Erziehung

Zu viel Zeit vor dem Bildschirm ist für Kinder schädlich

Typisches Bild: Kind mit Handy. Doch wie viel Zeit vor einem Display ist gefährlich für die Gesundheit?

Typisches Bild: Kind mit Handy. Doch wie viel Zeit vor einem Display ist gefährlich für die Gesundheit?

Foto: imago stock / imago images/imagebroker

Berlin.  Smartphone, Tablet und TV: Kinder lieben Displays. Aber zu viel Zeit am Bildschirm hat schlimme Folgen. Worauf Eltern achten sollten.

Smartphone, Fernseher, Spielekonsole – Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit vor Bildschirmen. Das kann laut Kinderärzten und Wissenschaftlern ernsthafte Folgen für die Entwicklung der Kinder haben. Eltern können aber gegensteuern.

Smartphones und Tablets gehören für Kinder und Jugendliche heute immer früher zum Alltag. Sowohl bei den Sechs- bis Siebenjährigen (54 Prozent) als auch bei den Acht- bis Neunjährigen Kindern (56 Prozent) in Deutschland nutzt mehr als die Hälfte ein Smartphone – zumindest ab und zu. Bemerkenswert: Die Zahlen in beiden Altersgruppen haben sich seit 2014 mehr als verdoppelt. Das ergibt die Studie „Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt“, die der Digitalverband Bitkom im Mai 2019 vorstellte. Befragt wurden dabei 915 Kinder und Jugendliche.

Bildschirme: Kinder nutzen das Tablet, Jugendliche das Smartphone

Ein Tablet nutzen sogar vier von fünf Kindern der genannten Altersgruppen zeitweise. Mit steigendem Alter wird das Smartphone beliebter: Bei den Zehn- bis Elfjährigen nutzen bereits 82 Prozent ab und an eines. Ab zwölf Jahren aufwärts sind es fast alle Kinder und Jugendlichen (97 Prozent), die mindestens gelegentlich ein Smartphone in der Hand haben. Das Schauen von Filmen, Videos und Serien ist bei den Sechs- bis 18-Jährigen dabei die Lieblingsbeschäftigung auf dem mobilen Alleskönner.

Selbst die ganz Kleinen sitzen schon regelmäßig vor der Mattscheibe. Bei den Zwei- bis Fünfjährigen schaut gut jedes dritte Kind (34 Prozent) täglich 30 bis 60 Minuten fern, gut jedes zehnte (12 Prozent) sogar ein bis zwei Stunden. Das ergab 2017 die BLIKK-Medien-Studie des Bundesgesundheitsministeriums. Dabei hatten Kinderärzte 5.500 Kinder und Jugendliche in Deutschland untersucht und sie und ihre Eltern zu ihrem Umgang mit digitalen Medien befragt.

Wie wirkt sich Bildschirmzeit auf die Entwicklung aus?

Eine zu lange Bildschirmzeit pro Tag kann sich auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen negativ auswirken, warnen Wissenschaftler und Ärzte. Werden Kinder zu lange vor dem Bildschirm „geparkt“, kann sich das nicht nur auf die Augen auswirken, sondern auf die gesamte Entwicklung von Gehirn, Aufmerksamkeit und Sprache.

Die „Life Child“-Studie etwa deutet darauf hin, dass eine intensive Nutzung von Smartphone, Computer und dem Internet nicht nur das Wohlbefinden von Kindern verschlechtert. Es stellt auch einen Zusammenhang her mit auffälligem Verhalten, Schlafstörungen und schlechten Leistungen im Unterricht. Die Langzeitstudie am Uniklinikum Leipzig untersucht seit 2002 die Mediennutzung von knapp 5000 Kindern und Jugendlichen.

„Wenn Kinder schon sehr früh mit Smartphones, Tablets oder anderen Bildschirmen für mehrere Stunden allein gelassen werden, zeigen sich später Lernschwierigkeiten und vor allem schlechtere Ergebnisse in Mathematik“, kommentierte Prof. Wieland Kiess die Studie. Der Studienleiter ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Leipzig.

Geringe Aufmerksamkeit, mehr Gewicht und schlechtere Sprache

Demnach kommen 14-Jährige laut eigener Aussage auf fünf Stunden Bildschirmzeit pro Tag und sind mit dem Handy nur 30 Minuten am Tag offline, also nicht im Internet. Die Folgen laut Studie: Die Kinder sind unausgeschlafener, was sich auf Aufmerksamkeitsspanne und Gewichtsentwicklung auswirkt.

