Interview

Helene Bockhorst: Comedy als Therapie

Noch auf der Therapie-Couch, bald schon wieder auf der Comedy-Bühne: Helene Bockhorst.

Noch auf der Therapie-Couch, bald schon wieder auf der Comedy-Bühne: Helene Bockhorst.

Foto: Sascha Moll / Presse

Essen.  Helene Bockhorst hat mit ihrem ersten Solo-Programm großen Erfolg – dabei wollte sie eigentlich Journalistin werden

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Erst war sie Poetry-Slammerin, jetzt hat sie die Comedywelt erobert: Seit gut einem Jahr ist Helene Bockhorst (27) mit ihrem ersten Solo-Programm „Die wunderbare Welt der Therapie“ auf Tournee und nimmt auf der Bühne kein Blatt vor den Mund. Bevor die Hamburgerin am Donnerstag in Schmallenberg auftritt, befragte Stefan Moutty sie u.a. nach ihren Erfahrungen als erfolgreicher Newcomer im Humorgeschäft.

Sie thematisieren auf der Bühne Ihr nicht vorhandenes Selbstwertgefühl und betreiben Ihr Programm als öffentliche Therapie – und das sehr erfolgreich. Wie kamen Sie auf diesen Dreh?

Helene Bockhorst: Die Frage impliziert ja, dass das eine kalkulierte Entscheidung gewesen wäre, aber so etwas kann man nicht planen. Ich bin einfach auf die Bühne gegangen mit den Themen, die mich beschäftigen, und das hat Leuten gefallen. Das ist kein „Dreh”, auf den ich gekommen bin, um erfolgreich zu sein. Tatsächlich war ich überrascht, dass einige meiner Videos so gut angekommen sind.

In Ihrem Programm geht’s u.a. auch um die Gemeinsamkeiten von Sex und Kartoffelsalat. Ich bin neugierig. Können Sie schon mal was verraten?

Es gibt leckeren Kartoffelsalat, der mit viel Liebe aus frischen Zutaten handgemacht wird. Und es gibt Kartoffelsalat aus dem Supermarkt, den man schnell und unkompliziert bekommt und der ganz okay schmeckt. Und dann gibt es noch Kartoffelsalat, den irgendjemand sehr lange im Kofferraum seines Autos vergessen hat. Welchen Kartoffelsalat man bekommt, das weiß man leider immer erst, nachdem man probiert hat.

Überhaupt sprechen Sie häufiger über Sex auf der Bühne. Gilt in der Comedy auch „Sex sells“?

Ich glaube, es ist ein gesellschaftliches Problem, dass Frauen nicht zugetraut wird, sexuelle Bedürfnisse und ein ausgeprägtes Interesse an Sex zu haben. Wenn Frauen über Sex reden oder schreiben, wird gerne unterstellt, dass das irgendein Karrieremove sein müsste. Sex sells, ja. Vielleicht bin ich wahnsinnig geschäftstüchtig. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur eine sexhungrige Schlampe.

Sie sind noch relativ neu im Comedygeschäft und erst seit einem Jahr mit Ihrem Debüt-Programm auf Tour. Können Sie schon sagen, ob es eine gute Entscheidung war?

Das hängt so ein bisschen davon ab, in welchem Moment man mir diese Frage stellt. Wenn ich nach elf Tourtagen in einem defekten ICE ohne Strom und Internet sitze und langsam verhungere, weil das Bordbistro außer Betrieb ist, würde ich sagen, nein, eher nicht. Wenn ich einen schönen Auftritt hatte, nette Gespräche mit Zuschauern geführt habe und es dann noch etwas Leckeres zu essen gibt, bin ich überzeugt, dass es der beste Beruf der Welt ist.

Wie ist es, wenn man als Newcomer auf arrivierte Comedy-Stars wie Carolin Kebekus & Co. trifft?

Das sind ganz normale Menschen, die sich unterschiedlich verhalten. Ich würde da jetzt nichts generalisieren wollen. Zu 98 Prozent sagen sie „Hallo”, zu einem Prozent „Hi, na, alles gut?”, zu 0,5 Prozent „Hallo Helene” und zu 0,5 Prozent „Hallöchen”.

Sie haben Journalistik studiert und haben auch als Journalistin gearbeitet. Wieso haben Sie sich dann doch gegen diesen Beruf entschieden und die Bühne zu Ihrem Arbeitsplatz gemacht?

Sooo wenig Selbstwertgefühl hatte ich dann doch nicht (lacht).

Werden Sie auch ständig gefragt, wie es ist, als Frau auf der Comedy-Bühne zu stehen?

Ja.

Und wie ist es?

Das ständig gefragt zu werden, ist scheiße. Ich stehe nicht “als Frau” oder “für die Frauen” auf der Bühne. Ich mache einen Job, und ich mache ihn verhältnismäßig gut, und ich bin zufällig eine Frau. Die Frage wird übrigens auch nicht besser, wenn man sie auf der Metaebene einführt. Ich würde es besser finden, wenn mich mal jemand fragen würde, wie es eigentlich ist, als intelligenter Mensch auf einer Comedy-Bühne zu stehen. Die Frage kam komischerweise noch nie.

Carolin Kebekus hat mal gesagt, man werde auf jeden Fall gut gebucht, weil häufig eine Quotenfrau fürs Programm gesucht werde. Stimmt das?

Inzwischen reicht es nicht mehr, eine Frau zu sein. Meine Erfahrung ist, man muss darüber hinaus auch mit allen wichtigen Leuten geschlafen haben.

Sie sind in der niedersächsischen Provinz aufgewachsen. Bietet das Futter für Gags in Ihrem Programm?

Nein, eigentlich nicht. Das würde alle nur unnötig runterziehen.

Später sind Sie dann nach Hamburg gezogen. Gab’s einen Kulturschock in der großen Stadt?

Nein. Ich habe mich sehr gefreut, in die Stadt zu ziehen, weil man da so unkompliziert einkaufen kann. Als ich klein war, mussten wir für jedes Päckchen Vanillezucker ein paar Kilometer Auto fahren. Und wenn man irgendwas vergessen hatte, dann dauerte es bis zum nächsten wöchentlichen Einkauf, bis man das bekommen hat. Als ich mit dem Studium angefangen habe, bin ich anfänglich jeden Tag einkaufen gegangen, einfach, weil ich es konnte.

Wen oder was finden Sie eigentlich selber lustig?

Wenn mir jemand einen Witz erzählt, dann denke ich: Oha, das soll jetzt lustig sein. Ich muss unbedingt an der richtigen Stelle lachen, um mein Gegenüber nicht zu enttäuschen! Weil ich mich damit selber unter Druck setze, bin ich schwieriges Publikum. Ich lache meistens eher über Sachen, die nicht lustig gemeint sind, z.B. über Missgeschicke. Die unzensierten Tagebücher von Sylvia Plath fand ich teilweise sehr witzig, tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass die besten Stellen in der bearbeiteten Fassung herausgekürzt wurden.

Termine: 15.11. Schmallenberg (Habbels), 5.12. Solingen (Cobra), 6.12. Kaarst (Aula Georg-Büchner-Gymnasium), 15.1. Mönchengladbach (Theater im Gründungshaus), 22.1. Wesel (Scala), 23.1. Bochum (Bhf. Langendreer), 16.2. Münster (Kap. 8 Bürgerhaus), 21.3. Mülheim (Ringlokschuppen), 22.4. Unna (Lindenbrauerei). Karten gibt’s in unseren LeserLäden, auf www.ruhrticket.de sowie unter 0201 / 804 60 60.

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