Interview

Miss Allie: „Im Herzen bin ich Musikerin“

Miss Allie

Miss Allie

Foto: Philipp Eisermann / Miss Allie Music

Elisa Hantsch alias „Miss Allie“ erobert mit Songs wie „Schweinesteak medium“ nicht nur Musik-, sondern auch Kabarettbühnen.

Blonde Haare, Gitarre im Anschlag und ein Herz am Mikrofonständer – so steht Elisa Hantsch alias „Miss Allie“ auf der Bühne. Doch wer jetzt weichgewaschenen Herzschmerz-Pop erwartet liegt falsch. Ihre Songs haben allesamt Tiefgang, sind nicht selten sozialkritisch und setzen sich humorvoll mit persönlichen wie politischen Themen auseinander. Mit Melanie Koppel hat Miss Allie jetzt über das Verhältnis von Musik und Humor, die Wichtigkeit politischer Positionierung und ihr neues Album „Aus Scheiße wird Gold“ gesprochen.

Sie nennen sich selbst „die kleine Singer-Songwriterin mit Herz“, haben aber auch schon jede Menge Comedy- und Kabarettpreise gewonnen. Sehen Sie sich eher als Musikerin oder als Kabarettistin?

Ich sehe mich auf jeden Fall eher als Musikerin – da komme ich her. Dass ich jetzt auch in Comedy und Kabarett eingeladen werde, ist eigentlich erst seit letztem Jahr so. Ich fühl mich da manchmal ein bisschen wie ein Alien, weil ich da nicht groß geworden bin. Aber ich verstehe auch, dass ich öfter mal in Comedy oder Kabarett lande, weil einige meiner Lieder relativ humorvoll sind und dann passt das auch gut da rein. Aber im Herzen bin ich Musikerin.

Gab es für Sie je eine Alternative zur Musik?

Ursprünglich wollte ich eigentlich Kulturmanagerin werden und während des Studiums habe ich gedacht, ich lande im Musikfestival-Bereich. Ich habe auch ein paar Praktika gemacht und fand das ganz spannend. Aber dann habe ich eine Reise durch Australien gemacht und wollte mich selber finden und dabei habe ich gemerkt, das einzige, was mir ein vollkommenes Gefühl gibt, ist die Musik. Und zwar meine Musik.

War das die gleiche Phase, in der sie angefangen haben, sich autodidaktisch Gitarrespielen beizubringen?

Nee, das habe ich schon früher gemacht, da war ich noch Teenager. Während des Studiums hab ich das immer weiter verfolgt und ein paar eigene Songs geschrieben. Aber da hab ich nie vor Leuten gespielt. Erst in Australien kam der Mut und das Selbstbewusstsein das zu machen.

Was ist denn da passiert in Australien?

Da sind mehrere Sachen passiert. Erstmal war es meine erste Auslandsreise, ich war völlig frei und hatte irgendwann kein Geld mehr, weil ich das alles verprasst hatte (lacht). Aus der Not heraus habe ich angefangen Straßenmusik zu machen und in Pubs aufzutreten um Geld zu verdienen. Das fiel mir da unten zum ersten Mal richtig leicht, auch weil ich niemanden kannte und keiner kannte mich. Da waren alle Hemmungen irgendwie verloren. Und da hab ich gemerkt, wie viel Spaß das eigentlich macht.

Dort haben sie ja auf Englisch gesungen. Wie kam es dazu, dass Sie jetzt auf Deutsch singen und dann auch noch so humorvoll?

