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Neue Nachhaltigkeitssiegel: Das testen nun dm, Lidl und Co.

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Unglaublich einfach: Duschgel selbst machen

Unglaublich einfach- Duschgel selbst machen

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Berlin.  Der Handel reagiert auf einen Megatrend: Ketten wie dm und Lidl testen Nachhaltigkeitssiegel und umweltneutrale Produkte. Ein Anfang?

Alle wollen jetzt den Planeten retten. Ökologie, so meinen Forscher und Unternehmensberater vom Frankfurter Zukunftsinstitut, werde der wichtigste Megatrend der 2020er-Jahre. „Aus Umweltbewusstsein wird eine gesellschaftliche Bewegung, Nachhaltigkeit wird zu Konsumtrend und Wirtschaftsfaktor.“ Die Analyse stammt aus dem Herbst 2019.

Die Anzeichen mehren sich, dass das Institut recht haben könnte. „Nachhaltiges Leben, nachhaltige Produkte, nachhaltige Ernährung, nachhaltiger Konsum – all diese Aspekte sind bei Verbrauchern gefragt wie nie zuvor“, bilanzieren die deutschen Sparkassen. Und auch der mächtige und umsatzstarke Einzelhandel ist in Bewegung geraten.

Lidl testet die Ökoampel für Produkte

Der Discounter Lidl beispielsweise prüft derzeit eine Art Ökoampel, die aufgedruckt auf Joghurt, Tee und anderem zeigen soll, wie nachhaltig das Lebensmittel ist. „Eco-Score“ nennt er das – fünf Buchstaben, ein dunkelgrünes A steht für die besten Werte, am Ende der Skala das rote E für die schlechtesten. Oder: Die Drogeriekette dm stellt eine neue Eigenmarke in ihre Regale: „Pro Climate“ heißt sie, darunter steht: „umweltneutrales Produkt“. Ist das echt – und mehr als ungewohntes Marketing?

„Wir gucken uns die Entwicklung in den nächsten Monaten weiter an, aber es erscheint beides glaubwürdig und sinnvoll“, sagt Jana Fischer von der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie hat sich mit den neuartigen Labeln wie bisher sonst kaum jemand beschäftigt. „Klimaneutrale oder CO2-neutrale Produkte gibt es schon überall, Knäckebrot, Kosmetik, Konserven“, sagt sie.

Unternehmen glichen dann die bei der Herstellung der Produkte anfallenden CO2-Emissionen mehr oder weniger aus, indem sie etwa Bäume pflanzten oder Klimaschutzprojekte unterstützten. „Das ist nun der nächste Schritt“, meint Fischer. Die Handelsketten nähmen sich auch andere Umweltwirkungen vor – im Sinne ihrer Kunden. Lesen Sie auch: So gut ist weniger Fisch- und Fleischkonsum fürs Klima

Zwei Dritteln der Deutschen ist Umwelt- und Klimaschutz sehr wichtig

Den Deutschen liege die Umwelt so stark am Herzen wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Das erklärte vor wenigen Tagen der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner. Regelmäßig wird die Einstellung der Deutschen zu Umweltfragen in einer repräsentativen Studie erfragt. Messner stellte die neuen Daten für 2020 zusammen mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze vor.

In den 1980er-Jahren, erklärte der UBA-Präsident, habe die Menschen der saure Regen und das Waldsterben, später dann die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gesorgt. Heute seien es Dürren, Bienensterben, Plastikmüll. 65 Prozent der Bevölkerung hielten derzeit Umwelt- und Klimaschutz für ein sehr wichtiges Thema – trotz Corona-Krise. Das war in der weltweiten Finanzkrise vor gut zehn Jahren noch ganz anders.

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Nur: Wäre es nicht besser, Ökoprodukte zu kaufen, anstatt sich auf ein „umweltneutral“-Versprechen oder einen „Eco-Score“ zu verlassen? „Sicher“, sagt Verbraucherschützerin Fischer, „aber immerhin ist das kein Greenwashing. Andere bilden Oliven auf eine Creme-Tube ab, werben mit ,natürlichem Wasser‘, kommen umweltfreundlich daher, sind es aber nicht.“ Der entscheidende Unterschied für sie: Lidl und dm haben sich ihre Label nicht einfach selbst ausgedacht.

Was sagt der „Eco-Score“ im Supermarkt aus?

Den Eco-Score gibt es schon seit Anfang des Jahres in französischen Supermärkten, er wurde dort von zehn französischen Unternehmen zusammen entwickelt. Berücksichtigt werden insgesamt 16 Kriterien, wie CO2-Fußabdruck, Wasser- und Landverbrauch. Hinzu kommt beispielsweise die Art der Verpackung, auch der Transport. Kriterien wie der Einsatz von Antibiotika und Pflanzenschutzmitteln oder das Tierwohl spielen allerdings keine Rolle.

In Frankreich kritisierten darum Umweltschützer, dass das Label Produkte aus intensiver Landwirtschaft womöglich zu gut bewerte. Befürworter entgegneten, dass sie sich der Grenzen des Scores bewusst seien, Verbraucher aber profitierten. So werde ein Weiderind aus Frankreich einen besseren Score haben als Fleisch von einem Rind aus Brasilien, das nie auf der Weide war. Fischer sagt: „Wenn ein Produkt ein grünes A oder B trägt, ist das eine gute Wahl.“

Die Drogeriekette dm hat ihr ProClimate-Sortiment – dazu gehören etwa Duschgel, Sonnencreme, Waschmittel – von Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin mitentwickeln lassen, um die Folgen für Klima, Überdüngung, Versauerung, Sommersmog und Ozonabbau möglichst klein zu halten. Sie haben die Verpackungen optimiert, auch die Inhaltsstoffe.

dm will verursachte Umweltkosten kompensieren

Trotzdem bleiben Ökoschäden. Um diese auszugleichen, haben Experten nach Standards des Umweltbundesamtes die Umweltkosten pro hergestelltem Produkt errechnet. Den Betrag will dm investieren – und Flächen in Deutschland kaufen, die durch Industrie- und Bergbauwirtschaft beeinträchtigt wurden. Das Essener Kompensationsunternehmen Heimaterbe soll diese bewirtschaften und renaturieren.

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Noch ist offen, ob sich die Nachhaltigkeitslabel durchsetzen. Lidl wird den Eco-Score jetzt zunächst in seinen Berliner Filialen testen. Doch der Konsument scheint es zu wollen. Verbraucherschützerin Fischer ist längst weiter. Sie will beim Megatrend Nachhaltigkeit keinen schwer durchzublickenden Label-Dschungel des Handels. Sie wünscht sich etwas anderes: „ein staatliches und gut kontrolliertes Nachhaltigkeitssiegel mit strengen Kriterien“.

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