Die oben genannte BLIKK-Studie hat 2017 ebenfalls gezeigt, dass Zwei- bis Fünfjährige, die elektronische Medien mehr als 30 Minuten am Tag nutzten, Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung und Konzentrationsschwierigkeiten zeigten. Viele waren laut der Umfrage auch hyperaktiv. Ähnliches ließ sich auch bei den Sieben- bis 14-Jährigen beobachten.

Auch auf die Hirnstruktur von Heranwachsenden scheint sich lange Bildschirmzeit auszuwirken. Das zeigt unter anderem eine Studie des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center in Ohio, veröffentlicht 2019 im Fachmagazin Jama Pediatrics. Sie untersuchten 47 Kindern im Alter zwischen drei und fünf Jahren. Bei den Kindern mit mehr Bildschirmzeit war die sogenannte weiße Substanz im Hirn verändert, die für die Entwicklung von Sprache zuständig ist. Die betroffenen Kinder schnitten schlechter in sprachlichen Tests ab.

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Welche Bildschirmzeit ist in welchem Alter angemessen?

Somit stellt sich für Eltern die Frage: Welche Bildschirmzeit ist für meine Kinder angemessen und ab wann wird es bedenklich? „Eltern wollen am liebsten immer klare zeitliche Grenzen hören“, berichtet Dr. Iren Schulz. Die Medienpädagogin ist Mediencoach der Initiative „Schau Hin!“. „Das ist aber schwierig und kommt auf die Entwicklung an. Manche Kinder gehen schon nach einer halben Stunde die Decke hoch, andere verkraften mehr.“ Die Initiative „Schau Hin!“ hat Empfehlungen zur Bildschirmzeit für verschiedene Altersklassen erarbeitet. Diese sind angelehnt an die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO und weitere Studien. Demnach gelten je nach Altersklasse des Kindes folgende Empfehlungen für die Bildschirmzeit:

  • Bis 5 Jahre: 30 Minuten pro Tag
  • 6 bis 9 Jahre: 1 Stunde pro Tag
  • Ab 10 Jahre empfehlen die Experten ein flexibleres Wochenkontingent. Das sollte pro Lebensjahr entweder 10 Minuten Bildschirmzeit pro Tag oder eine Stunde pro Woche betragen.

Diese Richtwerte, so Schulz, könnten Eltern flexibel anpassen – nach Entwicklungsstand des Kindes und nach Situation. Etwa wenn das Kind für die Schule recherchieren muss oder wenn es krank oder in den Ferien bei schlechtem Wetter zuhause sitzt.

Die Seite Klicksafe.de zweier Landesmedienanstalten bietet Eltern ebenfalls Richtwerte für alle Altersklassen, bezieht sich allerdings auf das Surfen im Internet am Computer.

  • Bis 3 Jahre: 5 Minuten pro Tag
  • 4 bis 6 Jahre: ca. 20 Minuten pro Tag, nicht unbedingt täglich.
  • 7 bis 10 Jahre: 30 bis 45 Minuten pro Tag
  • 10 bis 13 Jahre: Verhandelbar, ca. 60 Minuten pro Tag
  • 14 bis 17 Jahre: Nutzungszeiten sollten noch abgesprochen werden. Die Mediennutzung sollte noch ausreichend Zeit für Schule, Ausbildung und andere Hobbies lassen.

Die Faustregel lautet: Je kleiner die Kinder sind, desto größer sollte der Anteil an bildschirmfreier Zeit im Alltag sein. Bei Säuglingen und Kleinkindern unter drei Jahren sollten Bildschirmmedien nicht zum Einsatz kommen, rät die Stiftung Jugend und Kind des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Die Experten betonen zudem, die Bildschirmmedien nie als Erziehungshelfer einzusetzen und damit das Kind belohnen, bestrafen oder zu beruhigen. Die Reißleine ziehen sollten Eltern, wenn das Kind über längere Zeit das reale Leben, Schule und Freunde vernachlässigt. Dann sollten Eltern professionelle Hilfe aufsuchen.