Ich habe schon immer auf Englisch geschrieben, weil ich die Sprache einfach schön finde. Und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, durch die Sprache kann ich mich ein bisschen verstecken und dann merkt keiner so richtig, worum’s mir tatsächlich geht oder was ich da wirklich fühle. Deshalb fiel es mir auch immer schwer auf Deutsch zu schreiben. Dann war ich aber in Australien mit einem Australier zusammen und wollte über die Beziehung schreiben, und damit er den Song nicht versteht, habe ich einen Song auf Deutsch geschrieben. Das war „Schweinesteak medium“. Dabei habe ich gemerkt, dass ich nicht ganz klar sagen kann: „Mir geht’s hier voll scheiße und der Typ, der geht grad gar nicht“, sondern ich hab dann im Deutschen, was ja meine Muttersprache ist, eine Form gefunden mich auszudrücken, ohne dass gleich jeder versteht, wie ich mich wirklich gefühlt hab. Ich habe mich dann nicht mehr hinter der Sprache versteckt, sondern hinter dem Humor. Generell, wenn ich ein Problem habe, versuch ich immer mit Humor ein bisschen Leichtigkeit reinzubringen.

Sind denn auch die neuen Songs, die Sie schreiben autobiografisch oder haben so eine sehr persönliche Komponente?

Es sind schon sehr viele, sehr persönliche Sachen, die ich da verarbeite, aber manche Songs entstehen auch dadurch, dass ich im Freundeskreis gucke oder Kleinigkeiten im Alltag beobachte. Aber das sind noch nicht so viele (lacht).

Einige Ihrer Songs haben eine recht klare feministische Message. Würden Sie sich selber als Feministin bezeichnen?

„Feministin“ ist ein großes Wort, finde ich. Ich gehe nicht regelmäßig auf Frauendemos oder bringe mich jede Woche parteipolitisch ein. Doch mir ist es sehr wichtig, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und dass die Rechte von Frauen beachtet und gestärkt werden. Und das macht mich im Grunde letztendlich doch zu einer Feministin.

Mit einem Ihrer Songs unterstützen Sie die Fridays for Future. Ist es für Sie ein Muss, sich als Künstlerin politisch zu positionieren?

Für mich persönlich macht es halt einfach Sinn. Ich habe viele Songs, die sozialkritisch ein paar Dinge hinterfragen, weil es mir wichtig ist, dass Songs gehaltvoll sind. Aber auch vor dem Hintergrund, dass die Singer-Songwriter/Liedermacher-Geschichte nun mal so ist, dass auch politische Dinge angesprochen werden. Für mich selber und für die Songs, die ich schreibe, ist es mir schon wichtig, mich da auch klar zu positionieren und zu sagen, was ich gut finde und was nicht. Und wenn ich auf irgendeine Weise dazu beitragen kann, dass es ein kleines Stückchen besser wird, dann versuch ich das natürlich auch mit meiner Musik.

Ihr neues Album heißt „Aus Scheiße wird Gold“, das letzte trug den Titel „Mein Herz und die Toilette“. Klingt das nur zufällig nach Fortsetzung?

Es ist schon eine Fortsetzung, klar. Dadurch, dass meine Songs sehr persönlich sind, erzähl ich auch ein Stück weit einfach meine Geschichte. „Mein Herz und die Toilette“ ist eine komplette Geschichte darüber, wie das Herz in der Toilette versinkt, was es für Gründe gab und wie ich mich wieder rausgeholt hab aus dem Klo. Und jetzt ist es quasi wieder da und jetzt fang ich an aus der Scheiße Gold zu machen. Auf dem neuen Album setz ich mich sehr viel mit Gefühlen auseinander, die ich in der Toilette versteckt hatte. Die Geschichte geht ein Stück weit weiter, ich bin ein Stück weit erwachsener, gereifter. Und so ist das Album auch im Vergleich zu dem ersten deutschen.

Sie sind als Künstlerin sehr authentisch, schreiben und singen ihre eigenen Songs und haben auch die Booklets ihrer Alben selbst illustriert. Könnten Sie sich vorstellen auch Songs für andere Künstler zu schreiben oder gibt es sogar jemanden, für den sie gerne mal schreiben würden?

