Freizeit

Wissenschaft macht Spaß: Die Faszination Science Slam

Shambhavi Priyam hat in der Dortmunder Reinoldikirche bei einem Science Slam um den Sieg gekämpft.

Shambhavi Priyam hat in der Dortmunder Reinoldikirche bei einem Science Slam um den Sieg gekämpft.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Lernen kann auch lustig sein: Science Slams bringen Wissenschaft und Unterhaltung zusammen. Ein Besuch in der Dortmunder Reinoldikirche.

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Ja, es gibt sie noch im Jahr 2019: Gotteshäuser, die bis auf den letzten Platz gefüllt sind. So zum Beispiel die Dortmunder Reinoldikirche mit rund 350 Menschen an diesem kühlen Montagabend – nur das hier heute keine Pastoren predigen. Stattdessen erzählt Peter Schneider (35), Doktorand für Maschinenbau an der Uni Aachen, den Anwesenden etwas über Feedbackmechanismen im Klimasystem. Titel seines Vortrags: „Wie der Hummer den Hummer bekämpft“.

Wer sich nun fragt, wie kultige Geländewagen und Schalentiere in denselben wissenschaftlichen Vortrag passen, ist bei einem Science Slam goldrichtig. „Hier kriegt man Wissen mal ganz anders vermittelt“, sagt Moderator Rainer Holl (36).

Science Slam: Komplexe Informationen leicht erklärt

Die Regeln sind simpel: Studierende und Doktoranden präsentieren eigene Forschungsergebnisse und packen diese in eine Infotainment-Präsentation von zehn Minuten Länge. Am Ende stimmt das Publikum per Beifall über den besten Vortrag ab. Der kann lustig sein, muss es aber nicht.

Den Vortragenden sind keine kreativen Grenzen gesetzt: „Wenn du als Atomphysiker ein Protonenmodell darstellen möchtest, in dem du auf einem Einrad mit Hamstern jonglierst – dann tu es einfach!“, empfiehlt Holl. Doch keine Sorge, liebe Tierschützer: Die niedlichen Wühler bleiben von gesundheitsgefährdenden Einlagen verschont.

Soziale Netzwerke und Boygroups

Stattdessen müssen beim ersten Auftritt des Abends die Backstreet Boys dran glauben. Shambhavi Priyam (25, Foto), Studentin für Verhaltensökonomie an der Uni Bonn, will „die Leute im Publikum spüren lassen, dass ich an meinen Forschungen Spaß habe.“ Funktioniert prächtig, wenn man einen Vortrag über die sozialen Strukturen einer Schulklasse hält und den Gassenhauer „I Want It That Way“ im Rahmen einer Gesangseinlage kurzerhand in „Highschool Sucks That Way“ umdichtet. Dass dabei nicht jeder Ton sitzt – geschenkt!

Schließlich geht es hier vor allem darum, dass das Publikum – heterogen zusammengesetzt und zwischen 18 und 80 Jahren alt – unterhalten wird und den Saal klüger verlässt, als es ihn betritt. Langeweile? Quasi ausgeschlossen. Das gilt für Zuschauer wie Slammer, wie Peter Schneider bestätigt: „Hier kann ich im Gegensatz zu Uni-Vorlesungen mal Vorträge halten, bei denen keiner ein Smartphone in der Hand hat und gähnt.“

Mensch, Natur, Technik

Was auch an der thematischen Vielfalt liegt, die Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften vereint. So gewinnt Grundschullehrerin Verena Romoth, die mit von Schülern gemalten Bildern veranschaulicht, wie sie diesen die Bedeutung zusammengesetzter Hauptwörter erklärt. Dass ein Nachwuchstalent unter dem Kompositum „Armleuchter“ eine Star-Wars-Figur mit gezücktem Laserschwert versteht, sorgt bis auf die hinterste Sitzbank für Erheiterung. Für den beliebtesten Slam gibt’s als Preis zwei goldene Handschuhe – für Geld macht das hier schließlich niemand.

Und der Hummer? Der leidet vor allem unter den Abgasen seines Namensvetters, weil die Auswirkungen aufs Klima seiner überlebenswichtigen Schale schaden. Wieder was gelernt.

>>> Schon gewusst?

Erfinder. Der Südhesse Alex Dreppec gilt als Pionier des Science Slams. Der 51-Jährige ist seit 2000 in den Bereichen Poetry-Slam, Belletristik und Verständlichkeitsforschung tätig. Diese Aktivitäten kombinierte Dreppec und veranstaltete 2006 in Darmstadt den ersten Science Slam.

Meisterschaften. Seit 2010 finden Deutsche Meisterschaften an wechselnden Orten statt. Über vier Vorausscheidungen (Ost, West, Nord, Süd) qualifizieren sich die Slammer für den Titelkampf, der dieses Jahr am 21. November in Leipzig ausgetragen wird. Bei der vergangenen Deutschen Meisterschaft in Wiesbaden wurde mit 4600 Besuchern ein weltweiter Zuschauerrekord aufgestellt.

Poetry-Slam. Zwischen dem Dichterwettstreit und einem Science Slam gibt es einige Unterschiede: So sind Vorträge im Poetry-Slam im Regelfall nicht länger als sechs Minuten, bei der „Wissenschaftsschlacht“ hingegen meist zehn Minuten lang. Zudem dürfen Poetry-Slammer im Gegensatz zu ihren forschenden Kollegen keinerlei Requisiten nutzen.

Science Slam am Wochenende im Düsseldorfer Zakk:

Im Vergleich zu den seit Jahren populären Poetry-Slams finden Science Slams in geringerer Zahl statt. Jährliche Veranstaltungen gibt es unter anderem an den Universitäten in Düsseldorf, Bochum und Siegen, aktuell sind aber noch keine weiteren Termine bestätigt.

Bestes Infotainment garantiert aber der seit 2013 zwei Mal pro Jahr ausgetragene Slam im Düsseldorfer Zakk. Am kommenden Sonntag ist es wieder soweit. „Viele verbinden das Zakk mit Musik und Literatur und das Thema Wissenschaft mit der Hochschule. Das zu verbinden, die Atmosphäre eines Clubs mit den überzeugten Forschenden auf der Bühne, erzeugt den Rock’n’Roll des 21. Jahrhunderts“, freuen sich die Moderatoren Dr. Verena Meis und Markim Pause.

Auch wenn beide vorab noch nicht zu viel über die Vorträge verraten wollen, so steht fest, dass „Naturwissenschaft ebenso vertreten sein wird wie die Geisteswissenschaften – und der Humor nicht zu kurz kommt.“ Ein Erscheinen zum Einlass um 19 Uhr ist empfehlenswert, denn die vergangenen Ausgaben waren stets ausverkauft. Termin: Sonntag, 10. November, 20 Uhr, Zakk, Fichtenstr. 40, Düsseldorf. Eintritt: 10 €, Studierende 7 €.

Weitere Science Slams in der Region: 19.11. Münster (Raum L10 auf dem Albert-Schweitzer-Campus, Eintritt: 4 €.), 27.11. Köln (Club Bahnhof Ehrenfeld), 4.12. Bochum (Kammerspiele), 5.12. Dortmund (Fachhochschule). Eintritt: 10 €.

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