Reiselust

Fredericksburg in Texas ist das Deutschland Amerikas

Fredericksburg, auch „Fritztown“, wurde benannt nach Prinz Friedrich W. L. von Preußen.

Fredericksburg, auch „Fritztown“, wurde benannt nach Prinz Friedrich W. L. von Preußen.

Foto: Stephen Saks / Getty Images/Lonely Planet Images

Fredericksburg   In Fredericksburg in Texas lässt sich erleben, wie deutsche Auswanderer eine neue Heimat fanden. Manches ist gar deutscher als zu Haus.

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Ein Reh hat es sich auf der hölzernen Veranda bequem gemacht. Es liegt dort und genießt die morgendlichen Sonnenstrahlen. Dass derzeit Gäste das alte Farmhaus von 1925 bewohnen, scheint es nicht sonderlich zu interessieren. Anders die halb wilden Katzen, die um unsere Füße streichen, während wir in der quietschenden Hollywoodschaukel unseren Kaffee trinken. Wir tun es dem Reh gleich, lassen uns durch nichts beeindrucken und schauen auf das weite, unberührt wirkende Land. Strohgelbes Gras steht dort, hier und da Bäume und Kakteen.

Weiter unten verläuft ein Fluss, dessen Ufer wir in den kommenden Tagen mit unseren Kindern erkunden wollen. Gute Plätze zum Angeln soll es dort geben. Andere Attraktionen für die Kleinen sind die Pferde und Kühe, die direkt gegenüber von unserem Domizil hinter einem hölzernen Gatter stehen und kauen, wenn sie nicht gerade vollkommen frei über das Grundstück spazieren.

Wie befinden uns auf der Monarc Ranch in Fredericksburg, im Hill Country von Texas. Die Region liegt etwa 100 Kilometer westlich von Austin, der Hauptstadt des US-Bundesstaates. Ein paar Tage lang echtes Landleben wollen wir hier genießen, der Empfehlung einheimischer Freunde folgend. Im Geiste danken wir ihnen schon jetzt. Die ersten oder einzigen Deutschen, denen es hier gefällt, sind wir allerdings nicht.

Im 19. Jahrhundert zogen zahlreiche Auswanderer aus unseren Gefilden ins Texas Hill Country, es ist heute wie kaum eine andere Region in den Vereinigten Staaten geprägt von deutschstämmigen Siedlern. In Fredericksburg, das mit etwa 10.000 Einwohnern als Hauptort des Hill Country gilt, ist das deutsche Erbe besonders lebendig.


Ältere Einwohner haben lustige Vokabeln: Stinktier heißt Stinkkatze

Mit dem Auto fahren wir 20 Minuten über staubige Wege und eine breite Schnellstraße, auf der uns Trucks und Pick-ups überholen. Dann sind wir im Zentrum der Stadt, die mit ihren ein- bis zweistöckigen, weiß gestrichenen Holzhäusern noch immer ein bisschen aussieht wie im 19. Jahrhundert. Auf dem „Marktplatz“, der auch wirklich so heißt und sich in einer deutschen Kleinstadt befinden könnte, treffen wir Evelyn Weinheimer.

„Wir pflegen die Traditionen, feiern zum Beispiel alljährlich zusammen den Zweiten Weihnachtstag, und singen zusammen Lieder“, sagt sie in fließendem Deutsch. Evelyn Weinheimer ist in Fredericksburg als Tochter deutschsprachiger Eltern geboren. Im Pioneer Museum, das die Geschichte der deutschen Siedler anschaulich erzählt und direkt hinter dem Marktplatz liegt, ist sie für das Archiv und für Besucherführungen zuständig.

Zu der Frage, was aus ihrer Sicht typisch deutsch ist, sagt sie: „Wir packen an, wir kümmern uns. Und wir sind gerne mit unseren Familien zusammen.“ Weinheimers Deutsch ist akzentfrei, wenig anders als Hochdeutsch. „Hier im Hill Country haben sich die Akzente vermischt“, sagt sie dazu. Aber einige ältere Einwohner, die das alte Texasdeutsch mit einigen besonderen Vokabeln wie „Luftschiff“ für Flugzeug und „Stinkkatze“ für Stinktier sprechen, gebe es auch noch.

Verbindungen zum heutigen Deutschland hält Fredericksburg, das kurz „Fritztown“ genannt wird, unter anderem über eine Städtepartnerschaft mit Montabaur in Rheinland-Pfalz. Warum man auf die Vorfahren hier im Hill Country so stolz ist, liege auch an der ganz eigenen, ungewöhnlichen Vergangenheit: „Die deutschen Siedler in Fredericksburg haben den einzigen Vertrag mit amerikanischen Ureinwohnern geschlossen, der nie gebrochen wurde“, erklärt Evelyn Weinheimer. An die damaligen Verhandlungen, während derer die Comanchen in der Umgebung Feuer entzündeten, werde in Fredericksburg noch heute mit besonderen Osterfeuern erinnert.