Ich habe tatsächlich in letzter Zeit Anfragen bekommen, aber ich tu mich damit immer ein bisschen schwer, weil es nicht mein Schwerpunkt ist. Ich schreib halt Songs um Sachen selber zu verarbeiten. Der Song „Dieter – das Regeltagebuch“ war eine Ausnahme, da ist ein Thema von außen an mich herangetragen worden und ich fand es so spannend, dass ich gesagt hab: „Schreib ich drüber und versuch eine Geschichte zu erzählen.“ Aber so richtig für andere zu schreiben… Da hab ich jetzt erst mal auch gar keine richtige Zeit für. Keine Ahnung, vielleicht in Zukunft mal. Aber jetzt würde ich sagen nein.

Wenn Sie einen Song schreiben, was ist dann immer zuerst da, der Text oder die Melodie?

Wenn das Thema schon feststeht und ich einen Weg finden muss darüber zu schreiben, dann fang ich erst mit dem Text an, versuch das ein bisschen einzugrenzen und dann kommt die Melodie dazu. Aber wenn’s halt ein sehr persönlicher Song ist, klimper ich immer erst auf der Gitarre rum um herauszufinden, was in mir gerade vorgeht, wie ich mich gerade fühle und was da vielleicht raus muss. So entstehen dann schon immer die ersten Textfetzen, weil die Musik mich inspiriert. Dann weiß ich: „Aha, das ist das Thema und jetzt geht’s los.“

Wie systematisch ist es überhaupt, Songs zu schreiben? Ist es so, dass Sie sich dann morgens um acht, wenn alle anderen ins Büro fahren, hinsetzen und Lieder schreiben? Oder ist es eher etwas, was Sie spontan überfällt?

Dadurch, dass ich seit letztem Jahr viel auf Tour bin und so viele Konzerte spiele, ist es ein bisschen schwieriger geworden Songs zu schreiben. Ich brauch das eigentlich, dass ich Sachen fühle, dass es mir auch mal nicht so gut geht oder dass ich mal wütend bin. Dann setz ich mich hin und lass es alles raus. Und das muss auch sein, für die Seele! So entstehen normalerweise meine Songs. Aber jetzt mit dem Zeitdruck … Bei dem „Aus Scheiße wird Gold“-Album hatte ich viele Songs angefangen, aber nicht fertig gekriegt, weil ich einfach so viel unterwegs war. Ich hab mir dann wirklich ganz streng Zeiträume gesetzt. Diese Zeiträume musste ich mir einfach selber stecken um die Songs fertig zu schreiben und auch um zu fühlen, was muss denn noch raus? Es war echt anders als sonst.

Vermissen Sie es manchmal auf der Straße oder in Pubs Musik zu machen?

Also… (lacht) Tatsache: Manchmal mach ich immer noch Straßenmusik, weil ich es tatsächlich vermisse. Und auch im Pub: Einmal im Jahr gebe ich ein – ich nenn es liebevoll „Schrubbelkonzert“ – in Lüneburg, wo ich auch ganz spontan entscheide: „Nächste Woche gehst du in den Pub oder in die und die Bar und spielst da ein Konzert mit Cover-Songs.“ Da ist dann alles locker, wir trinken alle Bier und haben ne gute Zeit. Das gönn ich mir einmal im Jahr und das reicht auch. Ansonsten bin ich sehr, sehr happy mit dem, was ich in meinen Konzerten mache und dass ich meine eigenen Songs spielen kann.

Letzte Frage: Warum stehen Sie eigentlich immer barfuß auf der Bühne?

(lacht) Ich hab so einfach mehr Halt. Ich hab es schon mit Schuhen mal wieder probiert, aber ich wackel da immer so dolle rum. Ich brauch den direkten Bodenkontakt, sonst geht das irgendwie nicht, fühl ich mich nicht wohl.

Für diese Termine 2020 gibt’s noch Karten (ab 20 €): 26.3. Dortmund (Junkyard), 2.5. Wesel (Scala), 28.5. Düsseldorf (Savoy), 25.10. Bochum (Bhf. Langendreer), 5.11. Krefeld (Südbahnhof), 26.11. Essen (Zeche Carl).Karten gibt’s ab ca. 20 €.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben