Bindegewebe

Was taugen Faszien-Rollen? Experten raten zur Vorsicht

Beim Arbeit mit der Faszienrolle sollte nicht zu viel Druck ausgeübt werden.

Beim Arbeit mit der Faszienrolle sollte nicht zu viel Druck ausgeübt werden.

Foto: istock / iStock

Berlin.  Das Bindegewebe zu trainieren, soll Schmerzen lindern oder Verletzungen vorbeugen. Belastbare Nachweise gibt es allerdings kaum.

Faszientraining liegt im Trend. Ob Fitnessstudio, Physiotherapeut oder Rückenkurs – viele haben die Arbeit am Bindegewebe entdeckt. Die Liste der positiven Effekte ist lang: Sie soll Schmerzen lindern, die Beweglichkeit fördern, den Körper straffen, Erkrankungen der Muskeln und Gelenke mildern, die Leistung steigern oder Verletzungen vorbeugen. Doch was verbirgt sich hinter dem Trend? Und was ist dran an den Gesund­heits­versprechen?

Selbst unter Wissenschaftlern ist nicht eindeutig geklärt, was die Faszien eigentlich sind. „Reden drei Leute über Faszien, meinen drei Leute etwas Unterschiedliches“, erklärt Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Beim Jahreskongress der Gesellschaft für orthopädisch-traumatologische Sportmedizin (GOTS) habe es zuletzt sogar einen Vortrag gegeben, der sich nur mit der Definition beschäftigt habe. „Aber auch da war für mich noch nicht ganz klar, ob es das wirklich getroffen hat“, sagt der Sportmediziner.

Faszien – ein Netz aus Fasern, das Muskeln und Organe stützt

Viele Wissenschaftler und Forscher orientieren sich an der Definition der internationalen Fascia Research Society. Das Bindegewebe wird dort als Netz aus Fasern beschrieben, das sich durch den ganzen Körper spannt. Es hält Muskeln, Muskelfasern und Organe an ihrem Platz und verleiht Stabilität, umhüllt Gelenke und Nerven.

Es ist dabei elastisch und flexibel und macht Bewegungen geschmeidig. Zudem verfügen Faszien über Nerven und Rezeptoren. Einige Wissenschaftler halten sie deshalb für das größte Sinnesorgan des Menschen.

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Faszien sind schmerzempfindlicher als Muskeln

In der westlichen Medizin führten die Faszien lange Zeit ein stiefmütterliches Dasein. Sie hatten den Ruf von passivem Verpackungsmaterial. In Anatomiekursen fielen sie meist schnell dem Skalpell zum Opfer, da das dünne weißliche Gewebe den Blick auf die Muskeln des Körpers verstellte.

Das bestätigt auch Winfried Banzer von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Inzwischen aber wisse man, dass das Gewebe eine höhere Nervendichte und Schmerzempfindlichkeit besitze als Muskeln und somit bei diversen orthopädischen Beschwerden relevant sein könnte.

Die Liste der Forschungsarbeiten zum Thema ist in den vergangenen Jahren immer länger geworden – auch wegen moderner Forschungsmethoden, mit denen sich das Bindegewebe immer besser darstellen lässt. So erklärt sich auch der immer noch anhaltende Hype um das Faszientraining.

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Faszien-Rolle – Ergebnis des Trainings noch unklar

Kritiker sehen darin eine Gefahr. Noch sei viel zu wenig über die Faszien bekannt, um insbesondere die langfristigen Wirkungen eindeutig abschätzen zu können. „Die Frage, wie welche Belastungen die Faszien verändern, ist nicht vollständig geklärt“, sagt Bloch.

„Wenn Faszientrainer beispielsweise mit einer Hartschaumrolle arbeiten, dann wissen sie nicht ganz genau, was am Schluss dabei rauskommt.“ Auch wissenschaftliche Nachweise für die Wirksamkeit von Übungen mit der Massagerolle existierten bislang kaum, warnt die GOTS.

Studie:

„Fascial Fitness“-Erfinder: Fitnessindustrie lebt von Trends

Robert Schleip, Humanbiologe und Leiter der Forschungsgruppe Faszien an der Universität Ulm, kann den Hype um das Faszientraining zumindest teilweise verstehen. Kein Wunder eigentlich: Durch seine Forschung wurde das Thema in Deutschland populär. Außerdem hat er eine eigene Trainingsform entwickelt, die er unter dem Namen „Fascial Fitness“ vermarktet.

