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Cyber-Mobbing: Wie schütze ich mein Kind vor Hass im Netz?

Über das Smartphone verbreiten sich Hassbotschaften schnell. Jugendliche werden dadurch permanent mit Beleidigungen konfrontiert.

Über das Smartphone verbreiten sich Hassbotschaften schnell. Jugendliche werden dadurch permanent mit Beleidigungen konfrontiert.

Foto: Antonio Guillem / iStock

Berlin.  Cyber-Mobbing verbreitet sich über soziale Netzwerke. Dabei unterschätzen Eltern oft die Gefahren im Internet, wie eine Studie zeigt.

Lukas Pohland ist 12 Jahre alt, als er das erste Mal Morddrohungen per SMS erhält. Die Absender sind anonym. Im Internet findet der Schüler zudem Fotos von sich, darunter Beleidigungen und Hasskommentare. „Du bist so hässlich! Warum traust du dich überhaupt noch raus?“, ist dort zu lesen. Dabei, sagt der heute 14-Jährige, habe er nur einer Mitschülerin helfen wollen, die im Internet gemobbt wurde.

Wie Lukas sind schon viele Jugendliche in Deutschland mit Cybermobbing in Berührung gekommen. In einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest gab 2018 rund ein Drittel der befragten 1200 Schüler zwischen zwölf und neunzehn Jahren an, dass in ihrem Bekanntenkreis schon einmal jemand im Internet gemobbt wurde. 21 Prozent der Jugendlichen sagten außerdem, dass sie häufig Hassbotschaften im Netz begegnen.

Cyber-Mobbing reicht von Beleidigungen bis hin zu Drohungen

Die Beleidigungen im Internet werden laut des Reputations- und Online-Experten Christian Scherg in den meisten Fällen zwischen Menschen verschickt, die sich persönlich kennen. Dabei handelt es sich aber gerade in den sozialen Netzwerken nicht nur um ein Phänomen zwischen Opfer und Täter, oftmals seien auch anonyme Dritte beteiligt.

Dabei hat Cybermobbing verschiedene Gesichter: Es können Beleidigungen und Lügen sein, die in Chats verbreitet werden. Aber auch verletzende Bilder oder Videos bis hin zu Drohungen. Viele Eltern scheinen sich über die Gefahren, denen ihre Kinder im Netz ausgesetzt sind, nur wenige Gedanken zu machen.

Nur 40 Prozent der Eltern sorgen sich vor Hass im Netz

Dass Eltern die Gefahr von Cybermobbing sogar unterschätzen, zeigt eine aktuelle Studie des Softwareunternehmens Kaspersky, die unserer Redaktion exklusiv vorliegt. Demnach sorgen sich nur 40 Prozent der deutschen Eltern, dass ihr Kind im Internet gemobbt werden könnte.

Knapp 18 Prozent der Erwachsenen sagen sogar, dass diese latente Gefahr völlig überbewertet wird. Dabei sind die Väter tendenziell besorgter als die Mütter, wenn es darum geht, dass die eigenen Kinder von Cybermobbing betroffen sein können. Fast 45 Prozent der Befragten gaben hier an, dass sie Angst haben, ihr Kind könnte im Internet beleidigt werden, bei den Müttern waren es rund 35 Prozent.

Kaspersky-Sprecherin Anne Mickler hat eine Vermutung: „Ich denke, dass den Vätern eher bewusst ist, dass sie sich zu wenig darüber mit ihren Kinder austauschen.“ Laut der Studie des Softwareunternehmens gab jeder vierte Vater in Deutschland an, noch nie mit seinem Kind über Cybermobbing gesprochen zu haben. Bei den Müttern waren es 19 Prozent.

„Mobbing endet nicht mit dem Schulwechsel“

Überraschend sei für Mickler zudem gewesen, dass es eine unterschiedliche Bereitschaft bei den Eltern gab, mit ihren Kindern das Gespräch zu führen. „Vor allem die 55- bis 64-Jährigen waren mit fast 69 Prozent deutlich engagierter als die 25- bis 34-Jährigen mit rund 25 Prozent“, so Mickler.

Sie vermutet, dass die ältere Generation mehr darüber spricht, weil sie selbst teilweise weniger technikaffin seien als die jüngeren Eltern, die in einer digitalen Welt aufgewachsen sind und sich darin selbstverständlicher bewegen.