Die ersten deutschen Siedler wohnten in „Sunday Houses“

Rosemarie Mazanke, ebenfalls deutschstämmig und auch im Pioneer Museum tätig, ergänzt: „Das deutsche Erbe ist mittlerweile auch ein touristischer Faktor.“ So werde auf dem Marktplatz beispielsweise ein dreitägiges Oktoberfest gefeiert, das alljährlich mehr als 20.000 Besucher in die Stadt locke. Auch unabhängig von diesem Termin ist „Fritztown“ ein beliebtes Ausflugsziel, wie bei einem kleinen Stadtspaziergang deutlich wird. Ältere Herren mit weißem Haar unter dem Cowboyhut begleiten ihre Gattinnen durch Souvenirläden an der Main Street, die texanische Heimatromantik verbreiten und Cowboystiefel, Jeans und Holzfällerhemden anbieten.

Interessant auch für jüngere Ausflügler, einige von ihnen mit Kindern an der Hand, ist der „Ausländer Biergarten“, der Speis und Trank wie in Bayern verspricht. Der deutschen Tradition sehen sich auch Restaurants wie der „Lindenbaum“ verpflichtet, „Opa’s Smoked Meat“ bietet Rauchfleisch und mehr – und wer Kuckucksuhren, Trachten und Dirndl sucht, wird im Geschäft von Paula Kager fündig.

Besucher, die es ruhiger mögen, besuchen in den Nebenstraßen des historischen Zentrums eines der „Sunday Houses“, eingeschossige Holzgebäude mit überdachter Veranda, in denen die ersten deutschen Siedler wohnten. Oder sie besichtigen die sechseckige „Vereins Kirche“ am Rande des Marktplatzes, von der heute allerdings nur noch eine Reproduktion aus dem Jahr 1935 steht.

Viele der Bewohner sind deutschstämmig

Noch ruhiger geht es – zumindest abseits der Wochenenden und Feiertage – auf der Sauer-Beckmann Living History Farm zu. Hier kann bestaunt und erlebt werden, wie das Landleben vor einem Jahrhundert aussah. Kurz entschlossen machen wir einen Abstecher zu dem Anwesen, das zum Lyndon B. Johnson State Park gehört und nur eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt im Nachbarort Stonewall liegt. Kühe, Schweine und Schafe empfangen uns auf dem Anwesen, auf dem ab 1869 die deutsche Familie Sauer und später die Familie Beckmann siedelten.

Dann begegnen wir Parkmitarbeitern, die – sehr zum Staunen unserer Kinder – historische Farmerkleidung tragen und anhand der historischen Gerätschaften im Bauernhaus auch erklären können, wie einst Butter und Käse gemacht, Korn gemahlen und Essen konserviert wurde. Die originalgetreu restaurierten Gebäude mit ihren kleinen Zimmern und Stuben, den knarrenden Dielen und vor vielen, vielen Jahren einmal handgefertigten Möbeln sind mehr als sehenswert. Details wie die schmiedeeisernen Betten mit Nachttopf, gerahmte Mahnungen zum täglichen Gebet oder eine Spieluhr, die „Für Elise“ spielt, geben uns ein Gefühl dafür, wie sich der damalige Alltag der Siedler angefühlt haben mag.

Und wie sieht das Leben der heutigen, deutschstämmigen Bewohner von Frede­ricksburg aus? Rosemarie Mazanke hat uns eingeladen, sie auf ihrer Farm zu besuchen. Anhand ihrer detaillierten Wegbeschreibung – das Navi hilft nicht viel – sind wir an Bauernhöfen vorbei über kleine Sandstraßen gefahren und haben das auf einem Hügel gelegene Anwesen schließlich gefunden. Rosemarie und ihr Mann Wilfried empfangen uns fröhlich, schon bald sind wir umringt von Schafen, die die beiden Rentner auf ihrem Grundstück züchten. Zu einem Plausch setzen wir uns auf die Terrasse, von der wir Fredericksburg und das ganze Umland überblicken.


Sie helfen einander zum Beispiel, alte Briefe in Sütterlin zu entziffern

Während im Hintergrund leise Countrymusik aus einem Radio ertönt – etwas anderes scheinen die Sender hier nicht im Programm zu haben – erzählen die beiden ein bisschen von sich. Rosemarie ist als Tochter bayerischer Eltern in New York geboren, wo sie auch Wilfried traf. Der, geboren im heutigen Brandenburg in der Nähe der Oder, war in den 50er-Jahren aus der DDR geflohen und schließlich in die USA ausgewandert.