„Die Fitnessindus­trie lebt nun mal von aufgebauschten, vielversprechenden Trends“, sagt Schleip. „Es wird nie in Schachtelsätzen, sondern immer in Absolutismen geredet.“ Das sei zwar ganz anders als in der ihm vertrauteren, ernsthaften Wissenschaftssprache, aber man müsse in der Fitnessindustrie Begeisterung erzeugen.

„Sonst bewegen sich die Leute nicht“, erklärt er. „Und das kann man offenbar nur mit Schwarz-Weiß-Übertreibungen machen.“ Alles sei super und mega, Muskeltraining out, Faszientraining in.

Verzicht auf Faszientraining auch nicht richtig

Doch auch Schleip mahnt zur Vorsicht: „Wer jetzt sagt, es sei wissenschaftlich bewiesen, wie Faszien-Rollen wirken und welche Geschwindigkeit besser sei als eine andere, der hat von Wissenschaft keine Ahnung.“ Deshalb auf das Training zu verzichten, sei aber der falsche Ansatz.

Das meint auch Winfried Banzer: „Wir sind nicht in einer Situation, in der wir uns darüber beschweren können, dass zu viele Leute etwas für ihren Körper machen. Und ich sehe jetzt keine große Gefahr, dass man da viel kaputtmachen kann.“

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Bindegewebe lieber unter Aufsicht trainieren

Wilhelm Bloch betont, dass man das Faszientraining in die Hände von Erfahrenen legen müsse, „die wissen, wie man es richtig anwendet“. Wer eine Rolle falsch benutze, der könne seine Venenklappen durch zu hohe Gewebsdrücke schädigen. „Das kann dazu führen, dass es auf die Dauer zu einer Veneninsuffizienz kommt“, sagt Bloch. Oder man schädige durch den Druck das Endothel, die Zellschicht an der Innenfläche der Blut- und Lymphgefäße. Andere Kritiker fürchten, es könnten sich Thrombosen lösen.

Diese Gefahren möchte Robert Schleip zum jetzigen Zeitpunkt nicht ganz ausschließen, auch wenn ihm bislang keine Fälle bekannt seien. Blutern, Menschen mit Venenproblemen, frischen Verletzungen oder Narben rät er aber ohnehin von Faszienrollen ab. Dass es durch zu hohen Druck mit Rolle oder Ball zu Verletzungen kommen kann, hat er aber auch schon bei gesunden Personen erlebt: blaue Flecke, Besenreiser, sogar gebrochene Rippen gab es vereinzelt.

Druck auf das Gewebe löst Verspannungen – nicht das Rollen

„Es ist wichtig, beim Training auf die Schmerzsignale des Körpers zu hören und es nicht zu übertreiben“, sagt Schleip – das gelte bei jeder Art des Faszientrainings. Bei der Arbeit mit der Rolle solle man darauf achten, nicht beide Unterschenkel, so wie früher propagiert, übereinander zu nehmen und so über die Rolle zu schieben. „Das kann natürlich zu Überlastungen führen.“ Hier solle mit sanftem Druck gearbeitet werden.

Laut Experte Banzer habe den Haupteffekt ohnehin nicht das Rollen, das hätten erste Untersuchungen gezeigt. Wie bei den Osteopathietechniken sei es der Druck auf das Gewebe, der die Verspannungen löse. „Ich sage meinen Patienten daher, sie sollen mithilfe des Rollens schauen, wo ein besonders empfindlicher Punkt ist, und dann dort punktuell für etwa 30 Sekunden verweilen.“

Hintergrund:

Besseres Faszientraining: Springseil und Gummitwist

Geht es nicht um den Therapieeffekt, sondern wirklich um ein Training der Faszien, hält Schleip die gehypte Rolle für verzichtbar: „Auch wenn es sich schlechter verkaufen lässt, halte ich das Sprungseil und den Gummitwist für ein noch besseres Faszientraining.“

Wenn jemand die Wahl habe, zweimal die Woche auf die Rolle zu gehen oder zweimal die Woche mit seinen Kindern Gummitwist zu hüpfen, dann würde er in den meisten Fällen sagen – „lieber Gummitwist“.

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