Humor

Wann Ingmar Stadelmann letztmals richtig „verschissen“ hat

Ingmar Stadelmann schielt immer mit mindestens einem Auge auf kritische Zustände in der Gesellschaft.

Ingmar Stadelmann schielt immer mit mindestens einem Auge auf kritische Zustände in der Gesellschaft.

Foto: Robert Maschke / HB MANAGEMENT

Essen.  In seinem neuen Programm „Verschissmus“ thematisiert Ingmar Stadelmann aktuelle politische Entwicklungen. Der Komiker im Interview.

„Höflich wie ein Türsteher, feinfühlig wie Hackepeter“. So beschrieb Dieter Nuhr einmal Ingmar Stadelmann. Tatsächlich machte sich der 39-jährige Komiker in den vergangenen Jahren vor allem mit deftigem Humor und politisch inkorrekten Gags einen Namen. Aktuell befasst sich der aus Salzwedel in Sachsen-Anhalt stammende Stadelmann mit „Verschissmus“ – so der Titel seines Programms, mit dem er bald wieder tourt. Wie es zu dieser „Wortkreation“ kam, verriet er Patrick Friedland.

Beginnen wir mit der „Henne oder Ei“-Frage: Was war zuerst? Die peinliche Kranzschrift der Mülheimer SPD, die im vergangenen Herbst den Opfern des „Verschissmus“ gedachte, oder der geniale Einfall des Ingmar Stadelmann?

Ingmar Stadelmann: Tja, das belegt nur wieder mal: Wir leben in Zeiten, die für Satiriker nicht leicht sind, weil die Realität oft die Satire schlägt. Mein Titel basiert auf einem Schreibfehler, der mir in der Grundschule tatsächlich passiert ist. So entstand das Wort „Verschissmus“ und ich fand, das wäre ein passender Titel für ein Programm, dass sich mit dem Hier und Jetzt beschäftigt. Dass jemand das anschließend aus Versehen tatsächlich auf einen Gedenkkranz schreibt, hätte selbst meine blühende Fantasie nicht für möglich gehalten.

Laut Pressetext machen Sie genau da weiter, wo Sie mit dem letzten Programm „Fressefreiheit“ aufgehört haben. Wo genau haben Sie denn aufgehört?

„Fressefreiheit“ endet mit den vielen Selbstverständlichkeiten, über die wir uns keine Gedanken machen. Das wird ja auch gerade jetzt in der Corona-Krise nochmal deutlich: Diese ganzen Freiheiten, das Maß an Demokratie und Mitbestimmung das wir haben, das ist alles selbstverständlich für die Menschen. Für Selbstverständlichkeiten hat niemand Zeit. Da denkt man nicht drüber nach. Aber wie gut es ist, wenn man sich dessen bewusst wird und durch einen Virus feststellt, „Nichts von dem, was wir hier haben, ist selbstverständlich“ – das werden wir wahrscheinlich erst mit etwas Abstand verstehen.

Und wo setzen Sie nun an?

Was meine Entwicklung angeht: Ich feiere nächstes Jahr zehn Jahre Solo-Shows. Natürlich sind meine Inhalte anders als am Anfang. Ganz einfach, weil einen mit Mitte 20 andere Dinge beschäftigen als mit Mitte 30. Die Humorfarbe ist aber geblieben.

Sie sagten im Vorfeld der Tour: „Auf deutschen Bühnen geht es wieder um etwas!“ Was meinen Sie damit genau?

Die Wohlfühlkabarett-Zeiten sind vorbei. Es gibt eine politische Kraft, die der freien Meinungsäußerung entgegen steht und Verbindungen zum Rechtsextremismus hat, die Radikale bedient und bestätigt. Das hat jetzt sogar der Verfassungsschutz erkannt, als letztes in der Reihe. Was mich etwas nervös macht.

Inwiefern?

Das ist eine politische Veränderung für alle Bühnenkünstler, weil alles sofort abgeklopft wird auf: Ist er für uns oder gegen uns? Welches Label können wir ihm geben, wenn er gegen uns ist? Und online sind sowieso alle im Dauerstress mit digitaler ad-hominem-Argumentation (Scheinargumentation, d. Red). Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr Menschen ihre eigenen moralischen Ansprüche absenken, nur um ihre Sicht der Dinge nicht überdenken zu müssen. 40-jährige Männer kleben sich „F*** U Greta!“-Aufkleber an ihre 60.000 Euro teuren Autos. Das ist schon sehr sehr lustig.

Wann haben Sie denn zuletzt bei etwas so richtig „verschissen“?

Einkommensteuer zu spät überwiesen. Gerettet hab ich mich, indem ich nachgezahlt habe. Läuft!

Wie gehen denn Künstler wie Sie mit der aktuellen Situation rund um Corona und die Absagenflut um?

Als erstes müssen wir das überleben. Alle. Gesundheitlich und finanziell. Alles andere kommt danach. Und der Umgang mit der Situation liefert jetzt schon jede Menge Gag-Potenzial. Da läuft eine gesamte Generation draußen rum, die von Einschränkungen ihrer Persönlichkeitsrechte noch nie was gehört hat. Die versuchen gerade verzweifelt, sich online mit irgendwelchen „Challenges“ selbst zum zu Hause Bleiben zu „influencen“. Die sind schockiert, wenn im Supermarkt das Fach für Klopapier drei Minuten lang leer ist, bevor es wieder aufgefüllt wird. Da möchte man jedem einzeln zurufen: „Google mal DDR, wa?“

Was braucht es sonst noch in diesen Zeiten?

Es braucht keine Challenge. Es braucht Solidarität. Und dann bleibt man zu Hause. Ohne Likes. Ohne Beifall. Dafür sterben weniger Menschen. Das ist doch eigentlich ganz cool, oder? Ansonsten bleibt auch nach dieser Krise die Erkenntnis: Man hat keine andere Möglichkeit, als den Ernst des Lebens auf der Bühne zum Horst zu machen. Und in dem Sinne werde ich den Deutschen wahrscheinlich die nächsten Jahre ihre absurde Klopapier-Fixierung aufs Brot schmieren! Was stimmt mit uns nicht? Das Letzte, um was man sich in Quarantäne Gedanken machen muss, ist der Arsch. Und wenn Klopapier alle, dann notfalls halt Handstand in der Dusche.

Gehen Sie denn noch vor die Tür?

Ich geh sogar manchmal hinter die Tür.

>>> INFO: Ingmar Stadelmann auf „Verschissmus“-Tour:

Termine: 13.8. Köln (Gloria, Verlegung vom 30.3.), 23.8. Dortmund (Fritz-Henßler-Haus, vom 4.4.), 21.9. Bielefeld (Zweischlingen, ausverkauft), 9.10. Münster (Kap8), 15.10. Bochum (Bahnhof Langendreer),
6.12. Duisburg (Grammatikoff).

Karten ab ca. 25 € gibt’s unter 0201/804 6060 und online auf www.ruhrticket.de.

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