Bildschirmzeit mit dem Kind regeln: Was Eltern tun können

Wie gelingt es Eltern, die Bildschirmzeit ihrer Kinder auf ein gesundes Maß einzuschränken? Besser als strikte Verbote sind Experten zufolge klare Regeln und vor allem das Gespräch mit den Kindern über ihre digitalen Aktivitäten. So können Heranwachsende ihre eigenen Erfahrungen machen und daraus lernen – gemeinsam mit ihren Eltern. Damit die Bildschirmzeit auch akzeptiert und eingehalten wird, empfehlen Experten zusammengefasst drei Maßnahmen:

  • Eltern sollten klare Regeln aufstellen
  • Im Alltag dem Kind ein glaubwürdiges Vorbild sein
  • Das Kind zu bildschirmfreien Alternativen wie Bewegung animieren

Hilfreich ist es laut Experten, mit dem Kind klare Regeln bei der Bildschirmnutzung aufzustellen. Wie lange und zu welchen Uhrzeiten darf der Fernseher laufen oder sind Smartphone und Spielekonsole erlaubt?

Hilfreich können hier ab einem gewissen Alter Mediengutscheine sein. Darauf können Eltern und Kind gemeinsam vereinbarte Zeiten für bestimmte Geräte oder Medien eintragen, die das Kind flexibel einlösen kann. Vorlagen zum Ausdrucken bietet etwa die Seite Klicksafe zum Herunterladen an. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Online-Vorlage für den sogenannten Mediennutzungsvertrag. Die Dokumente halten spielerisch fest, was erlaubt ist. Kinder können sich darauf berufen und übernehmen schrittweise mehr Verantwortung.

Vorbild sein und Alternativen zum Bildschirm schmackhaft machen

Ein glaubhaftes Vorbild sein fällt Eltern oft nicht leicht – schließlich will man selbst auch mal fernsehen oder am eigenen Smartphone Dinge erledigen. Wichtig ist es aber, vor dem Nachwuchs keine Doppelmoral zu zeigen. Wer sich nach Feierabend sofort hinter Rechner oder Smartphone klemmt, das Kind aber auffordert, aktiv zu sein, wird auf taube Ohren stoßen.

Stattdessen sollten Eltern dem Nachwuchs vorschlagen, etwas gemeinsam zu spielen oder an die Frische Luft zu gehen. „Die Kinder finden es gut, wenn ihre Eltern mal Zeit haben und sie die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen“, berichtet Mediencoach Iren Schulz. Das sei angesichts der heutigen Reizüberflutung alles andere als ein Selbstläufer. „Medienfreie Auszeiten kommen nicht mehr von alleine. Die muss man sich als Familie wirklich schaffen und erkämpfen.“ Das falle vielen Eltern nicht leicht in Zeiten von Berufsstress und Smartphone. „Hat man das einmal geschafft, ist das wirklich eine sehr schöne, bewusste Zeit in der Familie“, sagt Schulz.

Problem nur in bildungsfernen Familien? Ein Mythos!

Wer das Problem von Kindern, die zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, auf so genannte bildungsferne Familien beschränkt, der mache es sich zu einfach, meint die Medienpädagogin. „Das ist dort zwar immer noch eher verbreitet. Tatsächlich gibt es aber auch zunehmend eine exzessive Mediennutzung in gut situierten oder bildungsnahen Familien.“ Dort würden beide Elternteile viel arbeiten, während sich der Nachwuchs oft lange alleine beschäftigen muss. Diese Kinder, so Schulz würden viel Zeit im Internet verbringen – und sich auf Social Media Plattformen ein soziales Umfeld suchen, was ihnen in der Realität fehlt.

Mehr Informationen zum Thema Bildschirmzeit und Erziehung:

Das Kind möchte endlich ein eigenes Smartphone? Ein Handy kann gefährlich sein, welche Geräte sich eignen und welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen. Und lesen Sie hier außerdem, ab welchem Alter Experten ein eigenes Gerät empfehlen würden. Die Auswirkungen von zu viel Zeit an Bildschirmen machen sich auch an der Handschrift bemerkbar. Lehrer warnen deshalb, dass sich die Handschrift der deutschen Schüler verschlechtert hat. Auch viele Eltern sind gestresst. Experten fordern deshalb: Schaltet doch mal das Handy aus! Immer wieder wird von Schulen ein Handyverbot diskutiert. Wie ist die Gesetzeslage dazu in Deutschland? Auch Erwachsene haben den Umgang mit dem Smartphone nicht immer im Griff: Wenn im Bett nur noch das Smartphone gedrückt wird.

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