Gerade der Umgang mit den sozialen Netzwerken birgt große Gefahren. „Durch die neue Technik hat sich das Mobbing vom Schulhof ins Internet verlagert“, sagt Nadine Berneis, Expertin beim Bündnis Deutschland sicher im Netz e. V. (DsiN), „Cybermobbing nimmt allerdings andere Ausmaße an, da die Zielgruppe im Netz größer ist, die Opfer jederzeit zu erreichen sind und somit auch das Mobbing mit dem Schulwechsel beispielsweise nicht endet.“

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Gefährdet sind Menschen, die Persönliches preisgeben

Dem stimmt Online-Experte Scherg zu. Dabei sei die Gefahr, dass Mädchen Opfer von Internetmobbing werden, dreimal so hoch wie bei Jungen.

Seiner Meinung nach sind Jugendliche, die im Netz Unterstützung suchen und öffentlich über ihre Probleme sprechen, stärker gefährdet als andere, die persönliche Posts eher zurückhalten. „Wer sich in den sozialen Netzwerken öffnet und sich verletzlich zeigt, gibt einen wichtigen Schutzwall auf und wird dadurch schneller zum Opfer“, sagt Scherg.

Um sich als Schüler vor Cybermobbing zu schützen, gibt es für Scherg nur einen Weg: „Als Faustregel gilt: Alles, was ich nur meinem besten Freund erzählen würde und definitiv nicht am Schwarzen Brett in der Schule lesen will, hat im Netz nichts verloren.“

Außerdem sollte man immer ein Auge auf die Einstellungen der Apps haben. Oftmals würden auch Apps Berechtigungen verlangen, die man ohne darüber nachzudenken einfach bestätigt. „Keine Fitness-App braucht Zugriff auf Bilder und Videos“, bestätigt Mickler von Kaspersky.

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Chatverläufe und Beleidigungen dokumentieren

Wenn man im Internet gemobbt wird, sollte man sich nach Ansicht von Online-Experte Scherg Hilfe von Eltern, Freunden und Vertrauenspersonen holen. Um die Vorfälle zu dokumentieren und hinterher zur Anzeige zu bringen, sei es ratsam, Bilder von den Chatverläufen oder Beleidigungen zu machen.

Laut Scherg helfe es den Opfern auch, den Computer oder das Smartphone nach der Sicherung der Beweise auszuschalten und sich nicht immer wieder dem Hass im Netz auszusetzen. Anders als beim Mobbing auf dem Schulhof können Kinder den Beleidigungen im Internet nämlich nicht einmal zeitweise entkommen, indem sie die Zimmertür hinter sich schließen.

Eltern, die ihre Kinder vor Mobbing schützen wollen, rät DsiN-Expertin Berneis, den Nachwuchs von Beginn an für den Umgang mit persönlichen Daten im Internet zu sensibilisieren. Denkbar wäre hier zum Beispiel, gemeinsam einen Account zu erstellen und gewisse Regeln im Umgang mit den sozialen Medien abzustimmen. Verbote oder permanente Kontrolle haben für Uwe Leest, Vorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing, jedoch keinen Sinn.

Eltern sollten mit Kindern gemeinsam eine Lösung finden

Wer gemeinsam mit seinen Kindern vorab an Beispielen durchspiele, was schiefgehen könne, leiste damit die beste Präventionsarbeit, empfehlen die Experten. Werde das Kind Opfer von Cybermobbing, sollten die Eltern vor allem Verständnis zeigen und gemeinsam mit dem Nachwuchs eine Lösung finden – auch bei Nacktbildern oder anzüglichen Videos.

Vertrauen ist entscheidend: Eltern sind solche Situationen immer selbst unheimlich peinlich und sie sind überfordert“, sagt Scherg, „aber da muss man als Vater und Mutter darüberstehen, Verständnis zeigen und den Nachwuchs in jedem Fall unterstützen.“

Auch Lukas hat sich vor zwei Jahren schnell Hilfe gesucht. Von Schule und Polizei habe er damals wenig bis gar keine Hilfe erhalten. Aus diesem Grund hat er heute ein eigenes Hilfetelefon über den Cybermobbing-Hilfe e. V. ins Leben gerufen: „Ich weiß gewissermaßen, wie es ist, hilflos zu sein. Deswegen habe ich für Betroffene ein offenes Ohr.“

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