Später lebten die beiden in Dallas, heute genießen sie ihren Ruhestand im Hill Country. Beide sind in der deutschen Gemeinde in Fredericksburg aktiv, Rosemarie hilft zum Beispiel anderen US-Bürgern dabei, mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. „Es kommen immer wieder Menschen nach Fredericksburg, die deutsche Vorfahren haben und dann alte Briefe in Sütterlinschrift mitbringen. Evelyn und ich helfen ihnen dann dabei, sie zu übersetzen.“

Andere Besucher sind auch an deutschen Traditionen interessiert, aber eher aus einem anderen Bereich. Die Rede ist vom Weinanbau. Rosemarie deutet auf ein schmales graues Band, das unten zwischen den Hügeln verläuft. „Dort unten, am Highway 290, liegen viele Weingüter. Unsere Region ist mittler­weile die Nummer drei in den USA unter den Weinproduzenten.“ Die Güter in Frede­ricksburg, die oftmals deutsche Namen wie ­„Becker“ oder „Kuhlman“ tragen, sind ein Anziehungspunkt für Ausflügler geworden.

Im Space Center können Mondfahrzeuge und Raketen bestaunt werden

Der „Texas Wine Trail“ verbindet die Produzenten, Shuttlebusse bringen Gäste von einem Gut zum nächsten. Bier nach deutscher Brauart gibt es natürlich auch. Die „Altstadt Bre­wery“, auch am Highway 290 gelegen, rühmt sich, nicht nur mit deutschem Equipment zu arbeiten, sondern auch einen „German Brewmaster“ zu haben. Der Betrieb kann natürlich besichtigt werden, ein Restaurant gibt es auch. Zum Probieren brauchen wir allerdings nicht hinzufahren, Wilfried hat einige „Altstadt“ in seinem Kühlschrank, die er seinen Gästen anbietet.

Als wir auf der Monarc Ranch zurück sind, wird es langsam Abend. Auf der Terrasse unseres Hauses, das den Namen „Among the Crepe Myrtles“ trägt und eines von drei Gäste­häusern ist, bereiten wir den Tisch vor. Es gibt ein Barbecue, unsere Gastgeber Monica und Mark haben uns ein paar Rindersteaks spendiert, „aus eigener Produktion“. Dazu Rotwein von den Becker Vineyards. Natürlich bietet die Ausstattung unseres Farmhauses auch einen großen Grill – man ist schließlich in Texas.

Der weite Himmel färbt sich rot. Später werden wir, so wie gestern Nacht, wieder den beeindruckenden Sternenhimmel bestaunen können. Und sollten wir oder unser Nachwuchs doch Abwechslung vom ländlichen Idyll brauchen – jener Ort, von dem aus die Ame­rikaner einst den Weltraum eroberten, ist für amerikanische Verhältnisse recht nah gelegen.

Das Lyndon B. Johnson Space Center befindet sich etwas außerhalb von Houston, etwa vier Stunden mit dem Auto entfernt. Hier können Mondfahrzeuge und Raketen bestaunt werden sowie noch viele weitere Ausstellungs­stücke, die für große und kleine Kinder interessant sind. Das Gestern und das Heute liegen in Texas nahe beieinander.

Aber warum in die Ferne schweifen? So ähnlich denken es sich wohl auch die Katzen, die wieder um unsere Beine streichen, während das Reh von heute Morgen irgendwo auf dem weiten Grundstück in der Dämmerung herumspaziert – und vielleicht in ein paar Stunden wieder, bei den ersten Sonnenstrahlen, seinen Platz auf der Veranda einnimmt.

Tipps & Informationen

Zum Beispiel Lufthansa oder United Airlines bieten Flüge von Frankfurt/M. nach Houston. Danach weiter mit dem Mietwagen.


Wohnen zum Beispiel auf der Monarc Ranch, 1659 Jung Lane, Fredericksburg, www.monarcranch.com. Ebenfalls sehr schöne Gästehäuser bietet die Agarita Creek Ranch, 968 Braeutigam Road, Fredericksburg, www.agaritacreek.com


Das Pioneer Museum erzählt die Geschichte der deutschen Siedler (309 Main Street, Fredericksburg, www.pioneermuseum.net). Das National Museum of the Pacific War (340 East Main Street, Fredericksburg, www.pacificwarmuseum.org) informiert über die USA und Japan im 2. Weltkrieg.


Gut für Ausflüge geeignet ist der Lyndon B. Johnson State Park im Nachbarort Stonewall (tpwd.texas.gov/state-parks/lyndon-b-johnson). Naturfreunde kommen in der Enchanted Rock State Natural Area in Fredericksburg auf ihre Kosten (tpwd.texas.gov/state-parks/enchanted-rock) Weitere Auskunft auf www.visitfredericksburgtx.com

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