getroffen. Zum Beispiel wurde nach einem Skispringer gefragt. Privat interessiere ich mich nicht für Wintersport, aber ich hatte zuvor die Headlines der Zeitungen gelesen und kannte ihn deshalb.

Sie haben damals Günther Jauchs Anzug bekommen. Ziehen Sie den manchmal an?

Nein, der passte mir noch nie. Günther Jauch ist etwas kleiner als ich und deutlich breiter gebaut, als man denken würde. (lacht) Ich habe den Anzug damals mitgenommen, mit dem Versprechen, ihn für einen guten Zweck zu versteigern. Dazu bin ich nach wie vor gewillt, aber es gab noch keine Gelegenheit, dafür auch einen guten Preis zu erzielen.

Inzwischen sind Sie Doktor der Psychologie, haben ein Buch veröffentlicht und ein Bühnenprogramm auf die Beine gestellt. Wie kann man die Menschen mit Wissenschaft unterhalten?

Viel besser als ich es selbst auch erst gedacht habe. Weil unsere Welt so kompliziert und komplex geworden ist, glaube ich, dass die Wissenschaft Psychologie unglaublich viele Menschen interessiert. Und es würde auch vielen Menschen gut tun, sich damit auseinanderzusetzen.

Wie meinen Sie das?

Psychologie ist immer noch ein Tabuthema. Ich frage am Anfang der Show immer, „Für wen ist das heute das erste Mal beim Psychologen?“. Dann gehen 90 bis 95 Prozent der Hände hoch. Man muss sich aber klar machen, dass ein Drittel aller Deutschen einmal im Jahr die Kriterien einer psychischen Störung erfüllt. Ein großer Teil von uns müsste also in regelmäßigen Abständen einen Experten aufsuchen. Das tun wir aber nicht. Wir rennen wegen jedem Schnupfen zum Arzt, aber die Psyche bleibt außen vor.

Was können Sie mit Ihrem Programm anbieten?

Ich nehme die Leute mit auf eine wissenschaftliche Reise durch ihr eigenes Hirn und habe dafür Live-Experimente dabei, mit denen ich Erkenntnisse der Wissenschaft auf der Bühne demonstriere. Ich präsentiere z.B. eine Hirnscan-Studie so, dass sie jeder Laie verstehen kann. Das beantwortet zugleich viele Fragen. Warum sind wir so handysüchtig? Warum haben so viele Menschen Ängste? Warum lassen wir uns so sehr von unseren Sorgen beeinflussen?

Wie reagiert das Publikum?

Manchmal wird es ganz still und man merkt, dass viele gerade etwas zum ersten Mal realisieren. Eine Frau, die als Sozialarbeiterin arbeitet, kam einmal nach der Show zu mir und sagte, „Was du beim letzten Mal über künstliche Intelligenz und die Intelligenz von Kinder gesagt hast, hat meine Arbeit mit den Kids verändert.“ Das war ein richtiger Gänsehautmoment für mich.

Klingt spannend, aber nicht so sehr nach Humor. Wie bekommen Sie Witz ins Programm?

Indem ich zum Beispiel Dinge aufzeige, bei denen wir uns an die eigene Nase fassen können. Ich erzähle den Leuten etwa von einem Prinzip, das wir vereinfacht als Geduld bezeichnen können. Wieso schaffe ich es nicht, auf die großen Dinge im Leben zu warten. Das beschreibe ich anhand von zwei Formen des „Selbst“, ein gieriges „Hier-und-jetzt-Selbst“ und ein „Zukunfts-Selbst“. Das Zukunft-Selbst macht eher Pläne und würde zum Beispiel gerne im Sommer mit Topfigur am Strand auf Mallorca sitzen. Das Hier-und jetzt-Selbst lacht sich aber schon kaputt, wenn auf der Ritter-Sport-Schokolade „wiederverschließbar“ steht. Das ist ein Moment, wo alle lachen, weil jeder weiß, was gemeint ist. Aber ich mache keine Comedy. Mein Programm soll zum Nachdenken anregen, vielleicht Einsichten schaffen – und es ist auch ganz gut, wenn man schon mal ein Buch gelesen hat … (lacht) Viel mehr Anspruch habe ich aber auch nicht, ich richte mich schon an alle und versuche das Thema Psychologie für jeden greifbar und verständlicher zu machen

Die Corona-Beschränkungen sind für viele eine psychische Belastung. Wie sollte man damit umgehen?

Wir sind sehr soziale Wesen. Wenn mir aktuell meine Kontakte genommen werden, ist das wie Folter für meinen Kopf. Aber in dem Moment, in dem ich mich bewusst damit auseinandersetze und mir klar wird, dass ich es aushalte mit mir alleine zu sein und ich im Reinen mit mir bin, ist das auch eine wertvolle Erfahrung. Und danach sollte man jetzt suchen. Es ist zum Beispiel ganz wichtig, sich klarzumachen, dass die Einschränkungen einen Sinn verfolgen. Wir bleiben zuhause, um Leben zu retten.

Wie empfinden Sie die Ausgangsbeschränkungen persönlich?

Ich mache auch einen Podcast mit Atze Schröder zusammen. Da haben wir letztens darüber diskutiert, dass wir alle jetzt anfangen, sehr schnell sauer zu sein und sagen, „Mir fällt die Decke auf den Kopf!“. Dabei sitzen wir hier mit fließendem Wasser und genug zu essen in einer beheizten Wohnung und haben eines der besten Gesundheitssysteme, während andere Menschen in Regionen leben, wo es kein einziges Intensivbett gibt. Statt sich zu fragen, „Wo wäre ich jetzt lieber?“ könnte man also auch fragen, „Wo wäre ich jetzt lieber nicht?“.

Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit Atze Schröder?

Die Idee dahinter war, jemanden aus dem wissenschaftlichen Bereich mit Atze, dem Straßenköter, Lebensphilosophen und natürlich dem Comedian zusammenzubringen. Eigentlich habe ich mit seiner Art Comedy überhaupt nichts am Hut. Aber in dem Podcast habe ich die Person hinter dem Atze aus dem Fernsehen kennengelernt – ein unglaublich spannender und belesener Mensch mit sehr viel Feingefühl.

Ich gehe davon aus, dass Atze bei den Podcast-Aufnahmen nicht seine Perücke aufhat …

Welche Perücke? (lacht) Mal trägt er seine Haare offen, mal nicht.

Eigentlich sollten bereits im April Auftritte mit dem Programm Altes Hirn, neue Welt, stattfinden, diese wurden aber verlegt. Hier die aktuell geplanten Termine: 21.10. Mönchengladbach (Theater im Gründungshaus), 27.10. Dortmund (Fritz-Henßler-Haus), 12.11. Witten (Werkstadt), 13.11. Gelsenkirchen (Hans-Sachs-Haus), 12.1. Düsseldorf (Savoy Theater), 14.1. Köln (Gloria Theater). Karten gibt’s ab ca. 25 € im Vorverkauf. Betreutes Fühlen heißt der Podcast, bei dem Dr. Leon Windscheid mit Atze Schröder über Gefühle von Angst bis Wut spricht – versprochen wird „Psychologie, die hilft“. Jeden Montag erscheint eine neue Folge, zu hören bei Anbietern wie iTunes, Spotify, Deezer & Co. Weitere Infos gibt’s online auf www.leonwindscheid.de

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